Millionen Kino- und Musikfans auf der ganzen Welt stürmen seit dem 22. April 2026 die Lichtspielhäuser, um „Michael“ zu sehen. Das von „Training Day“-Regisseur Antoine Fuqua inszenierte Biopic ist ein veritabler Blockbuster und auf dem besten Weg, sogar den bisher als uneinholbar geltenden Erfolg von „Bohemian Rhapsody“ als einnahmenstärkstes Musiker-Biopic aller Zeiten in den Schatten zu stellen.
Viele Kinogänger*innen sind besonders von den aufwendig ins Bild gesetzten und extrem authentisch aussehenden Reproduktionen entscheidender Karrieremomente des 2009 verstorbenen Superstars Michael Jackson begeistert. Viele davon spielen sich auf Konzertbühnen oder während der Produktion seiner legendären Musikvideos ab.
"Thriller" revolutionierte das Musikvideo-Medium
Der vielleicht beeindruckendste dieser Momente in „Michael“ dürfte das „Making of“ des bahnbrechenden, in der Realität fast eine Viertelstunde dauernden Videoclips zu „Thriller“ sein, der 1983 über mehrere Tage in Los Angeles realisiert wurde. Die Regie führte damals John Landis.
In den 1980ern und 1990ern war Landis einer der erfolgreichsten und populärsten Regisseure, die Hollywood zu bieten hatte. Vor „Thriller“ hatte er bereits große Hits wie unter anderem „Die Glücksritter“, „American Werewolf“ und den 5-Sterne-Spaß „Blues Brothers“ in die Kinos gebracht. „Thriller“ war sein erstes in einer Reihe von mehreren von ihm inszenierten Musikvideos. Danach drehte er unter anderem mit weiteren Topstars wie Blues-Gitarrist B.B. King und The-Beatles-Legende Paul McCartney. Für Michael Jackson machte Landis 1991 noch den Clip zum Nummer-1-Hit „Black Or White“.
„Thriller“ revolutionierte das Medium Musikvideo geradezu. Zeigte der Clip doch, dass es möglich war, viel mehr mit diesem Sujet zu machen, als nur die Musiker beim Spielen ihrer Songs zu zeigen. Das wegen seiner durchdachten (Horror-)Story und der aufwendigen Produktion oft auch als Kurzfilm bezeichnete Video gewann jede Menge Preise und wurde von MTV damals fast in Dauerschleife gezeigt. Kaum eine Stunde verging, in der „Thriller“ nicht mindestens einmal ausgestrahlt wurde.
Ein Meisterregisseur als Witzfigur! Warum?
Fans von John Landis und seinen Filmen, zu denen später auch noch unter anderem Hits wie „Der Prinz aus Zamunda“, „Beverly Hills Cop 3“ und „Kopfüber in die Nacht“ zählten, dürften sich beim Anschauen von „Michael“ allerdings mehr als nur ein wenig darüber gewundert haben, wie der Meisterregisseur im Film dargestellt wird. Der Dreh des „Thriller“-Clips wird von Antoine Fuqua sehr umfangreich gezeigt. Dabei ließ man es sich von Seiten der Produktion einiges kosten, diesen Höhepunkt in Jacksons Karriere extrem detailgetreu zu reproduzieren. So wurde unter anderem wieder exakt an der Location im Stadtteil Boyle Heights gedreht. Und dann hat der Mann, der das Ganze im wahren Leben überhaupt erst möglich gemacht hat, in „Michael“ nicht einmal eine einzige Zeile Dialog und ist obendrein auch nur von hinten zu sehen? Das ist schon sehr auffällig.
Um dem Affront endgültig die Krone aufzusetzen, muss sich der erfahrene Blockbuster-Lieferant John Landis (verkörpert wird er von Fuquas Produktionsassistenten Jono Petrie) dann auch noch von dem beim Filmemachen komplett unerfahrenen Sänger (gespielt von Jaafar Jackson) mehrfach sagen lassen, wie er seinen Job zu erledigen hätte. Das war bei aller Bewunderung für die wirklich großartig aussehende Szene komplett unnötig – auch weil es in der Realität wohl ganz sicher anders gelaufen sein dürfte.
Aber warum gibt es in „Michael“ eine solche Respektlosigkeit Landis gegenüber? Denn schließlich hatte sich Filmfan Jackson damals selbst Landis als Regisseur für „Thriller“ gewünscht, weil er „American Werewolf“ so sehr liebte. Zudem war er mit dessen Arbeit an „Thriller“ offensichtlich so zufrieden, dass er ein paar Jahre später erneut mit ihm kollaborierte.
Der Grund dürfte darin zu finden sein, dass John Landis 2009 Jacksons Erbengemeinschaft wegen eines anhaltenden Streits um die Tantiemen für das „Thriller“-Video verklagte, da Jackson ihm 50 Prozent der Einnahmen vorenthalten habe. Der Rechtsstreit wurde 2012 mit der Zahlung einer nicht genannten Summe außergerichtlich beigelegt. 2013 sagte Landis: „Mein Vertrag war mit Michaels Firma, und diese Firma wurde schlecht geführt ... Ich habe sie 14 Jahre lang immer wieder verklagen müssen.“ Auch Schauspielerin Ola Ray, die in dem Video Jacksons Freundin spielt, verklagte Jacksons Firma im Mai 2009, einen Monat vor seinem Tod – ebenfalls wegen ausstehender Tantiemen. 2013 einigte man sich auf eine einmalige Zahlung in Höhe von 75.000 Dollar.
Die Erbengemeinschaft um Jacksons Familie sowie seinen jahrelangen Anwalt und Manager John Branca (im Film gespielt von „Top Gun 2: Maverick“-Star Miles Teller) gehört zu den primären Produzent*innen von „Michael“. Als solche nahmen Branca und die Hinterbliebenen massiven Einfluss auf alles, was im Film zu sehen ist. Da man aufgrund der Klagen relativ sicher nicht allzu gut auf John Landis zu sprechen war, könnte seine Marginalisierung auf der Leinwand so etwas wie eine Art Vergeltung oder späte Rache sein. Zudem sind weder Landis noch Ola Ray (gespielt von Fuquas Tochter Asia) im Abspann namentlich genannt. Stattdessen steht dort lediglich „‚Thriller‘ Short Film Director“ beziehungsweise „‚Thriller‘ Girlfriend“...
Zum Abschluss haben wir hier die Ausgabe des FILMSTARTS-Podcasts „Leinwandliebe“, die sich ausführlich mit „Michael“ beschäftigt. Und natürlich sind dabei auch die „Thriller“-Sequenz und John Landis ein Thema. Viel Spaß damit:
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