"Ein mutiger und wichtiger Film": Stanley Kubrick war von diesem 4-Stunden-Kriegsfilm so beeindruckt, dass er dem Regisseur einen Brief schrieb
Sebastian Groß
Sebastian Groß
-Freier Autor
Manchmal fühlt er sich alt, weil er damals „The Big Lebowski“ oder „Matrix“ zum Kinostart gesehen hat. Andererseits konnte er damals „The Big Lebowski“ und „Matrix“ zum Kinostart sehen. Zum Glück behält er das für sich, außer jemand fragt ihn. Jetzt fragt ihn halt endlich.

Der legendäre Stanley Kubrick war so beeindruckt von einem überlangen Kriegsfilm, dass er dem Macher persönlich schrieb. Warum dieses Werk selbst Kino-Ikonen wie den "2001"-Macher nachhaltig faszinierte, liest du hier.

Stanley Kubrick gilt bis heute als einer der einflussreichsten Regisseure aller Zeiten. Mit Klassikern wie „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968), „Uhrwerk Orange“ (1971) oder „Shining“ (1980) prägte er das moderne Kino wie kaum ein anderer Filmschaffender. Seine Werke wurden zu Meilensteinen der Filmgeschichte, analysiert in Universitäten, diskutiert von Kritiker*innen und verehrt von Generationen von Cineast*innen. Gleichzeitig besaß Kubrick den Ruf eines kompromisslosen Perfektionisten, der mit Lob äußerst sparsam umging (wenn er aber dann lobte, dann auch richtig).

Umso bemerkenswerter ist es, wenn ihn ein Film derart beeindruckte, dass er dem verantwortlichen Regisseur persönlich einen Brief schrieb. Genau das geschah nach der Sichtung eines monumentalen Dokumentarfilms über den Zweiten Weltkrieg, die Nürnberger Prozesse und die moralischen Folgen staatlicher Verbrechen. Kubrick bezeichnete das Werk darin als „einen mutigen und wichtigen Film“ – ein außergewöhnliches Kompliment aus dem Mund eines Filmemachers, der selbst als cineastisches Genie galt.

Über vier Stunden, von denen Kubrick begeistert war

Gemeint ist „The Memory Of Justice“ von Regisseur Marcel Ophüls („Das Haus nebenan“). Die über vier Stunden lange Dokumentation aus dem Jahr 1976 zählt zu den bedeutendsten politischen Dokumentarfilmen der Filmgeschichte. Ophüls beschäftigt sich darin mit den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg und untersucht die komplizierte Beziehung zwischen Schuld, Verantwortung und moralischer Rechtfertigung.

Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die nationalsozialistischen Verbrechen, sondern auch Fragen nach Kriegsverbrechen anderer Nationen und der universellen Verantwortung politischer Systeme. Zeitzeuginnen, Juristinnen, ehemalige Militärangehörige sowie Intellektuelle kommen ausführlich zu Wort. Gerade diese schonungslose Offenheit machte den Film damals hochkontrovers. Denn Ophüls stellte unbequeme Fragen zur moralischen Doppelmoral westlicher Gesellschaften und zur selektiven Aufarbeitung historischer Schuld.

Marcel Ophüls zerlegte dabei einfache Schwarz-Weiß-Erzählungen mit dokumentarischer Präzision. Statt klarer Heldengeschichten zeigte er moralische Grauzonen, institutionelle Verantwortung und die komplizierten Mechanismen politischer Rechtfertigung. Heute gilt „The Memory Of Justice“ als Meilenstein des politischen Kinos und als eines der wichtigsten Werke über Erinnerungskultur, Schuld und den Zweiten Weltkrieg.

Warum Stanley Kubrick von Marcel Ophüls’ Film begeistert war

Dass Stanley Kubrick den Film bewunderte, wissen wir heute dank der Dokumentation „Un Voyageur“ aus dem Jahr 2013. In dem Film blickt Ophüls auf sein eigenes Leben sowie seine Arbeiten zurück und präsentiert dem Publikum einen handgeschriebenen Brief vom Meister-Regisseur. Hier könnt ihr die entsprechende Szene sehen:

Für einen Regisseur wie Kubrick, der öffentlich nur selten Begeisterung für andere Werke äußerte, ist das bemerkenswert genug. Besonders aufschlussreich ist dabei seine Formulierung: Kubrick bezeichnete „The Memory of Justice“ als „einen mutigen und wichtigen Film“. Die Bewunderung überrascht allerdings kaum, wenn man Kubricks eigene Filmografie betrachtet.

Der Regisseur beschäftigte sich während seiner gesamten Karriere immer wieder mit Krieg, Gewalt und moralischen Abgründen. Bereits in „Wege zum Ruhm“ von 1957 (den ihr euch unbedingt einmal anschauen solltet) analysierte er die Grausamkeit militärischer Strukturen und zeigte, wie politische Systeme Menschen opfern, um Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Jahrzehnte später untersuchte er in „Full Metal Jacket“ (1987) erneut die psychologischen Verwüstungen des Krieges und die Entmenschlichung junger Soldaten.

Kubrick interessierte sich dabei nie nur für Schlachten oder historische Ereignisse, sondern vor allem für Schuld, Gehorsam und die Zerbrechlichkeit moralischer Überzeugungen. Genau deshalb dürfte ihn „The Memory Of Justice“ so nachhaltig beeindruckt haben. Marcel Ophüls zeigte darin historische Verbrechen nicht als einfache Erzählung von Gut und Böse, sondern als komplexes Geflecht aus Verantwortung, Verdrängung und moralischer Selbstrechtfertigung.

Wer sich für Stanley Kubrick und die Filme interessiert, die ihn selbst beeinflussten oder beeindruckten, sollte Marcel Ophüls’ monumentale Dokumentation unbedingt kennen. Dass Kubrick dieses Werk als „mutig und wichtig“ bezeichnete, verrät viel über seinen Blick auf das Kino und darüber, welche Filme ihn wirklich bewegten. Mehr zu Kubrick und seinem Verhältnis zu außergewöhnlichen Regiearbeiten erfahrt ihr in diesem FILMSTARTS-Artikel:

"Er sprach noch kurz vor seinem Tod begeistert darüber": Meisterregisseur Stanley Kubrick war regelrecht besessen von diesem Kriegsfilm-Meisterwerk

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