Im Jahr 2019, als Regie-Legende Martin Scorsese gerade sein Mafia-Epos „The Irishman“ bewarb, löste er mit seiner berühmten Aussage, Superhelden-Filme seien „kein Kino“, eine hitzige Debatte aus. Denn obwohl er diese Filme handwerklich für durchaus gut gemacht erachte und mitunter großartige schauspielerische Leistungen darin beobachte, erinnerten sie ihn mehr an Achterbahnfahrten als an bedeutsame Kunst. Menschliche Figuren blieben darin auf der Strecke und es zähle im Grunde nur das große Spektakel.
Schon damals nannte Scorsese allerdings auch Superhelden-Filme, die für ihn die Ausnahme bilden: Als „echtes Kino“ bezeichnete er allen voran die „Spider-Man“-Trilogie von Sam Raimi, da diese noch die Vision eines einzelnen Regisseurs erkennen lasse und sich in erster Linie mit der nahbaren Figur des Peter Parker auseinandersetze.
Einige Jahre später offenbarte er außerdem seine Vorliebe für einen Film, der vielleicht nicht direkt dem Comic-Genre zuzuordnen ist, aber doch im Kern davon handelt: „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“.
Scorsese hebt "Birdman" auf eine Stufe mit legendären Filmklassikern
Tatsächlich hat Scorsese seine Bewunderung für „Birdman“ nie direkt in einem offiziellen Interview ausgedrückt, sondern in einem 2023 viral gegangenen TikTok-Video seiner Tochter Francesca. Darin bewertet der Regisseur einige der größten Filmklassiker, indem er jeweils zwei von ihnen miteinander vergleicht, um schließlich seinen absoluten Favoriten zu ermitteln. „Birdman“ konnte sich dabei gegen Quentin Tarantinos „Once Upon A Time... In Hollywood“ durchsetzen – und sogar gegen den für viele besten Western aller Zeiten, „Zwei glorreiche Halunken“.
Was genau Scorsese an der Tragikomödie so sehr schätzt, scheint angesichts seiner Abneigung gegen moderne Superhelden-Geschichten offensichtlich: Michael Keaton spielt im Film den gealterten Hollywood-Star Riggan Thomson, der am Gipfel seines Erfolgs den beliebten Superhelden „Birdman“ verkörpert hat (Parallelen zu Keatons tatsächlicher Paraderolle als „Batman“ sind natürlich kein Zufall). Nun nimmt sich Riggan eines anspruchsvollen Theaterstücks am Broadway an, um nicht nur seine eingerostete Karriere wiederzubeleben, sondern zum ersten Mal auch als echter Künstler wahrgenommen zu werden.
Dabei persifliert der Film den stetigen Zwiespalt der Kunstindustrie, einerseits als lukratives Geschäft zu funktionieren und andererseits Werke mit echter Tiefe hervorzubringen. So spielt Keatons Figur zwischendurch immer wieder mit dem Gedanken, sich doch wieder ins Kostüm des Birdman zu werfen, um auf einfachem Wege Ruhm und Reichtum zurückzuerlangen (was sich ebenfalls in Keatons echtem Leben widergespiegelt hat, als er für „The Flash“ als Batman zurückgekehrt ist). Einem Scorsese, der im immer dominanter werdenden Blockbuster-Kino eine Gefahr für die Filmkunst sieht, sagt genau diese Thematik selbstverständlich zu.
„Birdman“-Regisseur Alejandro González Iñárritu hat sich in seinem Film übrigens auch eine humorvolle Liebeserklärung an Scorsese erlaubt: In der Szene kurz vor der Premiere des Theaterstücks steht Keatons Charakter kurz vor einer Panikattacke, weil er sich gleich einem kritischen Publikum präsentieren muss. Um ihn zurück auf den Boden zu holen, gaukelt der Produzent des Stücks ihm vor: „Martin Scorsese sitzt im Publikum.“ Riggan fragt ihn daraufhin: „Wirklich?“, woraufhin der Produzent ironisch antwortet: „Ja... und der Papst auch.“ Mit einem Augenzwinkern hebt der Film Scorseses fast gottgleichen Status in der Filmwelt hervor, was diesen sicherlich amüsiert haben dürfte – und wahrscheinlich auch ein bisschen schmeichelte.
Um einen Film, über den Scorsese schon mehrmals öffentlich ins Schwärmen geriet, dreht sich der nachfolgende Artikel:
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