Ballad Of A Small Player
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Ballad Of A Small Player

Hochglänzende Höllenfahrt

Von Christoph Petersen

Im September 2021 feierte mit „Denen man vergibt“ die Verfilmung eines Romans von Lawrence Osborne auf dem Filmfest in Toronto Weltpremiere: Unter der Regie von John Michael McDonagh („Am Sonntag bist du tot“) verkörpern Ralph Fiennes und Jessica Chastain ein wohlhabendes Ehepaar, das auf dem Weg zu einer opulenten Party in den marokkanischen Bergen einen Einheimischen totfährt. Angesichts des Stoffes und der Beteiligten galt „Denen man vergibt“ vorab als potenzielle Oscar-Hoffnung. Aber nach einer wenig überschwänglichen Rezeption waren die Awards-Ambitionen schnell wieder Geschichte. Stattdessen erschien der Film in Deutschland sogar erst mit circa zweijähriger Verspätung direkt in einem Streaming-Abo.

Vier Jahre später folgt mit „Ballad Of A Small Player“ jetzt die zweite Adaption eines Osborne-Romans. Dass diese erneut als aussichtsreicher Oscar-Kandidat gehandelt wurde, lag diesmal allerdings weniger am Stoff, sondern vor allem am deutschen Regisseur Edward Berger. Schließlich haben seine vorherigen Filme „Im Westen nichts Neues“ und „Konklave“ gemeinsam fünf Oscars und 17 Nominierungen eingefahren. Aber dann fielen die Kritiken in Telluride und Toronto sogar noch durchwachsener aus. Nur eine lange Wartezeit muss diesmal niemand befürchten. Das surreale Thriller-Drama hat als Netflix-Produktion einen prominenten Streaming-Start sicher in der Tasche.

Im Roman waren es noch gelbe Kinderhandschuhe, die Lord Doyle (Colin Farrell) immer als Glücksbringer bei sich trägt. Aber das wäre in einem Film wohl doch zu weird gewesen. Netflix
Im Roman waren es noch gelbe Kinderhandschuhe, die Lord Doyle (Colin Farrell) immer als Glücksbringer bei sich trägt. Aber das wäre in einem Film wohl doch zu weird gewesen.

Dem selbsternannten High Roller Lord Doyle (Colin Farrell) bleiben nur drei Tage, um seine Hotelrechnung in Höhe von circa 40.000 Euro zu bezahlen. Andernfalls müsste er damit rechnen, nicht nur aus seiner Suite herausgeschmissen, sondern in ganz Macau mit einem Casino-Verbot belegt zu werden. Mit seinen auffälligen gelben Fahrerhandschuhen, die er beim Kartenspielen immer als Glücksbringer trägt, kehrt er zurück an die Tische, um beim Baccarat buchstäblich um sein Leben zu zocken.

Lord Doyle ist in Wahrheit nämlich gar kein Lord. Stattdessen ist er mit dem Geld seiner Kunden aus Großbritannien durchgebrannt, weshalb ihm neben der Hotelleitung jetzt auch noch die Privatermittlerin Cynthia Blithe (Tilda Swinton) im Nacken sitzt. Während Doyle im Duell mit einer Millionärsgattin (Deanie Ip) seine letzten Scheine verjubelt, bietet ihm die Geldverleiherin Dao Ming (Fala Chen) für eine Gebühr an, als Teilhaberin in sein Spiel einzusteigen. Tatsächlich scheint sich Doyles Glück irgendwann zu wenden. Aber nichts ist, wie es scheint…

Pure Überwältigung

Um es direkt klarzustellen: Nach der Inhaltsangabe könnte man leicht auf die Idee kommen, dass es sich bei „Ballad Of A Small Player“ um einen Gauner-Thriller handelt, bei dem sich die Beteiligten alle gegenseitig möglichst trickreich (und fürs Publikum möglichst kurzweilig) übers Ohr hauen. Aber Pustekuchen! Stattdessen erinnert die hochtourige Höllenfahrt im Kern eher an stylische Suchtfilme à la „Trainspotting“, bei denen man immer wieder von euphorischen Schüben aus den Sitzen gerissen wird, bevor der Aufschlag in der Realität jedes Mal nur noch schmerzhafter ausfällt. Der falsche Lord Doyle mag zwar auf den korrekten Sitz seiner Seidenkrawatte achten, aber schon beim Herantreten an den Baccarat-Tisch schwitzt er wie ein Schwein.

Ohne das Casino-Setting würde man deshalb auch sofort glauben, dass Colin Farrell („A Big Bold Beautiful Journey“) einfach nur einen – zugegeben sehr gut angezogenen – Junkie verkörpert, der panisch nach dem nächsten Schuss sucht. Während Tilda Swinton als skurrile Privatdetektivin mit noch skurrileren Perücke die ganze Zeit wie ein aus einer Wes-Anderson-Produktion übriggebliebener Fremdkörper wirkt, ist es „Godzilla x Kong“-Star Fala Chen, die dem Film als Dao Ming noch einmal eine ganz neue Richtung eröffnet – als schmerzhaft tragische, zutiefst melancholische (Geister-)Geschichte.

Erst mit dem Auftauchen der hilfsbereiten Kreditvermittlerin Dao Ming (Fala Chen) scheint sich das Glück von Lord Doyle langsam zu drehen… Netflix
Erst mit dem Auftauchen der hilfsbereiten Kreditvermittlerin Dao Ming (Fala Chen) scheint sich das Glück von Lord Doyle langsam zu drehen…

Aber dieser potenzielle Schlag in die Magengrube verfehlt weitestgehend seine Wirkung, weil Edward Berger es zuvor verpasst, auch mal feine Zwischentöne in seine allein auf (Luxus-)Bombast setzende Inszenierung einzustreuen. Das erinnert fast ein wenig an die Strategien der Casinos selbst, wo vom Licht über das Glitzern und Blinken bis hin zur Musik auch alles darauf abgestimmt ist, die Gäste zu überwältigen (sprich: sie zum Spielen zu bringen). „Ballad Of A Small Player“ setzt von Beginn an konsequent auf hochglänzende Oberflächenreize – mit dem pausenlos-türmenden Score von Oscar-Gewinner Volker Bertelmann („Im Westen nichts Neues“) als unterschiedslos eingesetzte Universalwaffe.

Aber wenn es dann an der Zeit ist, doch noch die Kurve zu kriegen und unter die Oberflächen zu kriechen, ist es zu spät: Da ist man bereits derart zugedröhnt und übersättigt, dass man das Interesse am Protagonisten verliert, noch bevor dessen albtraumhafte (Helden-)Reise überhaupt so richtig angefangen hat…

Fazit: „The Ballad Of A Small Player“ passt sich seinem opulenten Casino-Setting etwas zu gut an, da Edward Berger selbst dann noch alles auf eine hochglänzende Fassade setzt, wenn wir schon längst erkannt haben, was dort unter der glitzernden Oberfläche womöglich noch alles brodelt.

Wir haben „The Ballad Of A Small Player“ beim Filmfest Hamburg 2025 gesehen.

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