Die Geburtsstunde eines überraschenden neuen Marvel-Traum-Duos!
Von Markus TruttDa konnte selbst das langersehnte Team-Up „Deadpool & Wolverine“ nicht mithalten: Tosender Fan-Jubel in den Kinosälen (und das längst nicht nur beim fulminanten Comeback der Ex-Spideys Tobey Maguire und Andrew Garfield), ein euphorisches Presseecho und letztlich ein sagenhaftes Einspielergebnis von 1,92 Milliarden Dollar (wohlgemerkt in einer Kinozeit mit Corona-Auflagen!) machten „Spider-Man: No Way Home“ zu DEM Marvel-Event seit dem Mega-Spektakel „Avengers: Endgame“. Doch wie zum heiligen Stan Lee soll man daran bitteschön anknüpfen?
Dafür findet der von Jon Watts übernehmende „Shang-Chi“-Regisseur Destin Daniel Cretton im Nachfolger „Spider-Man: Brand New Day“ fünf Jahre später nun die einzig richtige Antwort: mit einem Neuanfang! Zumindest mehr oder weniger. Denn auch wenn das vierte Solo-Abenteuer mit Tom Holland dem Titelhelden sein gewohntes Umfeld entreißt und auch tonal eine etwas andere Richtung einschlägt, vereint es doch die größten Stärken der Vorgänger zu einem fulminanten Blockbuster-Highlight – mit einem überraschenden neuen Marvel-Traumduo!
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„Spider-Man: No Way Home“ endete mit einem dramatischen Knall: Um das drohende Chaos im Multiversum abzuwenden, hat sich Spider-Man (Tom Holland) schweren Herzens zu einem folgenschweren Schritt entschieden: Ein Zauberspruch von Doctor Strange hat die ganze Welt die Existenz von Peter Parker vergessen lassen – was natürlich vor allem im Fall seiner großen Liebe MJ (Zendaya) und seines besten Freundes Ned (Jacob Batalon) sehr am nun wieder anonymen Superhelden nagt. Zum ersten Mal völlig auf sich allein gestellt, kümmert sich Spider-Man um Verbrechen in seiner Nachbarschaft, wo er entscheidend dazu beiträgt, dass die Kriminalitätsrate auf ein neues Rekordtief fällt.
Doch gerade, als er sich mit seinem neuen Dasein augenscheinlich arrangiert hat, erschüttern mehrere mysteriöse Anschläge das für Supermenschen-Aktivitäten zuständige Department of Damage Control. Der unbekannte Angreifer kann offenbar Personen über Gedankenkontrolle steuern und ist Spidey damit immer einen Schritt voraus. Der versucht herauszufinden, wer hinter der neuen Bedrohung steckt – muss zugleich aber auch damit klarkommen, dass ihn seine Spinnenkräfte auf ungeahnte Weise verändern …
Zwischen „Spider-Man: No Way Home“ und „Spider-Man: Brand New Day“ mag es eine gewisse Zäsur geben, dennoch wird der eingeschlagene Weg konsequent fortgesetzt. Und das, obwohl es hinter den Kulissen eine ganz entscheidende Änderung gab: Erstmals in der Spider-Man-Ära von Tom Holland hat Destin Daniel Cretton, Regisseur des 5-Sterne-Meisterwerks „Short Term 12“, die Inszenierung eines Comic-Blockbusters der freundlichen Spinne übernommen – und das schlägt sich vor allem in der Action nieder, immerhin bescherte uns Cretton mit den krachenden Fights in „Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings“ die wahrscheinlich bestchoreografierten Stunts im MCU. An die kommt „Brand New Day“ jetzt zwar leider nicht ganz ran, dafür ist das Geschehen manchmal doch etwas zu zerschnitten. Dennoch bietet „Spider-Man 4“ hier einen Abwechslungsreichtum, wie wir ihn im Marvel Cinematic Universe lange nicht mehr gesehen haben.
Kaum ein Kampf gleicht dem anderen – und jedes Mal muss Spidey auf andere Kniffe aus seinem Fähigkeiten-, Gadget- oder Move-Repertoire zurückgreifen, um den bösen Buben Herr zu werden. Das ist auch den vielen unterschiedlichen Gegnern zu verdanken. Während Spidey seine einfacheren Rivalen mit leichtfüßigen Skill-Kombos ausknockt, die wohlige Erinnerungen an die fantastischen jüngeren „Spider-Man“-Videospiele wecken, muss er für andere Feinde wie die Ninjas der Hand oder einen gewissen Marvel-Veteranen mit Wutproblemen ganz andere Geschütze auffahren. Und keine Sorge: Trotz der großen Widersacher-Schar bekommen wir hier keinen Schurken-Overkill wie in Sam Raimis „Spider-Man 3“, da ein Großteil von ihnen (zum Glück!) nur als Kanonenfutter dient, um Spideys Werdegang in den vergangenen Jahren in kurzer Abfolge zu illustrieren (ganz ähnlich wie wir es zuletzt bei der Marvel-Family in „The Fantastic Four: First Steps“ gesehen haben). Der Fokus liegt dann doch recht klar auf der mysteriösen neuen Gefahr im Hintergrund, der der Marvel-Held kaum gewachsen zu sein scheint.
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Bei all dem sorgt die dynamische Kameraführung von Crettons altem Vertrauten Brett Pawlak („Wonder Man“), die gleichermaßen verspielt den Bewegungen von Spider-Man folgt, maßgeblich mit dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Auch bei den obligatorischen Flugszenen, die ganz vorne bei den besten Schwingereien aller Kinoauftritte des Spinnenmanns mitmischen, fährt „Brand New Day“ mit Egoperspektiven, Blicken in Spider-Mans Maske und schwindelerregenden Free-Fall-Tower-Sequenzen voll auf. Nur schade, dass die Herkunft der verwaschenen Hintergründe aus dem Computer dabei oftmals allzu deutlich ins Auge sticht, da bieten die malerischen Stadtaufnahmen im Abspann tatsächlich mehr heimeliges New-York-Feeling.
Doch nicht nur visuell, auch emotional kommen wir Spider-Man oder vielmehr Peter Parker in „Brand New Day“ wohl so nah wie noch nie. Peter hat noch immer sichtlich daran zu knabbern, dass er MJ und Ned hinter sich lassen musste, und stürzt sich mehr denn je in seine Heldentätigkeit, um sich davon abzulenken – bis es ihn schließlich vollends aufzureiben droht. Auch wenn Peter selbst es lange nicht wahrhaben will, holt ihn das mit dem Ende von „No Way Home“ erlittene Trauma doch mehr und mehr ein. Im Zuge dessen verzichtet „Spider-Man: Brand New Day“ über weite Strecken auch auf den typischen augenzwinkernden Marvel-Humor (umso mehr stört in diesem Kontext eine unnötig alberne Szene mit einer weiteren MCU-Rückkehrerin mit Spinnen-Faible). Schon mit den melancholischen Klängen von Stamm-Komponist Michael Giacchino beim Marvel-Studios-Logo ganz zu Beginn wird deutlich, dass wir hier wohl kein mit Wegwerf-Gags zugepflastertes Gute-Laune-Fest serviert kriegen.
Trotz des einen oder anderen One-Liners, der bei Spidey natürlich einfach nicht fehlen darf, ist dieser Spider-Man definitiv reifer und merklich von den Tragödien seiner Vergangenheit gezeichnet. Der Weg zur Verarbeitung und Selbstfindung über allerlei Pubertäts-Analogien ist dabei in einem Comic-Blockbuster der Marke „Spider-Man“ natürlich alles andere als subtil, emotional aber dennoch ungemein effektiv. Gerade wenn Peter auf seine frühere Freundin MJ trifft und dabei regelmäßig Erinnerungsschnipsel an die (halbwegs) unbeschwerte gemeinsame Zeit in den vorherigen drei Filmen zwischengeschnitten werden, ist das absolut herzzerreißend, auch dank der gewohnt wunderbaren Chemie zwischen Tom Holland und seiner Real-Life-Ehefrau Zendaya.
Gespiegelt wird das Ganze recht smart bei der von Sadie Sink gespielten Antagonistin des Films, die sich auf ihrem eigenen schmerzvollen Trip zur Selbstbestimmung befindet. Obgleich wir (noch) nicht viel über die Hintergründe der im Vorfeld geheim gehaltenen Rolle des „Stranger Things“-Stars erfahren, wird ihr Leidensweg mit fortschreitender Filmdauer doch immer greifbarer. Und die Parallelität von Peter und ihrer Figur ermöglicht letztlich eine rührende und verdiente Auflösung des Konflikts, der sich mehr am grandiosen „Thunderbolts*“-Finale als an den ermüdenden Materialschlachten der meisten anderen MCU-Abenteuer orientiert.
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Anders als Sadie Sinks Charakter ist Spider-Man in „Brand New Day“ dann doch nicht ganz so allein, wie es zunächst den Anschein hat – und das ist eines der größten Geschenke des 38. MCU-Films. Die Skepsis war groß, wie ausgerechnet Frank Castle alias The Punisher (Jon Bernthal), der seine blutige Selbstjustiz gerade erst wieder in seinem Disney+-Special „One Last Kill“ schonungslos zur Schau gestellt hat, zum familienfreundlichen Spider-Man passen würde. Doch tatsächlich funktioniert diese Paarung erstaunlich famos. Frank zieht hier selbstverständlich nicht massenmordend um die Häuser, doch seinen grummeligen Antihelden-Charme darf der in seiner Paraderolle einmal mehr auftrumpfende Jon Bernthal auch mit Jugendfreigabe voll und ganz ausspielen.
Dabei sind seine Begegnungen mit Spider-Man weit mehr als ein (für sich aber bereits sehr unterhaltsames) Aufeinanderprallen gegensätzlicher Ideologien bei der Verbrechensbekämpfung. Frank tritt nicht zuletzt als Folge seiner eigenen traurigen Hintergrundgeschichte mit dem Verlust seiner Familie unverhofft in die Mentoren-Stapfen von Tony Stark (Robert Downey Jr.) – und nimmt damit einen ganz entscheidenden Part in Peters Entwicklung ein, ohne dass der Kern der schießwütigen Kultfigur dabei verwässert wird. Nach „Brand New Day“ hoffen wir jedenfalls sehr, dass das ungleiche Duo nicht zum letzten Mal gemeinsame Sache gemacht hat.
Fazit: „Spider-Man: Brand New Day“ gelingt ein fantastischer Spagat zwischen erwachsenem Tiefgang und purem Blockbuster-Fun. „Shang-Chi“-Regisseur Destin Daniel Cretton führt das Drama aus „No Way Home“ konsequent und emotional fort, setzt aber dank einfallsreicher Action genügend frische Akzente, um auch bei seinem deutlich gereiften Helden den Spaß nicht zu kurz kommen zu lassen. Außerdem wollen wir die wie aus dem Nichts gekommene Traumkombination aus Spidey und dem Punisher jetzt eigentlich in keinem Folgeabenteuer des Wandkrabblers mehr missen!