Na endlich: Darauf hat die Filmwelt acht Jahre lang gewartet!
Von Christoph PetersenFast möchte man schreiben, dass Daniel Day-Lewis seine drei Hauptdarsteller-Oscars – und damit mehr als jeder andere männliche Schauspieler in der Geschichte Hollywoods – gewonnen hat, OBWOHL er nur in so vergleichsweise wenigen Filmen mitgespielt hat. Aber genau andersherum wird ein Schuh draus: Denn wahrscheinlich hat er seine Oscars für „Mein linker Fuß“, „There Will Be Blood“ und „Lincoln“ gerade deshalb bekommen, WEIL er seine Rollen so sorgfältig auswählt. Nach seinem ebenfalls oscarnominierten Part in „Der seidene Faden“ hat der britisch-irische Schauspiel-Titan 2017 mit „nur“ 60 Jahren sogar (zum wiederholten Mal) seinen vollständigen Rückzug aus dem Geschäft erklärt – aus nicht näher bekannten „privaten Gründen“. Gerüchten zufolge soll er aber eine Leidenschaft fürs Schreinern entwickelt haben (nachdem er sich im Zuge seiner ersten Auszeit zwischen 1997 und 2002 bereits dem Schuster-Handwerk gewidmet hatte).
All das passt perfekt zum Mythos Daniel Day-Lewis. Aber selbst mythische Gestalten haben eine Familie – und da verschieben sich mitunter die Prioritäten: Nach achtjähriger Abwesenheit meldet sich der „Gangs Of New York“-Mime jetzt zurück – im Regiedebüt seines Sohnes Ronan Day-Lewis, mit dem gemeinsam er auch das Drehbuch verfasst hat: Das kammerspielartige Einsiedlerdrama „Anemone“ ist dabei perfekt auf seinen Star zugeschnitten – mit zwei zentralen Monologen, in die Daniel Day-Lewis alles hineinlegt, was sich da womöglich in den letzten Jahren an purer Spielwut angestaut hat. Insgesamt aber lässt sich festhalten: Day-Lewis ist fraglos einer der besten Schauspieler aller Zeiten und sein Sohn ein vor allem visuell vielversprechender Regisseur – aber als Drehbuch-Duo geben sie leider nicht die beste Figur ab.
Universal Pictures
Das Zuhause von Ray Stoker (Daniel Day-Lewis) hat keine Adresse, sondern lediglich Koordinaten, die sich sein Bruder Jem (Sean Bean) auf einem konspirativen Zettel notiert hat, als er sich durch den nassen irischen Forst schlägt: Ray lebt seit 20 Jahren in einer versteckten Hütte im Wald – ein bärtiger, brütender, drahtiger Einsiedler, wie er im Buche steht. Da verwundert es kaum, dass sich die Brüder, obwohl sie sich offenbar seit Jahren nicht gesehen haben, erst einmal anschweigen. Aber Jem ist nicht ohne Grund gekommen…
Wir wollen die „Twists“ (also die Vergangenheit der Brüder) an dieser Stelle zwar nicht enthüllen, aber sie sind wirklich nicht schwer zu erraten: So beginnt „Anemone“ etwa mit einer Reihe von Buntstiftzeichnungen, die zunächst noch freundlich wirken, aber dann die dunklen Seiten der jüngeren irischen Geschichte aufzeigen – wobei gerade ihre Naivität die Bilder besonders verstörend wirken lässt: Selbst in einer abgeklärten Welt ist es weiterhin erschreckend, wenn ein Kind abgesprengte Gliedmaßen, trauernde Mütter und übergriffige Priester malt. Auch dass Ray etwas mit Jems Frau Nessa (Samantha Morton) und ihrem vom rechten Weg abkommenden Teenager-Sohn Brian (Samuel Bottomley) zu tun hat, liegt von Anfang an auf der Hand.
In seiner Anlage hat „Anemone“ einen stark theatralischen, kammerspielartigen Vibe, selbst wenn er gar nicht auf einem Bühnenstück basiert. Dabei wirken die überwiegend gräulichen Szenen mit Nessa und Brian allerdings, als wären sie für Ronan Day-Lewis eher eine lästige Pflichtübung gewesen, während der Film visuell immer dann aufblüht, wenn er raus in die Natur kann: Vom saftigen Grün des immer feuchten Waldes bis zu den vom Wind gestreichelten Dünen unter dem klaren Nachthimmel – der Debütregisseur hat einen regelrecht poetischen Blick für die Natur, die er im selben Moment aber auch furchteinflößend erscheinen lassen kann.
Daniel Day-Lewis hat für „There Will Be Blood“ seinen zweiten Oscar gewonnen und „Der seidene Faden“ als seinen ursprünglich letzten Film auserkoren – zwei zentrale Werke, bei denen „One Battle After Another“-Mastermind Paul Thomas Anderson Regie geführt hat. Ist es deshalb ein Zufall, dass in der mit Abstand spektakulärsten Szene von „Anemone“ ein Jahrtausend-Hagelsturm über Irland niedergeht – und so einen ähnlich reinwaschenden wie dämonischen Effekt erzeugt wie damals der Froschregen in „Magnolia“? Egal, die faustgroßen Hagelkörner schlagen jedenfalls buchstäblich so richtig rein – und man fragt sich wirklich, wie sie das bei dem sicherlich nicht allzu ausufernden Budget mit einer solchen visuellen Wucht hinbekommen haben.
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Ebenfalls eine Wucht ist eben auch Daniel Day-Lewis, selbst wenn man zunächst zweimal hinschauen muss, ob er das auch wirklich ist: Selbst, wenn er vor seiner Hütte nur mit dem Spaten eine Baumwurzel auszugraben versucht, strahlt er eine dermaßen überlebensgroße Intensität aus, dass man sofort versteht, warum vor allem solch überlebensgroße Filmemacher wie Martin Scorsese, Steven Spielberg oder eben Paul Thomas Anderson am meisten mit ihm anzufangen wussten. Und diese Wirkung potenziert sich in den zwei ausufernden Dialogen, wenn das große Schweigen dann doch einmal aufgebrochen wird, sogar noch:
Minutenlang erzählt Ray etwa von seiner Rache an einem Priester, der ihn als Kind missbraucht hat – und Daniel Day-Lewis kostet dabei jede Profanität, aus denen sein Bericht vornehmlich besteht, maximal aus. Das geht bis hin zu einer umfassenden Beschreibung der verschiedenen Phasen seiner Exkremente, die er dem Priester nach einer mehrtägigen Curry-Diät mitten ins Gesicht setzt. Das Problem ist nur, dass das Mysterium um Ray, seine Familie und seine Vergangenheit längst nicht so interessant ist wie die schiere Naturgewalt, mit der Day-Lewis die Dialogzeilen auf die Leinwand wuchtet.
Fazit: Das Drehbuch ist ganz sicher nicht das stärkste. Aber allein die Art, wie Daniel Day-Lewis seine zwei zentralen Monologe (u. a. über einen vollgeschissenen pädophilen Priester) abliefert, ist den Eintritt wert. Dass sein Sohn Ronan Day-Lewis als Regisseur ein besonders gutes Auge dafür hat, die verregnete irische Natur in möglichst spektakuläre Aufnahmen zu verpacken, erweist sich zudem als netter Bonus.