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    127 Hours
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    127 Hours
    Von Carsten Baumgardt
    Ende 2004 schloss Bergsteiger Aron Ralston ein Herzensprojekt ab. Der Abenteurer bezwang den letzten der 59 Viertausender des US-Bundesstaates Colorado im Alleingang – und das, obwohl sein rechter Arm unterhalb des Ellenbogens amputiert wurde. Eine schöne, warmherzig menschelnde Erfolgsgeschichte. Aber der wahre Wahnsinn dahinter ist noch viel interessanter. Deshalb adaptierte Oscar-Preisträger Danny Boyle Ralstons Autobiographie „Im Canyon: Fünf Tage und Nächte bis zur schwierigsten Entscheidung meines Lebens" in seinem mitreißenden und aufwühlenden Abenteuer-Drama „127 Hours" und erzählt die unglaubliche Geschichte, die überhaupt erst zur Amputation führte.

    Am 25. April 2003 bricht Bergsteiger Aron Ralston (James Franco) zu einer Wanderung in den Blue John Canyon in Utah auf. Nach meilenlanger Radelei trifft er auf die verirrten Hikerinnnen Kristi (Kate Mara) und Megan (Amber Tamblyn) und verbringt einige Stunden voller Spaß mit den beiden. Was danach kommt, fällt nicht mehr unter die Kategorie „Freizeitvergnügen". Ralston hetzt wie ein Irrwisch durch die Felsspalten und begeht einen folgenschweren Trittfehler. Er stürzt ab. Schwer verletzt sitzt der 26-Jährige in der Falle. Ein Felsblock hat seinen rechten Arm eingeklemmt und zertrümmert. Ralston steckt fest. Jeder Versuch, sich zu befreien, misslingt kläglich. Mit geringem Proviant und kaum Wasser stehen die Aussichten, aus dieser lebensbedrohlichen Lage gerettet zu werden, von Stunde zu Stunde schlechter...

    Mit „Slumdog Millionär", Boyles gefeierter Hollywood-Version eines Bollywoods-Films, erzielte der Brite einen phänomenalen Erfolg auf allen Ebenen – vom kommerziellen Erfolg bis zum Oscar-Regen. Daran anzuknüpfen, ist nicht einfach, deshalb bedient sich Danny Boyle („28 Days Later", „Trainspotting") eines kleinen Tricks. Auf den ersten Blick könnten die beiden Filme kaum unterschiedlicher sein. Aber der Mann aus Manchester kümmert sich nicht um diese inhaltliche Diskrepanz und inszeniert „127 Hours" einfach trotzdem im visuellen Hipster-Stil von „Slumdog Millionär". Schon in der Eröffnungsszene knallt Boyle seinen Zuschauern eine Split-Screen-Sequenz um die Ohren, dass es nur so rauscht. Bis zum Unfall geht der Regisseur nicht mehr vom Gas und kombiniert atemberaubend schöne Landschaftsaufnahmen des Canyonlands Utah mit schnellen Schnitten und jeder Menge Action. Ralston rast mit seinem Mountainbike durch die Prärie, taucht mit Kristi und Megan in unterirdische Grotten ab und durchsteigt die Canyonwände fixer als Spiderman sich durch die Schluchten New Yorks hangeln kann.

    Der Absturz bildet eine jähe Zensur. Das Tempo kommt zunächst zum Erliegen. Schock. Im MacGyver-Stil versucht Ralston, klaren Kopf zu bewahren und sich zu befreien. Die Hercules-Aufgabe des Films ist unzweifelhaft definiert: Wie fülle ich die restliche Stunde Leinwandzeit mit einer Person, die ihren aussichtslosen Kampf allein mit sich selbst in einer Felsspalte austrägt? Das fordert Hauptdarsteller James Franco („Spider-Man", „Howl") natürlich im Besonderen. Die Kamera klebt aufgrund des räumlich stark limitierten Schauplatzes geradezu an Francos Mimik und Gestik. Es ist sein großer Verdienst, dass jede Bewegung seiner Figur nachvollziehbar bleibt – von der Anstrengung, sich mit den Utensilien in seinem Rucksack aus der Klemme zu manövrieren, über die vage Hoffnung, doch noch von Wanderern gefunden zu werden, bis zur totalen Verzweiflung, dem Tod ins Auge schauend. Franco überzieht nicht, agiert immer angemessen. Eine Oscar-Nominierung ist da nur noch Formsache.

    Regisseur Boyle bleibt zwar konsequent innerhalb der Handlung im Canyon, konterkariert Ralstons Todeskampf aber stilistisch hip mit Kindheitserinnerungen und Tagträumereien, wenn der Havarierte immer stärker zu halluzinieren beginnt. An dieser Stelle wirkt „127 Hours" genauso knallbunt und überbordend wie „Slumdog Millionär". Bis die unausweichliche Szene kommt, die sich wohl die wenigsten herbeisehnen. Boyle zieht auch hier durch und erspart seinem Publikum nichts. „127 Hours" ist kein Feel-Good-Überlebensdrama. Durch den Ansatz, eine reale Geschichte zu verfilmen, entwickelt „127 Hours" in der Selbstamputationsszene eine betäubende Wucht, der sich wohl kaum jemand entziehen kann. Gnadenlos hält Boyle seine Zuschauer mit stählerner Regiehand im Würgegriff und lässt nicht ab, bevor die Arbeit erledigt ist. Jeder Schnitt mit dem stumpfen Taschenmesser in diesem Blutbad geht ans Eingemachte. So ist der Film auf diesem Höhepunkt ungeheuer effektiv – selbst wenn der Ausgang vordefiniert ist. Wer sich noch nicht mit der Hauptfigur verbunden fühlte, den holt Boyle allerspätestens hier an Bord.

    Wenn Ralston nicht im Canyon sowieso ein Videotagebuch geführt hätte, hätte Regisseur Boyle diesen Storykniff erfinden müssen. Bis heute hält der Bergsteiger diese sehr persönlichen Aufnahmen unter Verschluss und zeigte sie nur seiner Familie und engen Freunden - und natürlich Danny Boyle, dem damit ein wichtiges dramaturgisches Element in die Hände fiel. Auch sonst ist Boyles Ideenreichtum kaum Grenzen gesetzt. Die Kameramänner Dod Mantle und Enrique Chediak setzen diese Phantasien mit ihrer mobilen und flexiblen HD-Digicam kongenial um und scheinen bei ihrer Arbeit keine Sekunden still gestanden zu haben, nerven zum Glück aber auch nicht mit übermäßigem Einsatz der Wackelkamera. Der Überblick bleibt gewahrt.

    Vorwerfen lässt sich Boyle nur Marginales. Wer weiß schon, wie es sich anfühlt, wenn ein Arm tagelang abgeklemmt taub an einem Körper hängt? Der erste Gedanke: Das muss ungeheuer weh tun! Auf diesen Aspekt geht „127 Hours" aber kaum ein. Ralston nimmt die demolierte Kralle relativ klaglos hin. Auch erfährt der Betrachter wenig von Ralston selbst. Erst nach und nach fügt Boyle ein grobes Bild seines Protagonisten zusammen. Das verhindert zu Beginn ein wenig die Identifikation und Anteilnahme, ist aber im weiteren Verlauf kein Problem.

    Fazit: Danny Boyles berauschend photographiertes und überragend gespieltes Überlebens-Drama „127 Hours" ist ein erschütterndes Drama, das den manchmal minimalen Spielraum zwischen Leben und Tod stilistisch elegant und effektiv austariert.
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