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    Hocus Pocus 2
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Hocus Pocus 2

    Verflucht, sie sind zurück!

    Von Sidney Schering
    Nach eher schwachen Kritiken verabschiedeten sie sich ohne großes Aufsehen schnell wieder aus dem Kino – nur um dann Jahr für Jahr mit wachsender Begeisterung wiederbelebt zu werden. Die Rede ist von den Hexenschwestern Winnie, Mary und Sarah Sanderson alias Bette MidlerKathy Najimy und Sarah Jessica Parker aus „Hocus Pocus“. 1993 war die beschwingt-schräge Disney-Hexenkomödie vom „Dirty Dancing“-Choreografen und späteren „High School Musical“-Regisseur Kenny Ortega eine wirtschaftliche Enttäuschung. Allerdings ist ihr ein langes, schillerndes Nachleben vergönnt: Millennials entdeckten „Hocus Pocus“ auf Videokassette, DVD und durch TV-Wiederholungen für sich – und bei vielen von ihnen avancierte er zum alljährlichen Pflichtprogramm während der Halloween-Saison.

    Das nennt man dann wohl „kultig“. Kein Wunder also, dass Rufe nach einer Fortsetzung des unvergleichlichen Gruselspaßes aufkamen. Nach einer Romanfortsetzung und einem inoffiziellen Tribute-Special der Horrorikone Elvira, in dem neben dem Cast des Originals auch Gaststars wie Martin Short, Glenn Close, Jamie Lee Curtis, Mariah Carey und Meryl Streep (!) auftauchten, reicht Disney+ nun einen waschechten zweiten Teil nach. Doch statt den ikonischen Halloween-Hit einer ganzen Generation behände weiterzuzaubern, verantwortet „Step Up“-Regisseurin Anne Fletcher mit „Hocus Pocus 2“ die filmgewordene Mahnung: „Sei vorsichtig, was du dir wünschst!

    Die Hexen-Fans Becca (Whitney Peak) und Izzy (Belissa Escobedo) beschwören versehentlich die Sanderson-Schwestern.


    29 Jahre nach den Ereignissen aus „Hocus Pocus“ ist der Kult um die Sanderson-Schwestern kommerzieller denn je. So formte der quirlige Geschäftsmann Gilbert (Sam Richardson) aus dem staubigen Museum, das auf schaurige Weise dem Hexen-Trio gedenkt, einen florierenden Zauberladen, in dem der Sanderson-Mythos mit Humor und Freude zelebriert wird. Schülerin Becca (Whitney Peak) ist dort Stammkundin und deckt sich an Halloween mit allerlei Zubehör ein. Wie jedes Jahr plant sie mit ihrer besten Freundin Izzy (Belissa Escobedo), in der Abgeschiedenheit des Waldes von Salem ein Hexenritual durchzuführen.

    Ihre frühere Kumpanin Cassie (Lilia Buckingham) ist erstmals nicht mit von der Partie, da sich das Trio seit Cassies schulischem Popularitätsschub auseinanderentwickelt hat. Dafür bekommen Becca und Izzy übernatürlichen sowie brandgefährlichen Besuch: Unverhofft werden nämlich Winnie (Bette Midler), Mary (Kathy Najimy) und Sarah Sanderson (Sarah Jessica Parker) von ihnen heraufbeschworen...

    Wie die drei Stooges, aber in Drag


    Gelegentlich wird „Hocus Pocus“ auch als „Rocky Horror Picture Show“ für eine jüngere Generation bezeichnet. Der mit für Disney sonst so gar nicht typischen Doppeldeutigkeiten versehene Mix aus Gruselmomenten, Slapstick-Humor und Halloween-Feierlichkeit hat einfach eine schwer erklärliche Sogkraft. Aber wie kann es eigentlich sein, dass die Hexen, die Kindern ihre Lebenskraft aussaugen, tatsächlich so richtig schaurig rüberkommen – und „Hocus Pocus“ dennoch ganz vorzüglich als familientauglicher Halloween-Grusel funktioniert? Das liegt wohl vor allem an den herbstlich-warmen Farben und der albern-liebenswürdigen „Sie sind die drei Stooges – in Drag!“-Art, mit der Ortega die Hexen herumblödeln lässt.

    Zudem haben Parker, Najimy und Midler verraten, dass Ortega ihnen oftmals als Regieanweisung einen Rhythmus vorgab, in dem er sich die Sequenzen mit ihnen vorstellt. Oder anders gesagt: „Hocus Pocus“ war ein absoluter Glückstreffer, den man niemals so hätte am Reißbrett planen können – die richtigen Leute trafen zum richtigen Zeitpunkt auf das richtige Skript. Glückliche Zufälle, die sich nicht so leicht wiederholen lassen: Da Ortega derzeit exklusiv bei Netflix unter Vertrag steht, musste der Regiestuhl neu besetzt werden. Die Wahl fiel mit Anne Fletcher auf eine Regisseurin, die wie Ortega ihre Karriere mit Tanzfilmen und Choreographien gestartet hat.

    Nicht mehr ganz so böse wie vor 29 Jahren: Winnie (Bette Midler), Mary (Kathy Najimy) und Sarah Sanderson (Sarah Jessica Parker).


    Diese Erfahrung kommt Fletcher hier gleich mehrmals gelegen, denn „Hocus Pocus 2“ hat größere Musical-Anleihen als der Vorgänger. So platzen die Sanderson-Schwestern etwa mit einer knallenden Gesangsperformance, für die es kein narratives Fundament gibt, zurück ins Diesseits. Damit beweisen die Verantwortlichen, dass sie sich zwar bewusst sind, welche Aspekte die Fans am Original lieben, nicht aber begreifen, weshalb sie in „Hocus Pocus“ funktionieren. Ganz davon zu schweigen, dass diese Szene steif choreografiert und freudlos-beengend gefilmt ist, weswegen das glamourös gemeinte Comeback der Kulthexen eher kümmerlich wirkt.

    Marginal besser läuft es beim Versuch, die schillerndste Sequenz des Erstlings zu kopieren: Während Midler dort singend eine Partygesellschaft bezirzt, bis in den Morgengrauen zu tanzen, damit die Hexenschwestern während ihrer Kinderjagd freies Geleit haben, wird dieses Mal ein Kostümwettbewerb gekapert. Dort fordert das Schwestern-Trio singend dazu auf, ihm den Weg zum Bürgermeister („Arrested Development“-Muttersöhnchen Tony Hale) zu bahnen. Was folgt, ist eine mit Power geschmetterte Coverversion des Blondie-Evergreens „One Way Or Another“, die Dutzende von Statisten dazu bewegt, unisono wie Marionetten zu tanzen. Fletcher und „Out Of Sight“-Kameramann Elliot Davis kreieren mit den gehirngewaschenen Massen zwar die denkwürdigsten Bilder dieses Sequels. Allerdings löst sich die Wirkung dieser Sequenz nahezu vollkommen in Wohlgefallen auf, sobald die Hexen beschließen, die zielstrebige Masse einfach zu ignorieren – womit die Sequenz witzlos ins Nichts läuft.

    Gar nicht edgy


    Solche Schludrigkeiten ziehen sich durch den Film. Etwa versucht „Young Rock“-Autorin Jen D'Angelo mit einem in der Vergangenheit spielenden Prolog krampfhaft, Sympathie für das Handeln der Sandersons zu erzeugen. Dieses Element lässt sie daraufhin aber direkt wieder fallen, wodurch der ausschweifende Auftakt mit atonalem Gastauftritt von „Ted Lasso“-Star Hannah Waddingham als reiner Erzählballast endet. Hinzu kommt, dass die Sandersons zwar erneut ruchlos handeln, Fletcher dies aber durchweg wie eine grobschlächtige Familien-Sitcom inszeniert. Der Hauch des wirklich schrecklichen, der den aufregenden Reiz von „Hocus Pocus“ mitgeprägt hat, fällt damit weg.

    Auch der Löwenanteil der Dialoge hat nunmehr das Niveau eines zweit- oder drittklassigen Halloween-Sitcom-Specials. Dasselbe gilt, abgesehen vom zentralen Showstopper, für die Bildsprache: Ein Gros der Szenen ist in einer ausgeblichenen Farbästhetik gehalten, über der ein unscharfer Grauschleier liegt. Das soll wohl kühle Herbststimmung erzeugen, doch allerspätestens, wenn sich der Plot in einem Waldstück festläuft, das aussieht, als hätte man vor einem LED-Monitor mit statischem Mondnacht-Foto drei Handvoll Laub verteilt, verpufft die festliche Halloween-Stimmung. Stattdessen fühlt man sich in die Halloween-Deko eines Kaufhauses versetzt.

    Doug Jones brilliert auch diesmal wieder als als freundlicher Zombie Billy Butcherson.


    Immerhin sorgen Midler, Najimy und Parker dank der spürbaren Passion für ihre Rollen für vereinzelte Lacher – etwa, wenn sie übermotiviert eine Drogerie plündern, die sie für das reinste Hexenparadies halten. Dennoch spricht es Bände, wenn sie sich im weiteren Filmverlauf von zwei pointiert eingesetzten Saugrobotern die Show stehlen lassen. Auch „Pans Labyrinth“-Nebendarsteller Doug Jones, der unter massig Make-up erneut den freundlichen Zombie Billy Butcherson spielt, kann mit seiner ulkigen Körpersprache zumindest gelegentlich gegen das träge Skript anspielen. Dasselbe Glück hat die neue Generation leider nicht: Allein die bereits durch „Chilling Adventures Of Sabrina“ im Hexensujet beheimatete Peak bekommt überhaupt die Chance, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

    Als mystisch interessierte, widerstandsfähige Protagonistin kauft sie den Sanderson-Schwestern immer wieder den Schneid ab und hätte so einen besseren Film verdient gehabt. Aber auch ihr gelingt es nicht, die ungelenken Entwicklungen des wie angeklebt wirkenden Finales glaubhaft aus dem Rest des Films erwachsen zu lassen. Am Kultstatus des Originals wird „Hocus Pocus 2“ trotzdem nicht rütteln. Aber vielleicht sollten wir uns wünschen, dass Disney häufiger solche unvergleichlichen Unikate wie „Hocus Pocus“ produziert – und weniger berechnende Kopien unberechenbarer Originale.

    Fazit: Nach fast drei Jahrzehnten Wartezeit bekommt der Kultfilm „Hocus Pocus“ nun eine Disney+-Fortsetzung spendiert, wie sie in den 1990ern wohl direkt für den Videomarkt entstanden wäre. „Hocus Pocus 2“ ahmt vor freudloser Kulisse die Tanzschritte des Originals nach – gerät dabei aber völlig außer Takt.

     


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