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    Der Spinnenkopf
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Der Spinnenkopf

    Netflix‘ starbesetzter Sci-Fi-Thriller ist außen wow, aber innen eher lau

    Von Sidney Schering
    Die bisherigen Filme von Joseph Kosinski („Oblivion“) hatten alle denselben Star: Weite, leergefegte Räume und Landschaften, mit denen der „Tron: Legacy“-Regisseur die Einsamkeit, die Gefühlskälte und/oder das Verlorensein seiner zentralen Figuren verdeutlicht. In dem für Netflix produzierten „Der Spinnenkopf“, seinem fünften Langfilm, sind diese nun trotz eines gewissen Kammerspiel-Vibes einmal mehr präsent. In ihnen darf zum dritten Mal Miles Teller agieren: Im atemberaubenden Katastrophendrama „No Way Out“ teilte er sich den erzählerischen Fokus noch mit Josh Brolin, im Blockbuster „Top Gun 2: Maverick“ füllte er neben Tom Cruise die wichtigste Nebenrolle aus. Jetzt darf er als alleiniger Held agieren, der einem antagonistischen Chris Hemsworth gegenübersteht.

    So sehr Kosinski dabei in seinem Element bleibt, so sehr wagen sich aber zumindest die Autoren des Zukunfts-Thrillers aus ihrer Komfortzone: Für die Adaption der im Kulturblatt The New Yorker erstveröffentlichten George-Saunders-Kurzgeschichte zeichnet mit Rhett ReesePaul Wernick nämlich das bisher nicht gerade subtile Autoren-Duo hinter den „Deadpool“-Filmen sowie Michael Bays Netflix-Materialschlacht „6 Underground“ verantwortlich. Das Team reduziert seinen markant-makabren Humor zwar auf ein paar wohldosierte Dialogspitzen, trotzdem drängt sich die Frage auf, wie viel mehr hier wohl drin gewesen wäre, wenn sich jemand anderes dieses vielversprechenden Stoffes angenommen hätte...

    Miles Teller hätte als Drogen-Versuchskaninchen ruhig noch ein wenig mehr Gas geben dürfen ...


    Jeff (Miles Teller) ist Insasse eines ungewöhnlichen Gefägnisses: Auf einer abgeschiedenen Insel gelegen, präsentiert es sich als stilvolle Einrichtung, in der die meisten Türen offenstehen, frisches Essen gekocht und sogar mit Steve Abnesti (Chris Hemsworth), dem Leiter des Ganzen, gefeiert wird. Im Gegenzug müssen sich die Sträflinge für Experimente mit gemütsverändernden Drogen zur Verfügung stellen. Diese lassen den Sexualtrieb durch die Decke gehen, sorgen für Lachflashs oder für Höllenangst – alles in Sekundenschnelle. Außerhalb der Testphasen scherzt Jeff flirtend mit der ebenfalls einsitzenden Lizzy (Jurnee Smollett) über diese Versuche – bis Steves Experimente zunehmend finstere Züge annehmen..

    Ob in „Whiplash“ oder seinen zwei bisherigen Kosinski-Kollaborationen: Miles Teller hat wiederholt bewiesen, welche Gefühlsbandbreite er mit wenigen Worten auszudrücken vermag. Dass er ausgerechnet in „Der Spinnenkopf" blass daherkommt, ist eine ziemliche Enttäuschung und ein Hemmschuh für diesen Sci-Fi-Thriller. Wenn Steve ihm hier eine ethische Schlinge um den Hals zieht, sitzt er das als Jeff ohne den Einfluss der kunterbunten Gefühlsdrogen mit dezent genervter Mimik aus. Und wenn in der zweiten Filmhälfte nach und nach (selten überraschende) Wahrheiten enthüllt werden, schaut Jeff ähnlich regungsarm drein, wie man es von jenen Teilen des Publikums erwarten würde, die „Der Spinnenkopf“ bereits frühzeitig durchschaut haben.

    Schwere Fragen, leichte Antworten


    Es besteht die Möglichkeit, sich Tellers gehemmtes Schauspiel schönzureden, schließlich wurde Jeff nicht nur von der Justiz verknackt, er bestraft sich auch selbst für seinen größten Fehler. Jedoch legen es weder Tellers Performance noch das Skript von Reese & Wernick darauf an, Jeff als jemanden zu zeichnen, der sich in die Apathie flüchtet. Das bisschen Charakterisierung, dass das Drehbuch Jeff gestattet, legt die Fährte eher in Richtung Selbsthass, wenngleich Teller nur wenig aus diesem Aspekt macht.

    Auch sonst wirft „Der Spinnenkopf“ zwar gekonnt Fragen auf, kratzt daraufhin allerdings nur an deren Oberfläche: Allein schon, dass die Gefangenen zu Beginn jeder Drogenverabreichung ihre Freiwilligkeit bestätigen müssen, ist eine Steilvorlage, um im Laufe der Handlung zu erörtern, wie oft freier Wille nur eine Illusion ist. Ebenso bietet diese Prämisse an, über die schwammigen Grenzen zwischen Bestrafung, resozialisierenden Umerziehungsmaßnahmen und Vergebung zu referieren. Letztlich arbeiten Reese & Wernick aber weder auf unvermeidlich-niederschmetternde Antworten hin, noch trauen sie dem Publikum zu, sich mit einer immer erdrückenderen, aber letztlich unaufgelösten Fragestellung zufrieden zu geben.

    ... während uns der sonst so sympathische Chris Hemsworth als egomaner Bösewicht doch ebenso überrascht wie überzeugt hat.


    Stattdessen steuern sie eine Grauzone an, die so matschig ist, dass man sie schwerlich mit Kosinskis aufgeräumten Bildwelten vereinen kann: Gen Schluss werden alle provokanten thematischen Fragen zu charakterbasierten Plotpunkten vereinfacht, deren Lösung durch einen geradlinigen Wettstreit der Raffinesse herbeigeführt wird. Leider sind die Figurenzeichnungen dabei längst nicht scharf genug, als dass sich „Der Spinnenkopf“ zum Ende hin wenigstens als zugespitzte Charakterstudie entpuppen würde.

    Während Jurnee Smollett als Jeffs Lieblingsmitinsassin von zurückhaltend-flirtend bis zermürbt spielen darf, bleibt Mark Paguio als Steves rechte Hand völlig austauschbar. So obliegt es „Thor 4“-Star Chris Hemsworth, „Der Spinnenkopf“ seinen Stempel aufzudrücken: Als hedonistischer Tech-Bro im Supermodel-Körper mit einem Lächeln, das ebenso widerlich-selbstbewusst wie gewinnend ist, lässt er zwar von Beginn an keinerlei Zweifel an Steves Schattenseite. Jedoch füllt er den Part mit Magnetismus aus und zeigt ab und zu Widerhaken, wie sie auch den restlichen Figuren gut gestanden hätten – so chargiert Jeff wiederholt in Sekundenschnelle zwischen Ellenbogenmentalität und welpenhafter Suche nach Nähe und Bestätigung. Und das sogar ganz ohne den Einfluss seiner Gefühlsdrogen!

    Zumindest sieht es geil aus

    Der größte Star des Films ist allerdings einmal mehr Kosinskis brillantes Auge fürs Ästhetische: Die Innenarchitektur des als Therapiezentrum und Pharma-Campus dienenden Gefängnisses meistert einen diffizilen Spagat. Einerseits mutet es wie ein Co-Working-Space mit einladenden Holztönen, geschwungenen Bögen sowie kuscheligen Nischen an. Andererseits kann es auch als harscher, eisig-kalter Schauplatz in Erscheinung treten, in dem gleißende Weißtöne und starre Linien den Sehnerv penetrieren. Kosinski und seinem Stamm-Kameramann Claudio Miranda gelingt es durch eine lebhafte, trotzdem kontrollierte Bildführung, die gegensätzlichen Seiten des futuristischen Inselknasts zu vereinen.

    In den harmonischen Momenten flimmert trotzdem immer auch die unheilvolle Seite des Ortes im Augenwinkel mit auf. Gleichwohl ist der Komfort stets greifbar genug, um selbst in den sinistren Augenblicken plausibel vorzuführen, weshalb sich die menschlichen Versuchskaninchen „freiwillig“ zu alldem „überreden“ lassen. Der idiosynkratische Soundtrack, auf dem sich beschwingte Pop- und R&B-Evergreens mit eisig-vorantreibenden Kompositionen von Joseph Trapanese („Prisoners Of The Ghostland“) abwechseln, verstärkt diese emotionale Desorientierung. „Der Spinnenkopf“ hat also die richtige Verpackung für seine Grundidee – bloß wird das seichte Drehbuch ihr leider weit weniger gerecht.

    Fazit: Brennende ethische Fragen, lasche und mutlose Lösungen: Das Drehbuch zum Netflix-Sci-Fi-Thriller „Der Spinnenkopf“ ist ernüchternd. Doch ein köstlich-fieser Chris Hemsworth und hervorragende Bilder, durch die der Hauptschauplatz ebenso einladend wie beklemmend wirkt, bewahren diesen dystopischen Thriller davor, jene Apathie zu erzeugen, die seine Hauptfigur lange Zeit ausstrahlt.

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