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    Fly
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Fly

    Resozialisierungstanz mit "Bandits"-Reunion

    Von Sidney Schering
    1997 gelang Katja von Garnier mit dem musikalischen Roadmovie „Bandits“ ein Kinohit: Der Film, in dem Katja Riemann, Jasmin Tabatabai, Nicolette Krebitz und Jutta Hoffmann Verbrecherinnen spielen, die im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme eine Band gründen, lockte fast eine Million Menschen in die deutschen Lichtspielhäuser. Der Begleit-Soundtrack erreichte zudem Gold-Status. Fast ein Vierteljahrhundert später wechselt von Garnier von einer Rockband zu einer Tanztruppe, die aber ebenfalls wieder im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms zusammenfindet.

    Im Mittelpunkt steht dabei die Schauspielerin Svenja Jung („Die Mitte der Welt“), die sich in ihrer Rolle mit dem Tanzensemble der Flying Steps und Hip-Hop-Freestyle-Weltmeister Ben Wichert messen muss – und dabei eine wirklich fantastische Figur macht. Das Drehbuch von Daphne Ferraro nach einem Konzept von Paula Romy und von Garnier kann indes nicht mit den erzählerischen Ambitionen von „Bandits“ mithalten …

    Vor allem die Albtraum-Tänze von Bex (Svenja Jung) sind ein absolutes Highlight von "Fly".


    Die 20-jährige Bex (Svenja Jung) verursachte durch Leichtsinn einen schweren Autounfall. Im Rahmen ihrer anschließenden Gefängnisstrafe muss sie sich einem Resozialisierungsprogramm bewähren. Dass die agile Einzelgängerin unter Mentorin Ava (Jasmin Tabatabai) ausgerechnet Teil einer Tanztruppe werden soll, die aus zahlreichen weiteren „Resis“ besteht, schmeckt Bex überhaupt nicht. Ihre Anwältin (Katja Riemann) und die Buchwurmpädagogin Sara (Nicolette Krebitz) dagegen schwören auf die Tanzmethode – und müssen sich deshalb gegen einen hochmütigen Senatsvertreter (Aleksandar Jovanovic) erwehren, der das Programm am liebsten einstampfen würde. Dabei wäre gerade Bex ein glänzender Beweis dafür, was dieses Programm alles bewegen kann…

    Die Protagonistinnen in „Bandits“ sind ziemlich schroff – und auch bei der Story verlässt von Garniers 90er-Hit immer wieder den Pfad der Genrekonventionen samt zugehöriger Wohlfühlstimmung. „Fly“ hat nun zwar oberflächliche Ähnlichkeiten mit „Bandits“ inklusive einer Reunion von Tabatabai, Riemann und Krebitz, allerdings begnügt sich das Tanzfilm-Drama mit einem recht generischen Plot und klischeehaften Figuren. Wer sich im Genre auskennt, kann „Fly“ praktisch Schritt für Schritt vorhersagen: Von Bex' nach Schema F aufweichender harter Schale über ihre sich zu Liebe wandelnder Abneigung gegen Jay (Ben Wichert) bis hin zum Versuch der „Resis“, mit einem spektakulären Tanz ein sozial wertvolles Bauprojekt zu retten.

    Die Tänze sind der eigentliche Star


    Das seichte Skript, in dem Konflikte regelmäßig abrupt aus der Welt geschafft werden, erfährt jedoch durch die Tanzsequenzen eine ungemeine Aufwertung: Die Figuren lernen durch das Training sukzessive, einander zu vertrauen, was sich vor allem in den Wettkampftänzen auszahlt. Darüber hinaus bringt von Garnier Abwechslung in das Geschehen, indem die vor allem von der Hip-Hop-Kultur geprägten Streetdance-Performances gelegentlich aufgebrochen werden. Neben einem sehr sinnlichen Paartanz stechen vor allem Bex' Alb- und Tagtraum-Sequenzen heraus, in denen sie tänzerisch ihre Schuldgefühle und die seit ihrem Unfall vorhandene Angst vor dem Ertrinken körperlich zum Ausdruck bringt.

    Die lebhaften Choreografien, entworfen von international bekannten Namen wie Phillip Chbeeb und Yaman Okur, fangen von Garnier und ihr Stamm-Kameramann Torsten Breuer („Ostwind“) in dynamischen Bildern ein: Behände vereinen sie und Cutterin Laura Wachauf Totalaufnahmen, die die Wucht und Komplexität der Choreos zur Schau stellen, und Nahaufnahmen, die die beeindruckenden Verrenkungen des Casts und die hochkonzentrierten Gesichter der Tänzer*innen unterstreichen. Besonders ragen die schon genannten Albtraum-Solonummern heraus, denen Breuer fast schon eine Horrorfilm-Optik verleiht.

    Die Chemie zwischen Bex und Jay (Ben Wichert) stimmt - und das macht auch ihre Paartänze besonders sinnlich...


    Beeindruckend ist darüber hinaus, wie gut sich Svenja Jung auf tänzerischer Ebene zwischen den Vollprofis schlägt: Die ausdrucksstarke Mimin schmeißt sich voller Agilität und mit beneidenswerter Körperspannung in das Tanzgeschehen. In den Dialogszenen wiederum zeigt sich ein ähnliches Problem wie in den späteren „Step Up“-Teilen oder einigen „StreetDance“-Filmen: Das Gefälle zwischen den Schauspieltalenten und den Tänzerinnen und Tänzern, die kaum bis gar keine Schauspielerfahrung haben, ist eklatant.

    Während Jung in ihrer Rolle als von Selbstverachtung verzehrte junge Frau voll überzeugt, stolpern manche ihrer Szenenpartner förmlich durch ihre Dialogpassagen, bei anderen ist es bereits ein Gewinn, wenn sie in wortreichen Szenen nicht negativ auffallen. Wenigstens profitieren die Mitglieder der Flying Steps von ihrer jeweils charakteristischen Körpersprache, so dass sie sich mit purer Ausstrahlung durch den Film zu hangeln verstehen. Auch an Bex' Love Interest Ben Wichert ist wohl kein künftiger Lola-Preisträger verloren gegangen, allerdings verfügt er über eine glaubhafte Chemie mit Jung, die gerade ihren Paartänzen letztlich das gewisse Etwas verleiht.

    "Bandits"-Reunion nach einem Vierteljahrhundert


    Tabatabai indes gibt die schroffe Mentorin mit emotionaler Vorgeschichte routiniert, während Riemann und Krebitz nur für eine Handvoll spitzzüngiger Sprüche und den metafiktionalen „Nun sind sie wieder vereint!“-Moment für „Bandits“-Fans vorbeischauen. Dass in 25 Jahren eine inoffizielle „Fly“-Reunion für Aufsehen sorgen wird, ist aufgrund der wenig denkwürdigen Charakterzeichnung abseits der Protagonistin Bex dagegen unwahrscheinlich. Aber immerhin wird er als gut fotografierter und stark choreografierter deutscher Beitrag zum Tanzfilmgenre in Erinnerung bleiben.

    Fazit: Ein mageres Skript wird durch gelungene Tanzszenen und eine engagierte Hauptdarstellerin aufgewertet: „Fly“ ist zwar kein Ausnahmetitel im Tanzfilmgenre, wohl aber einer, der ausreichend tänzerische Glanzmomente aufweist, um nicht in der Masse an Genrevertretern unterzugehen.

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