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    Amsterdam
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Amsterdam

    Viele Stars, wenig Spaß

    Von Björn Becher
    Ein Teil davon sei wirklich passiert, stellt der fünffach oscarnominierte „The Fighter“-Regisseur David O. Russell seinem neuesten Film „Amsterdam“ voraus. Damit verweist er auf den historischen Hintergrund seiner Geschichte: 1933 versuchten amerikanische Geschäftsleute mit einem Komplott, die US-Regierung zu stürzen und stattdessen einen faschistischen Diktator zu installieren – ein Ereignis, das wieder stärker ins Bewusstsein rückte, als MAGA-Anhänger*innen am 6. Januar 2021 das Kapitol in Washington stürmten, um die demokratisch gewählte neue Führung zu verhindern und Donald Trump im Präsidentenamt zu halten. Wenn Robert De Niro am Ende von „Amsterdam“ eine bewegende Rede über Liebe und Hass hält, scheint er damit direkt diese jüngsten Ereignisse zu adressieren …

    … allerdings kommt diese Szene, die zu den stärksten von von „Amsterdam“ zählt, fast völlig aus dem Nichts: Wenn der Film plötzlich zum großen Plädoyer für Verständigung über alle Differenzen und Hautfarben hinweg ansetzt, fühlt sich das nicht wie ein logischer Schlusspunkt an. Denn zuvor war David O. Russell eigentlich nur damit beschäftigt, zwischen Murder Mystery und Screwball Comedy zu mäandern und in einer so unzusammenhängenden wie einschläfernden Nummernrevue seinen eindrucksvollen Star-Cast durch die Manege zu führen. So ist der starke Schlusspunkt nur ein lauer Weckruf am Ende einer der größten Kino-Enttäuschungen des Jahres.

    Glückliche Zeiten in Amsterdam, 12 Jahre bevor eine Mördersuche beginnt.


    New York, 1933: Liz Meekins (Taylor Swift) bittet den Arzt Burt Berendsen (Christian Bale) und den Anwalt Harold Woodman (John David Washington) um Hilfe. Nach dem überraschenden Tod ihres General-Vaters Bill Meekins (Ed Begley Jr.) glaubt sie nicht an die offiziell diagnostizierte natürliche Todesursache. Und tatsächlich: In einer geheim durchgeführten Obduktion findet Burt mit Hilfe der Leichenbeschauerin Irma St. Clair (Zoe Saldaña) deutliche Indizien, dass der General vergiftet wurde. Doch weit kommen sie mit ihrem Wissen nicht.

    Denn Burt und Harold werden plötzlich selbst für Mörder gehalten und von der Polizei (wenn auch eher halbherzig) gejagt. Beim Versuch, ihre Unschuld zu beweisen, stolpern die beiden Kriegsveteranen über eine alte Bekannte: Die Künstlerin und Krankenschwester Valerie Voze (Margot Robbie) war einst die Dritte im Bunde, als man sich während des Ersten Weltkrieges kennenlernte und anschließend in Amsterdam gemeinsam das Leben genoss. Nach zwölf Jahren wiedervereint macht sich das Trio nun auf die Suche nach der Wahrheit und einem Mörder – und lässt nebenbei die alte Freundschaft aufleben. Aber flammt damit auch die Liebe zwischen Harold und Valerie wieder auf?

    Star-Schaulaufen ohne Esprit


    Filme mit einem solchen gigantischen Star-Cast sind selten – und wenn im Finale nicht nur die drei Hauptdarsteller*innen, sondern unter anderem auch noch Rami Malek, Anya Taylor-Joy, Chris Rock, Michael Shannon, Mike Myers, Timothy Olyphant und Robert De Niro gemeinsam auf bzw. vor einer Bühne stehen, dann hat das schon etwas vom Angeben mit dem eigenen Personal. Aber es ist die wohl größte Überraschung von „Amsterdam“, dass der eigentlich mit ausufernden Star-Ensembles (siehe „American Hustle“) bestens vertraute David O. Russell es diesmal nicht schafft, die verschiedenen Stile seines Star-Sammelsurium auch gekonnt einzusetzen. Viel zu oft macht hier jeder sein eigenes Ding. Teilweise scheinen in ein- und derselben Szene zwei Stars sogar in gänzlich unterschiedlichen Filmen zu spielen.

    Nur selten erweisen sich diese (Stil-)Brüche zwischen den oft im Duo agierenden Stars als reizvoll. Zwar produziert das Zusammenspiel zwischen dem bierernsten Michael Shannon („Man Of Steel“) und dem Kult-Komiker Mike Myers („Wayne's World“) als zwei schrullige Geheimagenten, Glasaugenlieferanten und Vogelliebhaber zumindest den ein oder anderen Moment zum Schmunzeln. Rami Malek („Bohemian Rhapsody) als Valeries sich hasenfüßig gebender Bruder und Anya Taylor-Joy („Das Damengambit“) als seine Frau versuchen hingegen so verzweifelt, ihre durchschaubaren Figuren undurchschaubar wirken zu lassen, dass man fast schon Mitleid bekommt.

    Im Finale von "Amsterdam" kommen fast alle Stars zusammen.


    Am Ende wirft David O. Russell sie alle aber ohnehin nur in Szenen, die oft gar nicht wirklich zusammenhängen, sondern einfach nur aufeinanderfolgen. Das bremst jegliche Dynamik auch innerhalb des Hauptdarstellertrios aus. Hier gibt sich „Tenet“-Star John David Washington sichtbar große Mühe, seinem langweiligen Anwalt eine gewisse Gravitas zu verleihen. Da sich „Dark Knight“-Batman Christian Bale aber darauf beschränkt, seinen Arzt mit zwei sich wiederholenden Runnings Gags (darunter der stetige Verlust des Glasauges) einfach nur möglichst verschroben zu spielen, bleibt es allein an Margot Robbie („Birds Of Prey“), zumindest gelegentlich eine überraschende Note und damit etwas Schwung ins Geschehen zu bringen.

    Da spürt man dann zumindest für kurze Momente, dass in „Amsterdam“ durchaus ein Film über die große Kraft der Freundschaft schlummert. Doch das interessiert David O. Russell am Ende offenbar genauso wenig wie all die anderen Elemente. Da ist „Amsterdam“ phasenweise eine Komödie, wobei es nur im Finale für wenige Minuten auch wirklich mit dem Esprit hochhergeht, den man sich von einer solchen Screwball-Revue erwarten würde. Und dass ja auch noch ein Mord aufzuklären ist, rückt immer wieder so stark in den Hintergrund, dass man jegliches Interesse am Wie, Wer und Warum schnell verliert – zumal die Auflösung ohnehin kaum jemanden überraschen dürfte.

    Fazit: Mit tollen Kostümen und einigen schönen Sets lassen David O. Russell und sein Team das New York der 1930er-Jahre sowie in einer ausführlichen Rückblende auch das Amsterdam um 1920 aufleben. Doch am Ende ist es ein Offenbarungseid, wenn einem zu einem so hochkarätig besetzten Film fast nur die Ausstattung positiv in Erinnerung bleibt. Selten wurde mehr Stars auf einmal verschenkt wie in dieser lahmen Komödie mit einer Mini-Prise Murder Mystery.

     

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