Vor Nolans "Die Odyssee" gibt es Homers Helden-Epos als Thriller
Von Gaby SikorskiDie Odyssee, nach der Ilias der zweite Teil von Homers antikem Heldenepos, wurde mehrfach fürs Kino und fürs Fernsehen adaptiert. Am bekanntesten ist vermutlich der monumentale Abenteuerfilm „Die Fahrten des Odysseus“ von 1954 mit Kirk Douglas als Odysseus und Silvana Mangano in einer kühnen Doppelrolle als verführerische Circe und Odysseus' Ehefrau Penelope. Für den Sommer 2026 ist nun eine Neuverfilmung angekündigt, inszeniert von Christopher Nolan, der ein „mythisches Action-Epos“ verspricht. Die ersten Bilder und die Besetzung sind schon mal beeindruckend: Dabei sind u.a. Matt Damon, Charlize Theron, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya, Lupita Nyong'o und Robert Pattinson.
Mit deutlich weniger Action, aber ebenfalls mit großen Stars präsentiert Uberto Pasolini seine „Rückkehr nach Ithaka“ – bis auf den turbulenten Schluss eine eher ruhige, dabei ziemlich raffinierte Erzählung über das Finale der Odyssee. Nach der zehnjährigen Belagerung und Zerstörung Trojas irrt König Odysseus (Ralph Fiennes) weitere zehn Jahre über das Meer – und erlebt nicht nur zahlreiche Abenteuer, sondern verliert auch all seine Begleiter. Schließlich wird er allein und nackt an den Strand seiner Heimat Ithaka gespült. Das Inselreich ist schon seit vielen Jahren im Dauer-Krisenzustand. Penelope, Odysseus‘ Ehefrau (Juliette Binoche), glaubt noch immer an die Rückkehr ihres Mannes und versucht mit allen Mitteln, sich gegen eine Horde unangenehmer Kerle zu wehren, die sich auf der Insel eingenistet haben. Sie alle sind darauf aus, von Penelope zum neuen Ehemann gewählt zu werden, um das Königreich an sich zu reißen...
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Soviel zur homerischen Überlieferung. Uberto Pasolini macht aus dem Finale der Odyssee – inklusive Kampf und Sieg gegen die Freier und Wiedervereinigung mit Penelope – eine erschütternde Parabel über die Sinnlosigkeit des Krieges. Der vollkommen ausgemergelte und stark gealterte Odysseus will nicht mehr kämpfen, er will endlich seine Ruhe. Zurück auf der Insel, wird er von niemandem mehr erkannt – außer von seinem Sklaven Eumaios, der sein Verbündeter wird, und von seinem alten Hund Argos, der sich noch ein letztes Mal von Odysseus streicheln lässt und gleich darauf stirbt. Klug und listig, wie er noch immer ist – immerhin hat er ja das Trojanische Pferd erfunden, mit dessen Hilfe Troja erobert werden konnte – bleibt Odysseus weiterhin inkognito, sogar gegenüber seiner Frau und seinem Sohn Telemachos (Charlie Plummer, „Moonfall“).
Doch aus der erhofften Ruhe wird nichts, denn zunächst einmal muss er die Freier loswerden, allesamt ebenso verwöhnte wie versaute Aristokraten, die sich in Ithaka aufführen wie eine Bande von testosteronwütigen Kleinstadt-Rockern, die weder Gesetz noch Gnade kennen. Sie nehmen, was sie kriegen können – plündern, vergewaltigen und morden. Penelope versucht vergeblich, die Lage in den Griff zu bekommen und hat schon beinahe aufgegeben...
Obwohl das Ende bekannt ist, ist das alles unfassbar spannend: eine düstere, melancholische Geschichte von zeitloser Bedeutung, ein Anti-Kriegs-Thriller, aber auch ein Charakterdrama von selten gesehener Intensität und Qualität. Ralph Fiennes („Konklave“) scheint sich noch immer von Film zu Film zu steigern. Als Odysseus beweist er hier, dass er – nicht nur für sein Alter – in beneidenswerter Form ist, und er zeigt als einsamer, müder Krieger eine erstaunliche Leistung. Sein Odysseus ist innerlich zerrissen und schuldbeladen, ein Mann mit melancholischen Augen, die zu viel gesehen haben. Das Kriegstrauma steckt in ihm, und er wird es niemals wieder loswerden. Er hat überlebt, ohne zu wissen, warum – er kann nicht vergessen und ist ein anderer geworden. Kein Wunder, dass ihn niemand erkennt. In der Sage gibt ihm Athene die Gestalt eines Bettlers, aber Pasolini kommt ganz ohne Wunder und Götter aus. Dieser Odysseus könnte zu allen Zeiten und überall gekämpft haben, von Vietnam bis Afghanistan, im Nahen Osten wie in der Ukraine.
Penelope teilt das Schicksal der zu Hause gebliebenen Frauen: Sie lebt in ständiger Angst um ihren Mann und um ihre Familie. Der Krieg hat nicht nur sein, sondern auch ihr Leben zerstört. Die hübschen Wüstlinge, die sie umgeben und bedrängen, machen ihr beinahe weniger zu schaffen als die Ungewissheit, was aus Odysseus geworden ist. Lebt er noch? Hat er ebenfalls gemordet und vergewaltigt, so wie die Freier? Könnte sie ihn überhaupt noch lieben, wenn er zurückkäme? Penelope webt seit Jahren am Leichentuch für ihren Schwiegervater Laertes, um sich die Freier vom Hals zu halten. Tagsüber webt sie fleißig, und nachts trennt sie heimlich alles wieder auf. So gewinnt sie Zeit. Aber wie lange noch?
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Juliette Binoche, deren trauriger Blick gleichzeitig Nähe und Distanz schafft, ist herzzerreißend in ihrem Stolz und in ihrer scheinbar unerschütterlichen Ruhe. Penelope muss am Ende entscheiden, ob sie sich selbst opfert, um ihr Land und vielleicht ihren Sohn Telemachos zu retten. Sie ist mutiger als Odysseus, sie geht aufs Ganze, indem sie den Freiern eine unlösbare Aufgabe stellt, die eigentlich nur Odysseus erfüllen kann: seinen Bogen spannen und einen Pfeil durch die Löcher von zwölf hintereinander aufgestellten Äxten schießen. Für Odysseus geht es ebenfalls um alles: um ihn selbst, Penelope, seinen Sohn und sein altes Leben – um das, was einmal war und nie mehr wiederkommt.
Fazit: Uberto Pasolini hat mit „Rückkehr nach Ithaka“ einen subtilen Thriller inszeniert, der auch als exquisit gespieltes Charakterdrama überzeugt: das Ende der homerischen Sage als psychologische Studie über den Krieg und seine furchtbaren Folgen. Mit einem furiosen Finale!