Selbst Tom Cruise im Fat-Suit rettet das nicht
Von Björn BecherDer vierfache Oscarpreisträger Alejandro González Iñárritu („Birdman“, „The Revenant“) gilt als ausgesprochen selbstkritischer Filmemacher. Als sein Netflix-Film „Bardo“ 2022 bei den Filmfestspielen in Venedig Weltpremiere feierte, kehrte er anschließend noch einmal in den Schneideraum zurück. Er kürzte insgesamt 22 Minuten, veränderte den Rhythmus, stellte Szenen um und fügte sogar neues Material hinzu. Nach eigener Aussage waren nicht die überwiegend negativen Reaktionen der Anlass, sondern die eigene Erkenntnis bei der Premiere, dass der Film noch nicht den richtigen Erzählfluss habe. Am Ende stand trotzdem ein Werk, das wenige mochten und das für viele eine große Enttäuschung war.
Dass Iñárritus Filme spalten, ist nichts Neues. Das wird auch bei „Digger“ der Fall sein. Doch dieses Mal ist ziemlich offensichtlich, dass weitere Besuche im Schneideraum nichts retten können. Während „Bardo“ nämlich so überladen war mit schrägen Einfällen, dass zumindest ständig etwas passierte, immer die nächste verrückte Idee um die Ecke kam und hinter all dem letztlich ein gewaltiges Herz schlug, ist „Digger“ das genaue Gegenteil. Der vor allem aufgrund der Performance eines kaum wiedererkennbaren Tom Cruise mit viel Make-Up und im Fat-Suit heiß erwartete Oscar-Kandidat ist eine ausgesprochen träge und erstaunlich leblose Angelegenheit, an der man sich schnell sattgesehen hat.
Warner Bros.
Für Digger Rockwell (Tom Cruise) sind eigentlich nur zwei Dinge im Leben wirklich wichtig: Seine geliebte, todkranke Katze soll gefälligst ewig leben. Aber vor allem müssen seine Ölquellen möglichst gnadenlos ausgebeutet werden, solange der amtierende US-Präsident (John Goodman) noch im Amt ist und kein umweltbewusster Nachfolger ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Doch jetzt hat Digger den Bogen überspannt, um bei seinen Bohrungen auch noch den letzten Tropfen aus der Erde zu pressen. Deswegen hat sich ein gewaltiger Eisberg gelöst, der nun auf Europa zutreibt. Kommt es zum Zusammenstoß, drohen verheerende Überschwemmungen, Millionen Tote und womöglich gleich das Ende der Welt.
Es muss also gehandelt werden – und weil das selbstverständlich nur die Amerikaner mit Digger höchstpersönlich an der Spitze können, stehen erst einmal große Reden und schließlich eine militärische Operation an. Doch epische Weltuntergangsbilder oder große Action solltet ihr nicht erwarten. Denn dass sich Diggers geliebte Katze direkt in der ersten Szene so offensichtlich als mechanische Bühnenrequisite erweist, liegt ganz sicher nicht am Budget des Films, das mindestens 125 Millionen Dollar beträgt (einige Quellen sprechen sogar von bis zu 200 Millionen).
Es ist unmöglich, eine sich wirklich fundiert auseinandersetzende Kritik zu schreiben, ohne zumindest auf eine zentrale Wendung des mit mehreren Twists aufwartenden Werks einzugehen. Wenn ihr „Digger“ ohne dieses Vorwissen schauen wollt, empfehlen wir euch daher, direkt zum Fazit zu springen und die übrige Kritik erst nach dem Kinobesuch zu lesen!
Nach etwa einer halben Stunde zieht Iñárritu den Vorhang zurück. Was wir bislang gesehen haben, ist die Generalprobe für eine Theatervorführung. Tom Cruise spielt also nicht nur Digger, sondern zugleich einen Schauspieler, der wiederum Digger verkörpert. Die Enthüllung selbst gehört noch zu den stärkeren Momenten des Films. Sie ist nicht nur visuell stark umgesetzt, sondern bietet auch einen sehr gelungenen Witz rund um einen Baum und die künstliche Welt des Szenenbilds. Auch später sind die Übergänge vom Theaterstück zur eigentlichen Inszenierung dahinter immer wieder die gelungeneren Momente. Doch das ist es dann auch.
Denn der Überraschungseffekt dieser zweiten Ebene ist schnell verpufft und inhaltlich gewinnt „Digger“ durch sie erstaunlich wenig. Obwohl Iñárritu das Drehbuch nicht nur mit seinen langjährigen Weggefährten Nicolás Giacobone und Alexander Dinelaris geschrieben hat, sondern auch mit der mexikanischen Dramatikerin und Theaterregisseurin Sabina Berman, bleibt die komplette Konstruktion auf den anfänglichen Aha-Moment beschränkt. Es entsteht kaum produktive Reibung oder Interaktion zwischen den beiden Erzählebenen. Selbst dass Cruise eine zweite Figur spielt, bereichert den Film nicht, weil sich der großspurige Öl-Magnat und der Mann, der ihn auf der Bühne verkörpert, kaum unterscheiden.
Warner Bros.
Die bewusst artifiziellen Bühnenwelten können zumindest durch ihre Ausstattung beeindrucken. Das Szenenbild gehört zu den klaren Highlights von „Digger“, doch visuell passiert innerhalb dieser Räume erstaunlich wenig. Es ist am Ende im wahrsten Sinne des Wortes abgefilmtes Theater. Und auch inhaltlich sind die langgestreckten Momente oft äußerst karg. Viel zu häufig beginnen Szenen in einer bestimmten Tonlage und verharren dann minutenlang darin. Digger kommandiert sein Umfeld herum, und bereits nach kurzer Zeit ist vollkommen klar, worauf die Szene hinauswill. Trotzdem geht sie weiter und weiter.
Es fehlt an Entwicklungen, Brüchen, überraschenden Richtungswechseln und vor allem an Energie. Die wenigen Momente, in denen plötzlich doch einmal Bewegung hineinkommt, machen nur umso deutlicher, wie schmerzlich diese dem Rest des Films fehlt. In einer Szene darf Digger vor einem vor Wut geifernden Parlament blasser Gestalten seine Menschenfängerqualitäten ausspielen. Es geht hoch her, es wird gepöbelt und schließlich eskaliert die Szene völlig. Doch das ist die absolute Ausnahme.
Das ist umso enttäuschender, weil „Digger“ eigentlich als bitterböse Satire angelegt ist. Da wird John Goodmans Präsident auf Schritt und Tritt von einem religiös eifernden, in Bibelversen sprechenden Priester begleitet, und auch alle weiteren politischen Figuren sind groteske Karikaturen. Doch die Realität ist längst selbst so absurd geworden, dass sie sich nur noch schwer überzeichnen lässt. Das wird auf der Meta-Ebene des Films sogar verhandelt. An einer Stelle fragt Tom Cruise als Digger-Schauspieler seine Regisseurin (Sophie Wilde) sogar: „Soll die Szene jetzt witzig sein?“ Es ist eine Frage, die man sich während „Digger“ leider ständig selbst stellt.
Denn die Selbstreflexivität, dass die eigene Satire und der eigene Humor gerade nicht funktionieren, macht das Geschehen ja nicht automatisch doch noch lustig oder zumindest clever. Es ist vielmehr das bereits selbst vorweggenommene Eingeständnis des Scheiterns. Iñárritu und sein Team erkennen, wo das Problem liegt, machen daraus aber nichts. Statt daraus eine neue Perspektive oder eine besonders scharfe Pointe entstehen zu lassen, bleibt die reine Benennung des eigenen Dilemmas schon der ganze Einfall. Allein daran scheitert die komplette Metaebene.
Warner Bros.
Doch selbst das den überwiegenden Teil der Handlung ausmachende Theaterstück um Digger Rockwell hat wenig Reiz. Dass die Menschheit eine durch hemmungslose Umweltausbeutung ausgelöste Katastrophe ausgerechnet dadurch lösen will, dass sie die Natur noch einmal mit militärischer Gewalt attackiert, bleibt platt. Wenig überraschend soll dann eine mit „Fuck Nature“ beschriftete Bombe den herannahenden Eisberg stoppen. Explizit zitiert wird Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“, wobei dieser Verweis auf einen der großen Klassiker der Filmsatire uns am Ende vor allem schmerzlich vor Augen führt, wie viel präziser, böser und vor allem komischer das schon einmal erzählt wurde.
Das prominente Ensemble kann daran wenig ändern, auch weil einzig und allein Riz Ahmed („The Negotiator“) als Wissenschaftler die Möglichkeit bekommt, eine Figur mit vielfältigen Nuancen auszugestalten und nicht durchgehend auf einer lauten Tonlage zu agieren. Sandra Hüller („Der Astronaut“) und Jesse Plemons („Bugonia“) bekommen zumindest ihren großen Einzelmoment, doch das Gros ist Beiwerk für die Tom-Cruise-Show. Den Mega-Star nach sehr, sehr langer Zeit mal wieder außerhalb seiner Actionhelden-Komfortzone zu erleben, ist zunächst der größte Reiz von „Digger“. Mit Make-up, Akzent und bewusst exaltiertem Spiel stürzt er sich sichtbar lustvoll auf diesen egomanischen Öl-Magnaten. Gerade die ersten Szenen mit seiner mechanischen Katze, die nach dem gemeinsamen Aufwachen im Luxusbett gebadet und geföhnt wird, sind sogar ziemlich amüsant. Doch auch an dieser Verwandlung hat man sich überraschend schnell sattgesehen. Was im Trailer und in den ersten Minuten noch faszinierend wirkt, wiederholt sich danach vor allem. Das hat Cruise mit dem Film gemein: Selbst wenn eine Szene mal vielversprechend beginnt, kann man sich meist sicher sein, dass sie sich ohne weitere Idee noch eine ganze Weile ziehen wird.
Und das ist am Ende wohl die größte Enttäuschung bei einem Film von Iñárritu. Keiner der Filme des Regisseurs ist unumstritten. Von „Amores Perros“ über „21 Gramm“ und „Babel“ bis zu „Birdman“ und „The Revenant“ kann man viele Vorwürfe formulieren. Man kann diese Filme nicht nur als Meisterwerke feiern, sondern ihnen vorwerfen, dass sie prätentiös, maßlos oder nervig sind und sich am Leid der Hauptfiguren ergötzen. Doch sie haben zumindest wilde Einfälle, die man als gescheitert ansehen kann, absurden Humor, über den man den Kopf schüttelt, und eine Inszenierung, an der man sich reiben kann. Den Vorwurf der Langweile konnte man Iñárritu bislang nicht machen – bis zu „Digger“. Denn dieser ist nicht einmal ein Scheitern mit vollem Anlauf, sondern eine einfach nur triste und sich ziehende Angelegenheit, die lediglich eine einzige Pointe besitzt und diese auf über zwei Stunden Länge walzt.
Fazit: Wie kann eine Satire die ohnehin absurde Realität noch witzig überzeichnen? Alejandro González Iñárritus erkennt und thematisiert dieses Problem in „Digger“, belässt es aber beim reinen Benennen. Das Ergebnis hat dann wenig Biss, kaum Humor und kein Herz. Es ist aber vor allem trotz des aufwendigen Szenenbilds, prominenter Besetzung und eines gegen sein Image anspielenden Tom Cruise eine überraschend leblose, dröge Angelegenheit, deren endlose Szenen die wenigen Ideen viel zu lange auswalzen.