Eine spannende, deutsche Antwort auf "Apocalypse Now"!
Von Oliver KubeEs ist wahrscheinlich keine allzu fernliegende Vermutung, dass der umwerfende Erfolg des Netflix-Oscar-Hits „Im Westen nichts Neues“ seinen Anteil daran hat, dass jetzt auch „Der Tiger“ erscheint. So legt also die Konkurrenz von Amazon Prime Video ein eigenes deutsches Weltkriegs-Original nach – und das bekommt vor seinem globalen Launch auf der Streaming-Plattform auch noch einen Kinostart spendiert.
Das ist nicht nur löblich, weil wir grundsätzlich Filme am liebsten auf der großen Leinwand sehen. Es ist vor allem rundum verdient für den von „Die Welle“- und „Napola - Elite für den Führer“-Regisseur Dennis Gansel ebenso effektiv wie intensiv inszenierten Kriegsfilm. Der macht mit Thriller- und Mystery-Elementen zudem auch schnell klar, dass er sich dann doch recht deutlich von „Im Westen nichts Neues“ abhebt und in erster Linie gelungenes Unterhaltungskino bietet.
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1943, an der Ostfront: Bei der Schlacht um eine Brücke über den Dnjepr kann die Besatzung (David Schütter, Laurence Rupp, Leonard Kunz, Sebastian Urzendowsky und Yoran Leicher) eines Wehrmacht-Panzers der Tiger-Klasse gerade noch ihren sowjetischen Verfolgern entkommen. Nachdem sie ihr schwer lädiertes Gefährt notdürftig wieder zusammengeflickt haben, werden die körperlich und geistig noch immer mitgenommenen Soldaten gleich darauf auf eine für sie wie ein Selbstmordkommando anmutende Mission hinter die feindlichen Linien beordert.
Ihr Auftrag ist es, den sich in einem geheimen Stützpunkt verschanzenden, mit extrem sensiblen Informationen ausgestatteten Oberst von Hardenburg (Tilman Strauss) zu lokalisieren. Bevor er Strategien und Truppenbewegungen an die Rote Armee weitergeben kann, soll der Mann zurück auf von den Deutschen kontrolliertes Gebiet gebracht oder vor Ort getötet werden. Während es sich mithilfe starker Aufputschmittel durch die verminten ukrainischen Steppen und Wälder vorwärtsbewegt, hat das Quintett immer wieder Feindkontakt. Dabei müssen sich die Männer zusehends ihren eigenen Ängsten und Gewissenskonflikten stellen.
Im Pressematerial zu „Der Tiger“ wird die Mission der Protagonisten von Dennis Gansel als „eine surreale Reise ins ‚Herz der Finsternis‘“ beschrieben. Wer „Apocalypse Now“, gesehen hat, wird diese Formulierung kennen. Schließlich ist das Meisterwerk von Francis Ford Coppola eine Adaption der Erzählung „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad. Dort erhalten der von Martin Sheen gespielte Captain Willard und seine Einheit den Auftrag, den abtrünnigen Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando) im von Feinden und anderen Gefahren durchzogenen vietnamesischen Dschungel aufzuspüren und ihn entweder zurückzubringen oder zu liquidieren. Das Unternehmen gerät zu einem veritablen Höllentrip, in dessen Verlauf nicht nur die Absurdität eines längst jeden Sinnes verlustig gegangenen Konflikts, sondern auch die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche freigelegt werden.
Es dauert nicht lange, bis sich in „Der Tiger“ klare Parallelen zu dem Spätsiebziger-Epos offenbaren. Fast erwartet man, dass am Ende vielleicht sogar ein computeranimierter Brando-Doppelgänger auf die Männer warten würde. Tut er nicht, keine Bange. Dafür ist Dennis Gansel ein viel zu intelligenter und einfallsreicher Filmemacher. Er belässt es lediglich bei einer respektvollen Verneigung vor dem Klassiker, ohne diesen dreist zu kopieren.
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Stattdessen treibt Gansel seine (Anti-)Helden auf einen finalen Twist zu, der – mit mal mehr, mal weniger subtilen Hinweisen gespickt – so konstruiert ist, dass er im Nachhinein durchaus absehbar erscheinen mag, beim ersten Anschauen aber doch überrascht. Eine zweite oder gar dritte Sichtung unter diesem Gesichtspunkt lohnt sich hier wirklich.
Der wahre Genuss an diesem erstklassig ausgestatteten und stark ins Bild gesetzten Kriegs-Thriller ist nämlich nicht seine Auflösung, sondern der Weg dorthin. Schon bei der intensiven Eröffnungssequenz fühlt es sich an, als ob wir mit den Männern in ihrem Tiger sitzen. Man kann förmlich das Rattern des Motors spüren und den Gestank von Granaten, Mündungsfeuer und Todesangst riechen. Während seine Männer immer panischer werden, bleibt der taktisch besonnen vorgehende, aber offensichtlich von den Geistern der Vergangenheit gequälte Kommandant Leutnant Gerkens (David Schütter mit einer erstaunlich vielschichtigen Performance) ganz ruhig.
Die Arbeit von Chef-Kameramann Carlo Jelavic („Tatort: Das Nest“) erinnert hier und auch in den zahlreichen späteren Szenen innerhalb des Panzers – sowohl in Bezug auf die Einstellungen als auch atmosphärisch – an diverse U-Boot-Filme. In beiden Szenarien sitzen schließlich die Figuren auf engstem Raum innerhalb einer tödlichen Waffe, die jeden Moment zu ihrem schwimmenden beziehungsweise sich auf Raupenketten durch das Gelände bewegenden Sarg werden kann. Dass sowohl Jelavic als auch Regisseur Gansel an mehreren Episoden der populären Streaming-Serie „Das Boot“ beteiligt waren, wirkt da wie eine Vorbereitung auf den Kinofilm.
Eine besonders spannende Passage spielt sogar unter Wasser, sodass der Tiger hier tatsächlich zu einer Art Unterseegefährt mutiert. Einiges an Suspense bieten zudem ein Minenfeld und das Duell mit einem gigantischen Sowjetpanzer auf offenem Feld. Auch wenn die klaustrophobische Eindringlichkeit des brillanten „Lebanon“, dem vielleicht besten Panzerfilm, nicht ganz erreicht wird, ist die Umsetzung solcher Szenen fast durchgehend packend.
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Zwischen diesen Action- und Spannungs-Highlights gibt es immer wieder atmosphärische Sequenzen bei Nacht und Rückblenden, in denen wir mehr über die Figuren, ihre Vergangenheit und ihren mentalen Zustand lernen. An einigen Stellen lassen uns Gansel und sein Team dabei rätseln, ob die Panzer-Besatzung das Geschehene gerade wirklich so erlebt hat. Oder sehen wir vielleicht auch Halluzinationen, die von Pervitin, der sogenannten „Panzerschokolade“, einer frühen Form der heutigen Droge Methamphetamin, hervorgerufen werden? Dieser chemische „Muntermacher“ wurde vielen deutschen Soldaten damals tatsächlich verabreicht, um nicht nur aufziehende Müdigkeit zu unterdrücken, sondern sie zusätzlich zu enthemmen. Hier dient es auch, um geschickt verschiedene Fährten in Richtung der finalen Wendung zu legen.
Zudem erzählt „Der Tiger“ zwar einerseits eine spannende Geschichte, die bis zu einem gewissen Grad tatsächlich so geschehen sein könnte. Gansel ließ sich auch von Berichten eines Onkels inspirieren ließ, der selbst in einem Panzer an der Front unterwegs war. Mit eingestreuten Genre-Momenten setzt er sich von nüchterner präsentierten Titeln à la „Stalingrad“ klar ab. Das sorgt dafür, dass Gansels Kriegs-Thriller mit mehr Tempo und Action deutlich kurzweiliger ist, gleichzeitig aber auf effiziente Weise schockieren kann und auch nicht reines Unterhaltungskino ist. Dem immer wieder aufgewärmten Mythos der „sauberen“, an Kriegsverbrechen und Massenmorden der SS komplett unschuldigen Wehrmachtssoldaten, den Historiker ohnehin längst widerlegt haben, erteilt Gansel so auch eine deutliche Absage.
Fazit: Mit einem Fokus auf Action und Spannung will „Der Tiger“ offensichtlich kein zweiter „Im Westen nichts Neues“, sondern viel eher ein Unterhaltungsfilm sein. Vor allem mit einer auch noch über die erstklassige Ausstattung hinaus gelungenen visuellen Umsetzung sowie einer clever erzählten Story gelingt dies auch.