Eines ist bei Darren Aronofsky sicher: Man kann nie wissen, was der New Yorker als Nächstes plant - aber es wird großes Kino. Mit dem Indie-Kunstwerk „Pi“ und dem Anti-Drogen-Trip „Requiem For A Dream“ wurde er zum heiß gehandelten Must-See-Filmemacher. Seine erste Großproduktion „The Fountain“ entpuppte sich dann zwar als bildreiches Spektakel, verlor sich jedoch in Theatralik. Doch Aronofsky fand schnell wieder auf die Beine – und holte mit seinem vierten Film „The Wrestler“ nebenbei auch noch Hauptdarsteller Mickey Rourke aus der Versenkung.
Aronofsky versteht es Schauspieler*innen zu Höchstleistungen zu bringen, was sich nicht nur im oscarnominierten Rourke zeigte, sondern zwei Jahre später mit Natalie Portman. Die gewann für „Black Swan“ den Goldjungen sogar. Dass Darren Aronofsky darauf den Bibelfilm „Noah“ sowie das komplexe Horror-Drama „Mother!“ mit Jennifer Lawrence als Mutter Natur folgen lassen würde, hatte wohl niemand auf dem Schirm. Doch es zeigt die Unberechenbarkeit des Regisseurs, der 2023 schließlich Brandon Fraser ein großes Comeback verschaffte. In der Rolle des stark übergewichtigen Charlie in „The Whale“ spielte Fraser stundenlang mit einer über hundert Kilo schweren Prothese und bekam dafür den Oscar.
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Aronofskys neunter Spielfilm „Caught Stealing“ reiht sich so wunderbar in diese Reihe, weil er erneut etwas völlig anderes ist. Im Mittelpunkt der Verfilmung von Charlie Hustons 90er Jahre-Roman steht „Elvis“-Star Austin Butler. Als Barkeeper soll der eigentlich nur auf die Katze (Tonic) seines Nachbarn (Matt Smith) aufpassen – doch dann mutiert er zum Helden einer wilden Crime-Story. Eine heiße Liebesaffäre mit Zoë Kravitz („The Batman“) ist dabei nur der Anfang eines zweistündigen Adrenalinritts. In diesem offenbart Butler durchaus Stuntman-Qualitäten. Von denen würde man gerne mehr sehen – und das wäre hier durchaus denkbar. Schließlich ist die Vorlage gleich eine Romanreihe. Ist es denkbar, dass Aronofsky demnächst ein Thema ein zweites Mal aufgreift?
Spricht man den Filmemacher auf weitere Verfilmungen der Vorlagen an, hält er sich allerdings sehr bedeckt. So konzentrierten wir uns im Interview zu „Caught Stealing“ am Rande der Premiere in Berlin auch auf andere Themen. Schließlich gibt es bei dem Film mit seiner handgemachten Action genug zu besprechen – wobei uns der New Yorker, der zeitweise auch mal Filme rund um die Comic-Helden Batman sowie Wolverine machen sollte, nicht nur mit seiner Aussage über Superhelden überrascht.
"Caught Stealing" - wie alle Aronofsky-Filme lange in der Entwicklung
FILMSTARTS: „Caught Stealing“ ist temporeich, kraftvoll und Punkrock. Brauchtest du nach „The Whale“ eine Veränderung in Tempo und Ton?
Darren Aronofsky: In diesem Fall war es keine bewusste Reaktion auf „The Whale“, aber vielleicht unbewusst ein bisschen. Wenn ich einen Film fertiggestellt habe, vergesse ich danach den gesamten Entstehungsprozess. Es ist definitiv schwierig für mich, einen Film zu machen, den ich umsetzen möchte. Es muss immer etwas sein, das ich schon eine Weile entwickelt habe. Man muss lange kämpfen, um herauszufinden, wie man Unterstützung für das Projekt bekommen kann. Ich verdränge das gerne, weil es wirklich einer der schlimmsten Aspekte beim Filmemachen ist. Ich glaube nicht, dass ich jemals wirklich auf das reagiere, was vorher war. Ich denke eher nicht darüber nach, was vorher war, sondern darüber, was vor mir liegt.
FILMSTARTS: Sind Filme ähnlich wie vergangene Beziehungen. Man blickt nicht zurück? Also dreht sie, stellt sie fertig und schaut sie nie wieder an?
Darren Aronofsky: Ich würde nicht sagen, dass sie wie Beziehungen sind. Aber die Reihenfolge stimmt: Drehen, fertigstellen und dann nie wieder ansehen.
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FILMSTARTS: Vor ein paar Jahren hat dich Charlie Huston aus heiterem Himmel aufgespürt und dir sein Drehbuch zu „Caught Stealing“ angeboten. Was hat dich an der Geschichte gereizt?
Darren Aronofsky: Als ich das Buch vor 18 Jahren gelesen habe, ging es mir lang nicht mehr aus dem Kopf. Damals habe ich versucht, die Rechte zu bekommen. Ich mochte einfach die Energie der Story. Das ist purer Eskapismus für zwei Stunden. Außerdem gab es Potenzial für eine großartige Besetzung. Jetzt dachte ich mir: Warum mache ich nicht einfach einen Film, der Spaß macht, weil er in ganz New York spielt? Dann kann ich jeden Tag zum Set laufen. Nach ein bisschen Soulsearching, ob ich mit all dem OK bin, habe ich mit einigen meiner Filmemacher-Kollegen (u. a. Kameramann Matthew Libatique, Produktionsdesigner Mark Friedberg) gesprochen. Sie waren alle begeistert und dann haben wir es einfach durchgezogen.
Austin Butler macht seine Stunts selbst!
FILMSTARTS: Austin Butler macht alle Stunts selbst. Das ist ungewöhnlich.
Darren Aronofsky: Als ich Austin getroffen habe, dachte ich: Oh, mit dem Typen möchte ich unbedingt arbeiten! Er könnte Hank Thompson in „Caught Stealing“ sein und das war er wirklich. Austin wollte alle Stunts unbedingt selbst durchziehen, weil er das Gefühl hatte, dass er sich besser bewegen kann als alle anderen, die ihn gedoubelt hätten. Er behielt Recht. Austin ist ein unglaublich guter Athlet! Es ist toll, wenn man einen Schauspieler hat, der sich so bewegen kann und das auf der Leinwand auch rüberbringen kann.
FILMSTARTS: Deinen Filmen merkt man den hohen Anspruch an die körperliche Leistung Schauspieler*innen an. Gerade erschien „Black Swan“ in einer remasterten IMAX-Version. Auf der Leinwand sieht man größtenteils Natalie Portman, nicht ihr Ballettdouble Sarah Lane, Austin Butler macht in „Caught Stealing“ sogar alles selbst. Ich stell mir das nicht leicht vor, Schauspieler*innen durch die eigene Erwartungshaltung nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Wie meisterst du diese Gratwanderung?
Darren Aronofsky: Ich versuche, mit Schauspielern zu arbeiten, die viel geben wollen und beim Casting herauszufinden, wie weit sie gehen möchten. Manchmal kommen Schauspieler an einen Punkt in ihrer Karriere, an dem sie nicht mehr so hart arbeiten wollen. Das ist für mich kein guter Zeitpunkt, um mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich interessiere mich mehr für diejenigen, die darin ihre Kunst sehen. Wenn beide Seiten dieses Verständnis haben, dann wird es spannend.
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FILMSTARTS: Das sieht man auch hier. Austin Butler gibt alles. Als Hank Thompson rennt er in den Straßen von New York vor einem Auto davon, ein andermal hängt an der Feuerleiter eines sechsstöckigen Gebäudes. Was war die waghalsigste Szene?
Darren Aronofsky: Es gab keine lebensgefährlichen Situationen. Austin hängt draußen an einem Gebäude, aber er ist mit einem Kabel abgesichert, das später digital entfernt wurde. Wir haben nichts Verrücktes gemacht. Es sind kontrollierbare Stunts. Alle Action-Sequenzen im Film basieren aber auf realer Physik. Es sind echte Prügel und Autounfälle. Es kann also grundsätzlich was schiefgehen. Austin hätte sich die Knochen brechen können. Er saß in Autos, die sehr schnell gefahren sind und dann zusammengestoßen sind, aber da greifen enorme Sicherheitsmaßnahmen. Unser Stunt-Team hätte ihn niemals einem Risiko ausgesetzt. Das hätte nicht nur ihren Ruf geschädigt, sondern auch den Dreh zum Erliegen gebracht. Wir haben uns immer doppelt abgesichert und in Babyschritten alles abgeklärt. Die Stunts waren definitiv nicht einfach, aber Austin hat sich nur ein paar blaue Flecken geholt. Wie jeder Stuntman.
Wegen Superhelden "sind die Dinge außer Kontrolle geraten!"
FILMSTARTS: Wie kann man in Bezug auf Actionszenen authentisch sein und vor allem in Zeiten von Superheldenfilmen ein cineastisches Erlebnis garantieren?
Darren Aronofsky: Wegen dieser Typen mit den Umhängen sind die Dinge echt außer Kontrolle geraten! Es ist alles so riesig geworden! Ganze Gebäude und Städte werden zerstört und Planeten explodieren. Wenn man sich für seine Figur interessiert, muss es realistisch bleiben. Da ist handgemachte Action einfach die bessere Wahl. Bei einer klassischen Verfolgungsjagd zu Fuß geht man einfach total mit.
FILMSTARTS: Die Verfolgungsjagd führt auch durch einen Supermarkt, der tatsächlich ganz normal geöffnet war!
Darren Aronofsky: Das war die einzige Vereinbarung, die wir treffen konnten. Niemand wollte seinen Supermarkt schließen. Chinatown ist ein sehr seltsamer Ort, um Geschäfte zu machen. Eine Frau aus der Nachbarschaft, die auch im Filmbusiness tätig ist, handelt diese verrückten Vereinbarungen aus, um solche Dinge zu ermöglichen. Aber es lief gut. Einige Leute fragten sich, was zum Teufel da vor sich ging. Das war ziemlich lustig.
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FILMSTARTS: Zwei Autos rasen durch das Gelände der Weltausstellung 1964 in Flushing Meadows. Das klingt auch wild!
Darren Aronofsky: Und es war erlaubt! Ich war total überrascht, dass die Parkverwaltung so etwas in der Nähe dieses ikonischen Bauwerks zugelassen hat. Es hat mich total umgehauen, dass dort niemals gedreht wurde. Die Technologie für Verfolgungsjagden ist unglaublich umfangreich, deshalb hatten wir jede Menge Ausrüstung dabei. Das war alles neu für mich. Wir hatten dieses Highspeed-Fahrzeug, einen Mercedes-Benz mit einem Kran obendrauf, der sich rundherum drehen ließ, bis zum Boden herunterfahren und superhoch fahren konnte. Es war unglaublich, welche Aufnahmen man damit machen konnte.
So kam die Musik zu "Caught Stealing"!
FILMSTARTS: In „Caught Stealing“ passiert eine Menge. Man bekommt ein Punkrock-Feeling durch die Musik, aber auch durch den von Matt Smith gespielten Nachbarn. Russ ist im Original ein ganz normaler Typ, aber du hast ihn zu einem Engländer und Punk gemacht, der gerne Idles hört. Was kam zuerst, der Punkrock oder das Drehbuch, das sich an der Musik orientiert hat?
Darren Aronofsky: Das Drehbuch kam natürlich zuerst. Im Film gibt es zwei Arten von Musik. Da sind zum einen die „Needle Drops“, für die wir authentische Musik aus den 90ern nutzen. Ich hatte unsere Music Supervisorin Jen Malone gebeten, mir großartige Songs herauszusuchen, die in Vergessenheit geraten sind. Sie hat da wirklich tief gegraben. Bei der Filmmusik wusste ich immer, dass ich eine Punkrockband einbauen wollte, um dem Film einen echten New-York-Charakter zu verleihen. Idles sind für mich die derzeit beste Punkband der Welt. Sie waren sofort an Board und performten auch den Score.
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FILMSTARTS: Der Film spielt in den 90ern. Es ist so wichtig, auf die Details zu achten. An den Fußgängerampeln stehen die Worte „DON'T WALK“ und „WALK“, um das 90er-Jahre-Feeling nicht zu stören. Du hast auch die Twin Towers zurückgebracht und damit beginnt der Film…
Darren Aronofsky: Für jeden New Yorker waren die Twin Towers von großer Bedeutung. Auch ich habe unzählige Erinnerungen an diese Gebäude. Bei den Anschlägen vom 11. September habe ich einen Freund verloren. Mich hat der Dreh daran erinnert, dass sie das ultimative Wahrzeichen von New York waren. Egal, wo man sich in der Stadt befunden hatte, wusste man sofort, wo Süden war. Ich hatte eine große Verantwortung, weil sie ein wichtiger Teil von New York waren.
FILMSTARTS: Was ist das Besondere an den Menschen in New York?
Darren Aronofsky: Die Realität ist, dass New York ziemlich schroff ist und Männer wie Frauen ziemlich tough sind. Das liebe ich auch an New York und das sieht man auch im Film.
„Caught Stealing“ läuft ab dem heutigen 28. August 2025 in deutschen Kinos. Nachfolgend haben wir auch noch einmal den englischen Originaltrailer für euch: