Wenn ein Film in über einem Dutzend „Simpsons“-Folgen persifliert wird, einen Gassenhauer der Toten Hosen inspiriert und dennoch nichts von seiner beklemmenden Wirkung einbüßt, ist das kein gutes Zeichen. Sondern ein sehr gutes! Genau das trifft auf Stanley Kubricks beißende, bitterböse und kompromisslose Gesellschaftssatire „Uhrwerk Orange“ zu.
Der im Original „A Clockwork Orange“ betitelte dystopische Thriller ist ein filigran durchdachtes, komplexes Statement über die Spirale der Gewalt, in der wir leben. Sowie ein unter die Haut gehendes Stück Schreckenskino, dessen Wucht einen umhaut. Alle Filmfans, die Kubricks Tour de Force wieder oder erstmals erleben wollen, können dies im Streaming tun: „Uhrwerk Orange“ kann unter anderem bei Amazon Prime Video gekauft und geliehen werden.
"Uhrwerk Orange": Kubricks dystopische Satirefolter
Alex (Malcom McDowell) führt eine Londoner Jugendgang an, die sinnlos Gewalttaten ausübt und sogar vor Vergewaltigung und Mord nicht zurückschreckt. Als ein rebellierendes Gangmitglied Alex niederschlägt, kann ihn die Polizei ergreifen. Daraufhin wird er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und letztlich als Versuchsobjekt für eine neuartige Umerziehungstherapie ausgesucht. In deren Rahmen wird Alex mit ultrabrutalen Filmen konfrontiert...
Kubrick orchestrierte mit „Uhrwerk Orange“ eine Sinfonie der Provokationen: Gangs, die sinnloser Gewalt frönen. Gewalt, die Kubrick so darstellt, wie die Täter sie empfinden – mit beiläufiger Selbstverständlichkeit gefilmt, unterlegt mit lebensfroher, kitschiger und/oder wunderschöner, klassischer Musik. Und als wäre das nicht schon unbequem genug, lassen Kubrick und Produktionsdesigner John Barry all dies in einer kalt-grellen, durchstilisierten Welt spielen, die voller hedonistischer Merkmale und doch völlig freudlos ist. Eine sonderbare Attacke auf den Sehnerv, der man sich nicht entziehen kann, und die Kubrick selbst vorübergehend aus dem Verkehr ziehen ließ:
Selbstzensur im großen Stil: Dieses verstörende Sci-Fi-Meisterwerk wurde auf Wunsch seines Regisseurs verbotenWie jede gute Provokation verkommt „Uhrwerk Orange“ jedoch nicht zum reinen Selbstzweck, sondern hat etwas zu sagen: Kubrick drängt uns nicht nur dazu, dem von Malcom McDowell mit soghaft-widerlicher Wirkung gespielten Alex hautnah zu folgen. Sondern peitscht uns auch durch eine Welt der unangenehmen Fragen und unklaren Antworten. Die Gewalt in „Uhrwerk Orange“ fußt in Empathielosigkeit, Vergnügungssucht und Ichbezogenheit, ist aber auch Auswuchs eines oppressiven Polizeistaats sowie Bestandteil eines medialen Teufelskreises.
Prävention schlägt in dieser Dystopie fehl, Umerziehungsmaßnahmen schießen weit über das Ziel hinaus und brechen nicht nur den Willen, sondern zermürben völlig den Verstand ihrer Subjekte. Individualität und Gemeinschaft sind hier gleichermaßen frustrierende Sackgassen, Kompromisse unmöglich. Und auf einer metafiktionalen Ebene ist „Uhrwerk Orange“ zudem ein gewaltsamer Film über Gewaltdarstellung im Film: Durch ihn drängen sich Fragen auf, wie Gewalt in Filmen gezeigt werden kann, soll und muss.
Ist die Darstellung verherrlichend, wenn sie zu grafisch ist, oder verharmlosend, wenn sie nicht hart genug ist? Stumpft Filmgewalt ab, oder zeigt sie Grauen erst auf – oder gibt es darauf keine allgemeingültigen Antworten? Nur eines ist klar: Keine Parodie kann grell, albern oder tumb genug sein, um „Uhrwerk Orange“ seiner immensen Wirkung zu berauben. Es gibt nichts, was diesen Film aufhält, in seiner gnadenlosen Wut. Also: Vorhang auf für Kubricks Horrorshow!
"Verpiss dich!": Darum hält Quentin Tarantino einen der größten Regisseure aller Zeiten für einen verlogenen HeuchlerDies ist eine überarbeitete Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.
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