Laut einer Mitteilung der Familie von Lee Tamahori ist der Regisseur im Alter von 75 Jahren gestorben. Das berichten neuseeländische Medien übereinstimmend. Tamahori sei friedlich im eigenen Haus und im Kreis seiner Frau, seiner Kinder, Schwiegertöchter, seiner Enkelin und enger Freunde eingeschlafen. Schon länger war bekannt, dass der Filmemacher unter Parkinson litt.
Der vor allem für „James Bond: Stirb an einem anderen Tag“ bekannte Regisseur hat auch noch einen letzten Film ausstehend. Ob das mit Adrien Brody, Bill Skarsgard, Oliver Platt, Rutger Hauer und Götz Otto namhaft besetzte Historien-Abenteuer „Emperor“ alias „Charles V“ jemals erscheint, ist aber fraglich.
Der am 17. Juni 1950 in Wellington, Neuseeland geborene Tamahori arbeitete zuerst als Fotograf, bevor es ihn Ende der 1970er-Jahre in die Filmindustrie zog. Über die Jahre übernahm er diverse Jobs hinter der Kamera, bevor er einzelne TV-Regie-Arbeiten übernehmen konnte. Mit seinem Kino-Debüt „Die letzte Kriegerin“ gelang ihm dann 1994 ein sensationeller Erfolg. Der damals erfolgreichste neuseeländische Film sorgte weltweit für Aufsehen und gewann zahlreiche Preise. Hollywood lockte.
Historisch: Ein indigener Filmemacher dreht "James Bond"
Dort etablierte sich Tamahori umgehend – mit Filmen wie dem starken Cop-Drama „Nach eigenen Regeln“, dem Alaska-Überlebenskampf „Auf Messers Schneide - Rivalen am Abgrund“ und der Krimi-Bestseller-Adaption „Im Netz der Spinne“. Auch eine Episode des Serien-Meisterwerks „Die Sopranos“ inszenierte er. Dann sollte der Höhepunkt kommen, denn Tamahori wurde die Ehre zuteil, einen besonderen Bond zu drehen:
„Stirb an einem anderen Tag“ war 2002 als großes Jubiläumsprojekt konzipiert: der 20. offizielle Bond-Film zum 40. Geburtstag der Reihe seit Auftakt „Dr. No“. Und ausgerechnet hier beschritten die Macher Neuland. Nachdem bis dahin ausschließlich weiße, meist britische Regisseure das Franchise in der Hand hielten, wurde Tamahori der erste Filmemacher indigener Herkunft. Lee Tamahoris Mutter war zwar eine weiße Britin, aber sein Vater stammt von den Ngāti Porou, einem Māori-Stamm in Neuseeland. Erst fast 20 Jahre später folgte übrigens ein weiterer nicht-weißer Bond-Regisseur: Cary Joji Fukunaga, der zuletzt „Keine Zeit zu sterben“ inszenierte.
Tamahoris Bond, der schließlich zur Abschiedsvorstellung von Pierce Brosnan als 007 werden sollte, wird von vielen Fans sehr kritisch beäugt. Der hyperaktive Actionstil mit vielen digitalen Effekten, an „Matrix“ angelehnte Bullet-Time-ähnliche Shots und völlig überzeichnete Setpieces stießen vielen Traditionalisten sauer auf. Ein CGI-Tsunami mit einer absurden Surfeinlage ist wohl die meistdiskutierte, wenn nicht sogar meistgehasste Bond-Actionsequenz.
Oft wird Tamahori zum Alleinschuldigen für den misslungenen Film erklärt. Natürlich trägt er aufgrund seiner Inszenierung eine große Verantwortung, dabei wird aber gerne übersehen, dass er schon mit dem Auftrag an die Arbeit ging, ein zum Jubiläum bewusst überladenes und selbstreferenzielles Bond-Spektakel abzuliefern.
Nach "James Bond" folgten die Flops
Von den negativen Kritiken für seinen „James Bond“-Film erholte sich Tamahoris Hollywood-Karriere aber nicht. Mit dem – nach Meinung des Autors dieser Zeilen allerdings etwas verkannten – Action-Sequel „xXx 2 – The Next Level“ und der Sci-Fi-Gurke „Next“ mit Nicolas Cage floppten seine letzten Hollywood-Filme. Nachdem er noch kurzzeitig Probleme mit dem Gesetz hatte, verließ er die USA und kehrte wieder in seiner Heimat zurück.
Es folgten noch kleinere Filme, die auf Festivals ihre Premieren feierten, aber nicht mehr das große Publikum fanden – so der Doppelgänger-Thriller „The Devil’s Double“ und „Mahana - Eine Maori-Saga“, der von einigen als Rückkehr zu den Wurzeln von „Die letzte Kriegerin“ gefeiert wurde, aber nicht mehr dieselbe Wirkung entfachte. Sein Historien-Drama „The Convert“ erschien in Deutschland 2024 nur noch fürs Heimkino. Es könnte sein letztes Werk sein – obwohl es da wie eingangs erwähnt noch eins gibt.
Der unveröffentlichte Film von Lee Tamahori
Bereits 2014/15 drehte Tamahori mit „Emperor“ alias „Charles V“ ein historisches Rache-Action-Epos. Im Mittelpunkt der im 16. Jahrhundert spielenden Geschichte steht Sophie Cookson als eine Frau aus Ghent, die Rache an Karl V. (Adrien Brody), dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, schwört. Nicht nur mit Gewalt, sondern auch mit Intrigen, Manipulation und dem Ausnutzen sexueller Begierde nähert sie sich ihrem Ziel und trifft unterwegs auf historische Gestalten. Dabei waren unter anderem Oliver Platt als Papst Clemens VII., Bill Skarsgård als spanischer König Philipp II., Thomas Kretschmann als Jakob Fugger und Eddie Marsan als Martin Luther.
Doch in der Postproduktion gab es finanzielle Schwierigkeiten – warum sollte Tamahori bald merken. Der Finanzier und Produzent geriet in den Fokus strafrechtlicher Ermittlungen wegen Betrugs, Geldwäsche und weiterer Vergehen. Rund 250 seiner Investoren klagten zudem wegen ausbleibender Ausschüttungen und versuchten, sich stattdessen Rechte an noch nicht verwerteten Projekten zu sichern – und „Emperor“ galt unter diesen als das wertvollste. Der offenbar vollständig gedrehte, aber nicht fertiggestellte Film strandete dadurch jahrelang in rechtlichen Auseinandersetzungen. Ob er jemals abgeschlossen oder veröffentlicht wird, ist derzeit völlig offen.