Provokativ, grenzüberschreitend, visuell berauschend: Das zeichnet die Werke des argentinischen Filmemachers Gaspar Noé aus. Seinen Ruf als unbestrittener Skandal-Regisseur erwarb er sich vor allem durch das düstere Sozialdrama „Menschenfeind“ (1998) und das vier Jahre später veröffentlichte, drastische Thriller-Drama „Irreversibel“ mit Monica Bellucci in der Hauptrolle.
Ein weiteres typisches Merkmal von Noés Filmen sind Charaktere, die sich von der Gesellschaft entfremdet fühlen und innerlich zutiefst zerrissen sind – oft durchzogen von einem Hass auf sich und die Welt da draußen. Das trifft zum Beispiel auf den Protagonisten in „Menschenfeind“ zu, der am Leben zerbricht und dessen existenzielle Verzweiflung in einem blutigen Akt der Gewalt Ausdruck findet.
Moralisch zutiefst fragwürdige, psychisch gebrochene Figuren prägen ebenso Noés dritten abendfüllenden Film, „Enter The Void“. Sieben Jahre nach „Irreversibel“ meldete sich Noé, der für fast alle seine Filme auch das Drehbuch schreibt, mit einem radikalen Mix aus avantgardistischem Experimentalfilm, Drama und Fantasy zurück. Dieses völlig unterschätzte Meisterwerk, das vom Überlebenskampf zweier Geschwister in der Halbwelt von Tokio erzählt, ist definitiv eine (ästhetische wie narrative) Grenzerfahrung, die lange im Gedächtnis bleibt!
Wer „Enter The Void“ noch nicht kennt oder sich ihn gerne mal wieder ansehen möchte, sollte sich den Film im Heimkino oder Stream nicht entgehen lassen. Aktuell gibt es ihn als kostenpflichtiges VoD bei Amazon Prime Video in der Leih- und Kaufversion:
Ein außerkörperlicher Trip – Darum geht’s in "Enter The Void"
Oscar (Nathaniel Brown) und seine Schwester Linda (Paz de la Huerta) landen nach dem Tod ihrer Eltern in Tokio. Während sich Oscar als Schmalspur-Drogendealer durschlägt, verdient Linda ihr Geld als Stripperin. Die Beziehung der Geschwister ist geprägt von inniger Liebe und Zuneigung, allerdings auch von Zerbrechlichkeit und widerstreitenden Emotionen. Als Oscar bei einem missglückten Drogendeal in der Bar „The Void“ von der Polizei erschossen wird, setzt die eigentliche Handlung ein: eine außerkörperliche Reise durch Oscars Psyche und Gedankenwelt. Denn während sein von Kugeln durchbohrter Körper auf dem Boden liegenbleibt, löst sich seine Seele und schwebt fortan auf der Suche nach Erlösung durch die Millionenmetropole.
Eines ganz klar vorweg: „Enter The Void“ ist eher nicht geeignet für einen gemütlichen, „herkömmlichen“ Filmabend, in dem leichte Unterhaltung und Berieselung im Mittelpunkt stehen sollen. Vielmehr ist Noés an Originalschauplätzen in Japan gedrehter Film ein knallharter, herausfordernder Trip. Aber einer, der sich lohnt!
Es ist die erzählerische und visuelle Intensität, die „Enter The Void“ so besonders macht. Der Regisseur setzt auf psychedelisch anmutende, explosionsartige Farbkompositionen, rauschhaft-surreale Experimente mit Licht, Schatten und Unschärfen sowie audiovisuell überladene Collagen. Zu der hypnotischen Stimmung, die sich durch den gesamten Film zieht, passen die Sounds. Eine Ambient-artige Mischung aus elektronischer Musik, experimentellen Klängen und bekannten, sanften Melodien aus der Welt der Klassik untermalen den Film. Nie zuvor wurde Johann Sebastian Bachs dritte Orchestersuite (besser bekannt als „Air“) passender in einem Film verwendet – und verfremdet!
Psychedelischer Fiebertraum zwischen Traum und Wirklichkeit
Zudem sind gewöhnliche Kameraperspektiven und neutrale Blickwinkel, welche die Beteiligten deutlich erkennen lassen, ganz klar Mangelware. Stattdessen ist die Kamera entweder ganz dicht hinter Oscar oder das Geschehen wird konsequent aus der Ego-Perspektive der Hauptfigur gezeigt, die sich nach dem ersten Filmdrittel wie ein Geist durch die neonbeleuchtete Stadt bewegt. Oscars immersive seelische Reise steht bei Noé exemplarisch für die verschiedenen Zwischenstufen auf dem Weg zur Reinkarnation. Diese abgefahrene Idee wirft ebenso das krasse und alles andere als offensichtliche Ende des Films auf.
Goodfellas
Bis es soweit ist, beobachten wir ab dem Augenblick, in dem Oscars Seele seinen Körper verlässt, die Szenerie und Ereignissen häufig von oben, aus der Vogelperspektive. Oscars Seele schwebt über allem. So entsteht ein voyeuristischer Blick, durch den auch wir als eigentlich unbeteiligte Betrachter zu Zeugen intimer, teils persönlichster Vorkommnisse und Begebenheiten im „privaten Raum“ der Figuren (Linda, ihr Boss, Oscars Freundin oder sein Kumpel Alex u.a.) werden. Die sich drehende Kamera fliegt gefühlt beständig über den Figuren und der Stadt. Klingt krass und, im wahrsten Sine, „abgehoben“? Ist es auch!
In Sachen Erzählstruktur ist „Enter The Void“ zwar nicht ganz so fundamental auf links gekrempelt wie „Irreversibel“. Eine simple, lineare Erzählweise gibt’s aber auch in diesem intensiven Fiebertraum nicht. Vor allem im Mittelteil und gegen Ende blendet Noé gehäuft und aus diversen Blickwinkeln das zentrale Ereignis ein: den Tod von Oscar, der seine Reise durch Zeit und Raum erst ermöglicht.
Noé erkundet, wie Gegenwart und Erinnerung und wie Traum und Wirklichkeit einander beeinflussen und bedingen. Apropos „Erinnerungen“: Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch diesen, in jeglicher Hinsicht extremen und expliziten zweieinhalbstündigen (!) Film. Vor allem die Flashbacks zurück in Oscars und Lindas Kindheit und zum prägenden, lebensverändernden Vorfall (dem Unfalltod der Eltern) verdeutlichen, dass es in „Enter The Void“ nicht zuletzt um unverarbeitete innere Konflikte und frühkindliche Traumata geht.
Geburt und Wiedergeburt sind elementare Themen in „Enter The Void“, die der Film als hoffnungsfrohen, freudigen Beginn eines neuen Lebens darstellt. Im neuen, mit Jennifer Lawrence und Robert Pattinson exquisit besetzten „Die, My Love“ sieht das etwas anders aus. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes verzweifelt die Hauptfigur an ihrem neuen Dasein als Mutter und ihrer destruktiven Beziehung zu ihrem Partner. Seht hier den Trailer zum verstörenden Psycho-Drama:
Jennifer Lawrence und Robert Pattinson, der beim Dreh fast die Nerven verlor, in 3 Tagen im Kino: Hier ist der Trailer zu "Die My Love"*Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.