Der Kinomarkt verändert sich ebenso wie die Geschmäcker und Sehgewohnheiten des Publikums. Das führt dazu, dass in unterschiedlichen Jahrzehnten auch variierende Arten von Filmen zu Hits werden können. So wäre es heutzutage nahezu unvorstellbar, dass ein brutaler FSK-18-Skandalfilm über Rassismus, unerbittliche Schaukämpfe und Vergewaltigung den Sprung in die Top Ten der erfolgreichsten Filme des Jahres schafft.
Doch genau das ist 1975 geschehen: Der unbequeme Historienfilm „Mandingo“ von Regisseur Richard Fleischer, der zuvor für Disney den Abenteuerkino-Meilenstein „20.000 Meilen unter dem Meer“ inszenierte, lockte drei Millionen Menschen in die deutschen Lichtspielhäuser. Somit verkaufte er auf dem hiesigen Markt mehr als doppelt so viele Karten wie Francis Ford Coppolas Mafia-Klassiker „Der Parte II“ und sicherte sich einen Platz in den Top Ten der Jahrescharts.
Jahre später sollte „Mandingo“ zudem als wichtige Inspiration für Kultregisseur Quentin Tarantino herhalten. Wenn ihr nun neugierig geworden seid: „Mandingo“ ist unter anderem via Amazon Prime Video als VoD verfügbar:
Falls ihr MOVIECULT als Prime Video Channel* abonniert habt, könnt ihr „Mandingo“ über diesen Weg sogar ohne Zusatzkosten abrufen. Außerdem ist der Film derzeit via Joyn* verfügbar.
Darum geht es in "Mandingo"
Auf seiner maroden Plantage zwingt Warren Maxwell (James Mason) Sklaven zu entwürdigenden, blutigen Schaukämpfen. Sein Sohn Hammond (Perry King) wird obendrein von seinen Sklavinnen als Serienvergewaltiger gefürchtet. Damit der Familienstammbaum einen weißen Nachkommen erhält, zwingt Warren jedoch seinen Sohn, seine Cousine Blanche (Susan George) zu heiraten.
Nach der Eheschließung vergeht sich Hammond dennoch weiter an den versklavten Frauen. Als er sich zunehmend für die Sklavin Ellen (Brenda Sykes) interessiert, wird Blanche wütend und beschließt, ihren Gatten zu hintergehen, indem sie den Sklaven Mede (Ken Norton) zum Sex zwingt. Diese Affären führen letztlich zu einem massiven Gewaltausbruch...
Rassistisch, ironisch oder schonungslos?
„Mandingo“ spaltete seinerzeit die Gemüter. So wurde der Romanadaption wiederholt angelastet, in Wahrheit bloß Rassismus zu replizieren, statt ihn zu entlarven. Kritikerlegende Roger Ebert etwa beschimpfte den Film in einem Verriss als „rassistischen Müll“. Positive Stimmen feierten den Film damals wiederum primär als ironisch-abgeschmacktes Camp-Fest.
Die Lesart, das Sklavendrama zeige konsequent und schonungslos die bigotte Realität inklusive unvorstellbarem Ausmaß an Machtmissbrauch, gewann erst im Laufe der Jahrzehnte an Prominenz. Einer der Vorreiter hinsichtlich der „Mandingo“-Neubetrachtung war der vielfach zelebrierte US-Filmkritiker Jonathan Rosenbaum: Schon 1985 nannte er die Fleischer-Regiearbeit „einen der am meisten vernachlässigten und unterschätzten Hollywood-Filme seiner Zeit“.
In Deutschland geriet „Mandingo“ derweil kurz zuvor ins Visier des Jugendschutzes, denn 1983 wurde das Drama selbst in gekürzter Form auf VHS-Kassette indiziert. Erst 38 Jahre später folgte die Rehabilitierung des Films – also nachdem Tarantino ihm in „Django Unchained“ Tribut gezollt hat: In den Passagen, die sich um das Anwesen des von Leonardo DiCaprio gespielten Sklavenhalters Calvin Candie drehen, häufen sich inhaltliche und bildästhetische Verweise auf Fleischers Skandalklassiker – und Sklavenkämpfe werden, als Hommage an Tarantinos Vorbild, in „Django Unchained“ als „Mandingokämpfe“ bezeichnet.
Übrigens: Ein von Tarantino gefeiertes Rache-Meisterwerk war lange Zeit wie vom Erdboden verschluckt. Mittlerweile könnt ihr es aber endlich wieder nachholen. Mehr dazu erfahrt ihr im folgenden Artikel:
Es war 35 (!) Jahre lang verschwunden: Dieses bildgewaltige Rache-Abenteuer ist für Quentin Tarantino einer der besten Filme aller Zeiten*Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.