Der über drei Stunden lange Antikriegsfilm „Im Morgengrauen ist es noch still“ wurde zwar auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig prämiert und ergatterte eine Oscar-Nominierung in der Sparte „Bester fremdsprachiger Film“ (heute: „Bester internationaler Film“). Und zumindest in der Sowjetunion sowie später in Russland genoss er noch über Jahre hinweg großen Ruhm – nicht zuletzt, weil er lange Zeit als schulischer Unterrichtsstoff herhielt.
In Deutschland hingegen fristet der Klassiker von „Weißer Bim Schwarzohr“-Regisseur Stanislav Rostotsky ein absolutes Nischendasein. Dabei ist er Genrefans, die sich an Abwechslung erfreuen, sowie Filmbegeisterten, die dem typischen (Anti-)Kriegskino wenig abgewinnen können, zu empfehlen!
Denn „Im Morgengrauen ist es noch still“ stemmt sich gegen Genretraditionen: Anders als im überwältigenden Löwenanteil des Militärfilm-Pantheons blickt der Dreistünder auf eine weibliche Flak-Einheit, womit er die üblichen Storyzutaten rund um sich in ihrer Kernigkeit gegenseitig übertrumpfende Soldaten und ihren unvermeidlichen Zusammenbruch ausspart.
Und obwohl dies zweifelsohne einen Antikriegsfilm darstellt, verdient er sich sein Genreetikett, ohne sich an derart verstörenden Bildern versuchen zu müssen wie „Komm und sieh“ oder „Iwans Kindheit“. Wenn ihr euch selbst überzeugen wollt: Diese Woche ist „Im Morgengrauen ist es noch still“ erstmals im deutschen Heimkino auf Blu-ray erschienen!
Darum geht es in "Im Morgengrauen ist es noch still"
1942: Im Zuge des Zweiten Weltkriegs entbrennt ein deutsch-sowjetischer Krieg – oder der „Große Vaterländische Krieg“, wie er in der Sowjetunion betitelt werden sollte. Starschina Fedot Waskow soll eine fünfköpfige Gruppe junger Frauen befehligen, die sich zum Kriegsdienst gemeldet haben, und mit ihnen zwei deutsche Fallschirmjäger gefangen zu nehmen. Doch als sich herausstellt, dass sich sogar 16 Deutsche im sumpfigen Gebiet befinden, muss eine von ihnen den Rückweg antreten, um Verstärkung zu holen, während ihre Gefährtinnen in Unterzahl den Feind in Zaum zu halten versuchen...
Regisseur/Autor Stanislav Rostotsky und sein Schreibpartner Boris Vassiliev („Der Krieg ist kein Abzählspiel“) ziehen diesen Antikriegsfilm als stilistisch schwankende Erzählung auf: In bewusst starren, freudlosen Schwarz-Weiß-Bildern wird das Kriegstreiben geschildert – frei von potentiell gewaltverherrlichender, aufregender Action. In bunten Rückblenden, denen eine leicht traumartige Logik und ein betont gekünstelter Studiobauten-Look anhaftet, werden wiederum die Vorgeschichten der kämpferischen Frauen aufbereitet.
Diese tonale und ästhetische Trennung gibt der Kriegshandlung einen kargen, sich einer potentiell anspornenden Gewaltästhetik widersetzenden Anstrich, hemmt aber ebenso die Zeit davor: Einmal in den Krieg gezogen, verliert auch die vergangene Wirklichkeit an Glaubhaftigkeit. Diese melancholische Note, die im Verlauf des Films immer lauter wird, kam Anfang der 1970er jedoch nicht ohne Kompromisse aus: Historisches Fehlverhalten der eigenen Seite durften sowjetische Filmschaffende nicht deutlich behandeln, weshalb die Protagonistinnen eine historisch beschönigte Vorgeschichte auf den Leib geschrieben bekamen. Ein 2015 veröffentlichtes Remake dagegen zeigt, dass manche der Heldinnen vor ihrem Antritt zum Kriegsdienst in der Heimat unterdrückt wurden.
Die leichtgängigeren Passagen im „Im Morgengrauen ist es noch still“-Original sind daher nicht frei von politischer Schönfärberei. Die kompetente Selbstsicherheit der weiblichen Flak-Einheit wird dessen ungeachtet gern als pointierter, feministischer Kommentar auf den Militärkino-Standard verstanden. Dessen ungeachtet lassen Rostotsky und Vassiliev durch den Verlauf der Handlung keinerlei Zweifel an der Idiotie des Krieges, weshalb „Im Morgengrauen ist es noch still“ auch ohne Dauerpräsenz verstörender Bilder der Gattung des Antikriegsfilms zugezählt wird.
Ein erschütterndes Seherlebnis, wie man es üblicherweise mit diesem Genre verbindet, bietet derweil unser folgender Heimkino-Tipp:
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