2014 kam „Wie ein weißer Vogel im Schneesturm“ heraus und ging ziemlich unter. In Deutschland erschien der Film sogar erst 2015 und damit ein Jahr nach seiner lokalen Premiere auf dem Fantasy Filmfest direkt auf DVD. Seitdem wurde es im Kino still um Gregg Araki – einem der prägendsten Pioniere des New Queer Cinema der 1990er Jahre. Der Filmemacher, der wie kein zweiter einen kompromisslosen, oft nihilistischen Stil und Pop-Art-Ästhetik verband, dabei von Themen wie jugendlicher Entfremdung, Sexualität und gesellschaftlicher Ausgrenzung erzählte, musste sich mit TV-Serien über Wasser halten.
Für Hits wie „Tote Mädchen lügen nicht“ oder zuletzt „Monster“ inszenierte er Episoden, konnte da aber natürlich nicht seine ikonische Inszenierung mit Bildern in knalligen sogenannten „Dayglo“-Farben einbringen. Eine Ausnahme bildete die komplett von ihm selbst verantwortete, in Deutschland bei Starzplay 2019 ziemlich unter dem Radar gelaufene Serie „Now Apocalypse“.
Viele Kinofans bedauerten es, dass Araki der Leinwand so lang fernblieb – auch der Autor dieser Zeilen, für den das Drama „Mysterious Skin“ mit Joseph Gordon-Levitt immer noch einer der besten und berührendsten Filme der vergangenen 25 Jahre ist. Mit dem bewies Araki zudem nach seiner chaotisch-überdrehten sogenannten „Teenage Apocalypse Trilogy“, dass er auch große emotionale und ernsthafte Themen beherrscht. Jetzt ist der Indie-Filmemacher endlich zurück im Kino. In Sundance feierte gerade „I Want Your Sex“ seine Weltpremiere.
(Alb-)Traumjob Sex-Spielzeug: Die Story von "I Want Your Sex"
Im Mittelpunkt steht der junge, ziellos durch sein Leben treibende Elliot (Cooper Hoffman). Überraschend ergattert er einen Job bei der berühmten und provokanten Künstlerin Erika Tracy (Olivia Wilde). Als die rund 20 Jahre ältere Frau ihn bittet, ihre „sexuelle Muse“ zu werden, ist er sofort begeistert – auch wenn sie von ihm totale Unterwerfung verlangt.
Doch nur zu Beginn glaubt Elliot, als menschliches Spielzeug in den ständigen erotischen Abenteuern mit seiner gutaussehenden Chefin einen Traum zu leben. Bald wird er immer tiefer in Erikas Welt aus Machtspielen, Obsession und künstlerischer Manipulation hineingezogen. Was als sexuelles Abenteuer beginnt, entwickelt sich zu einem gefährlichen Spiel um Kontrolle, Verrat und – möglicherweise – Mord.
Olivia Wilde als moderne Sharon Stone: Sexy, hinterhältig, grausam & betörend
Sensationelle 90 Prozent der bisher veröffentlichten Kritiken auf Rotten Tomatoes sind positiv. Gelobt wird dabei natürlich das Schauspielduo in den Hauptrollen. Olivia Wilde („Tron: Legacy“) sei großartig als dominante, manipulative Künstlerin: „Sexy, hinterhältig, grausam, aber auch betörend – es ist die Art von Rolle, die jemand wie Sharon Stone in den Neunzigern gespielt hätte“, schreibt Chris Bumbray bei JoBlo. Die Schauspielerin sei „ein Volltreffer in einer der saftigsten Rollen, die sie je spielen durfte“.
Cooper Hoffman („The Long Walk - Todesmarsch“) überzeuge daneben als unschuldige, fast verloren wirkende Muse. Das Duo habe eine großartige Chemie, dazu bereichert den Cast, dem auch Pop-Superstar Charli XCX angehört, auch noch Daveed Diggs („Hamilton“) als Szenendieb.
"Spektakulär sexy und absurd!"
Vor allem sei die Satire auf die Gen Z (die von 1995 bis 2010 Geborenen) und ihren Sex-Unwillen wirklich die erhoffte Kino-Rückkehr für Regisseur Araki: Als „Aufruf an die heutige Jugend, von ihren Bildschirmen wegzukommen, das Haus zu verlassen und flachgelegt zu werden“, beschreibt Robert Daniels bei RogerEbert.com so „I Want Your Sex“.
Der Filmemacher habe zudem seinen alten Dayglo-Stil mit knalligen Neon-Farben und einem Pop-Art-Vibe wiedergefunden. Bei TheWrap ist Chase Hutchinson dann auch begeistert von einem „spektakulär sexy und absurden Filmgenuss“. Es sei, „als hätte Araki die Haut des Films ‚Babygirl‘ übergestreift und wäre dann selbstbewusst und kompromisslos darüber hinausgewachsen.“
Von Gregg Araki durfte man aber noch mehr erwarten
Bei allem Lob, das im überwältigenden Großteil der Rezensionen vorherrscht, soll nicht unterschlagen werden, dass sich meist auch ein paar kritische Einschübe in den einzelnen Texten finden. So sei der Thriller-Teil nicht so gut wie die Satire. Araki halte sich zudem etwas zu sehr zurück. Seine früheren Filme seien deutlich schockierender und tabubrechender. Und am Ende habe er bei aller Unterhaltung nicht wirklich Neues oder Tiefgründiges über Machtverhältnisse oder Sexualität zu sagen.
Trotzdem scheint die Mischung aus Erotik-Thriller, Screwball-Komödie und Satire auf die Kunstwelt ein Film zu sein, den sich gerade Fans des Filmemachers vormerken sollten. Nun bleibt abzuwarten, wer sich nach der gerade erfolgten Sundance-Weltpremiere die Rechte sichert, um den komplett unabhängig finanzierten Film zu veröffentlichen.
Einen Film, den ihr diese Woche unbedingt im Kino sehen müsst, stellen wir euch hier vor:
Kinotipp der Woche: Der lustigste deutsche Film seit Jahren!