Bald weg von Netflix: Ein herausragendes Rache-Thriller-Highlight – gnadenlos, clever & schwer unterhaltsam!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Fünf Oscarnominierungen, eine der besten Performances des Jahres 2021 und ein Soundtrack, der sich ins Gedächtnis brennt: Der smarte Rachethriller „Promising Young Woman“ ist ein echtes Muss, nicht nur für Genrefans – nur noch kurz im Netflix-Abo.

Der ungewöhnliche, clevere Rachethriller „Promising Young Woman“ kann ganz genreuntypisch mit fünf Oscarnominierungen werben: Das Langfilm-Regiedebüt von „The Danish Girl“-Nebendarstellerin Emerald Fennell ergatterte Nominierungen als bester Film, für die beste Regie, die beste Hauptdarstellerin (Carey Mulligan), den besten Schnitt sowie für das beste Original-Drehbuch. In letztgenannter Kategorie ergatterte die zudem als Autorin fungierende Fennell sogar die begehrte Trophäe.

Und das völlig verdient, denn als hintersinnige Abrechnung nicht nur mit übergriffigen Männern, sondern auch mit ignoranten Frauen sowie fragwürdigen Filmklischees ist „Promising Young Woman“ nicht nur für Fans des Rachegenres ein echtes Muss. Alle, die den Film noch nicht kennen, sollten daher jede Gelegenheit wahrnehmen, ihn nachzuholen. Ganz unkompliziert ist das aktuell etwa bei Netflix möglich, wo „Promising Young Woman“ derzeit im Abo enthalten ist – allerdings nur noch bis zum 1. Februar 2026!

Darum geht es in "Promising Young Woman"

Cassandra (Carey Mulligan) spielt in Clubs sturzbesoffen und lässt sich immer wieder von Typen abschleppen – genauer gesagt von vermeintlich „netten Kerlen“. Denn nahezu jedes Mal zeigt sich, dass die Typen keineswegs harmlos sind, sondern Übergriffiges im Sinn haben. Und Cassandra hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Männern einen saftigen Denkzettel zu verpassen. Erst nach und nach zeigt sich, was Cassandras Antrieb ist...

Allein schon in diesen Szenen ist Mulligans Performance Gold wert: Als Frau, die selbsternannte gute Typen voller niederer Absichten ködert, indem sie so tut, als sei sie nicht mehr ganz bei Sinnen, gibt die Mimin eine fesselnde, doppelbödige Darbietung. Doch diese Doppelbödigkeit ist nur der Anfang.

Cassandra ist eine ungemein nuanciert skizzierte Protagonistin, bei der sich der Genuss an Rache und schmerzlichen Moraldenkzetteln mit einer großen Verletzbarkeit, Frust und dem Knabbern an einem lange verschleppten emotionalen Trauma die Waage hält. Sie ist ebenso diebisch-amüsiert von sich selbst wie raffiniert – und bei allem Kalkulationsvermögen kann sie in anderen Situationen völlig impulsiv handeln. Etwa, wenn sie ein Kerl im Straßenverkehr nervt. Das macht Cassandra zu einer packenden Hauptfigur, bei der man zwar oft ahnt, was sie als nächstes vorhat (ist es doch ihr Antrieb, Männern wie Frauen ihr doppelmoralisches, sexistisches Denken vorzuhalten) – aber nie so wirklich weiß, was sie als nächstes tun wird.

Nenn sie nicht Racheengel!

Die komplexe Charakterisierung Cassandras und Carey Mulligans eindrucksvoll zwischen boshaftem Glühen, traumatisiertem Hadern, naivem Klammern an einer Hoffnung sowie seelischer Abgestumpftheit changierendes Spiel lassen „Promising Young Woman“ über Genretraditionen hinauswachsen. Ja: Der preisgekrönte #MeToo-Film ist zu einem gewissen Grad ein vergnügter Rachereigen, in dem die Heldin Männern, die auf den Willen der Frau pfeifen, ebenso die Leviten liest wie Frauen, aus denen die internalisierte Misogynie fast schon heraustrieft. Allerdings ist Cassandra kein schillernder Racheengel – selbst wenn einige ihrer Outfits und die stylischen Farbwelten Fennells und ihres Kameramanns Benjamin Kracun zwischenzeitlich den Anschein erwecken.

Denn quasi im Vorbeilaufen demontiert Fennell Klischees aus RomComs und Partykomödien, klopft oftmals unschuldig inszenierte Momente aus Filmen wie „Superbad“ oder „Hangover“ auf die unbequemen bis widerlichen Implikationen ab, die sie im echten Leben hätten. Aber auch mit dem Metier des Rachethrillers geht Fennell hart ins Gericht, indem sie wiederholt die Frage aufwirft, ob Cassandras Mission wirklich so verführerisch-süß ist wie die verlockend-verzerrten Streicher-Partien aus Britney Spears' im Soundtrack zitierten Popsong „Toxic“.

Promising Young Woman
Promising Young Woman
Starttermin 19. August 2021 | 1 Std. 48 Min.
Von Emerald Fennell
Mit Carey Mulligan, Bo Burnham, Alison Brie
User-Wertung
4,0
Filmstarts
4,5

Unterm Strich kommt bei „Promising Young Woman“ somit ein Film heraus, der mit satirischem Biss Alltagswiderlichkeiten vorführt, sich mit kathartischem Thrill durch unbequeme Wahrheiten über das Patriarchat manövriert und bei all dem mit viel Empathie und etwas Kummer das klischeehafte Bild einer filmischen Rächerin vermenschlicht. Wie es schon in unserer Kritik von FILMSTARTS-Chefkritiker Christoph Petersen heißt: „Ein richtig schön böser Rachefilm“ einfach, der einem „zwar wiederholt kräftige Schläge in die Magengrube verpasst, zugleich aber auch ein ebenso cleveres wie perfides Vergnügen bereitet.“

Und wenn ihr noch mehr Rachekino sehen möchtet, werdet ihr unter anderem bei Prime Video fündig...

Streaming Tipp auf Amazon Prime Video: Ein bildgewaltiges 3-Stunden-Rache-Epos – mehr als 9 Millionen Zuschauer!

Dies ist eine aktualisierte Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.

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