Heute streamen: Eine wahre Geschichte, bei der ihr Magenschmerzen bekommen werdet – mit einem "Wuthering Heights"-Star
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Es ist das starke Porträt einer einsamen Frau – mit Stars aus „Euphoria“ und „Alien: Romulus“ im Mittelpunkt, inszeniert von „Lost in Translation“-Macherin Sofia Coppola: Streamt doch heute Abend „Priscilla“!

Als Priscilla Ann Beaulieu 1967 Elvis Presley heiratete, war ihr millionenfacher Neid sicher. Doch daran, dass ihr Leben als Frau des King of Rock 'n' Roll beneidenswert war, darf man zweifeln. Und das längst nicht nur, weil die Presse viel über Elvis' Untreue spekulierte...

1973 wurde die Ehe geschieden. Seither äußerte sich die Geschäftsfrau und Schauspielerin zwiespältig über den 1977 gestorbenen Musiker: Warme Worte, schmerzliche Beichten, Zurücknahme harscher Formulierungen, Anschuldigungen sowie Versuche, Elvis zu verteidigen, ergeben ein verwirrendes Gesamtbild.

Eine Orientierungshilfe gibt es nun im Streaming: Priscilla“ ist aktuell auf Netflix abrufbar – und somit ein Drama, in dem Sofia Coppola die gemeinsamen Jahre ihrer Titelheldin und Elvis Presley zusammenfasst. Und Priscilla Presley diente dabei als ausführende Produzentin...

Darum geht es in "Priscilla"

1959: Die 14-jährige Priscilla („Alien: Romulus“-Star Cailee Spaeny) lernt auf einem US-Armeestützpunkt in Deutschland Elvis Presley („Euphoria“- und „Wuthering Heights“-Darsteller Jacob Elordi) kennen. Der Weltstar absolviert gerade Militärdienst – und ist zehn Jahre älter als Priscilla. Die ist völlig hin und weg, ihre Eltern sind dagegen besorgt. Doch die Jugendliche ist in ihrer Begeisterung für Elvis unermüdlich! In der Schule dagegen dämmert sie dauernd weg, weil die redseligen Abende mit Elvis zu lang dauern.

Abhilfe schaffen alsbald Wachmachpillen, die der Star ihr verschafft. Als Elvis wenige Monate später in die USA zurückkehrt, lässt der Kontakt zwischen ihm und Priscilla nach. Dann kommt die Überraschung: Elvis lädt Priscilla ein, sein Luxusanwesen Graceland zu besuchen. Mit 17 darf sie dort einziehen – und bekommt von Elvis einen neuen Look, eine eigene Pistole und jede Menge Medikamente verpasst...

Beschwichtigende Worte, beunruhigende Bilder

Im Anschluss an die „Priscilla“-Weltpremiere beteuerte die ausführende Produzentin und Titelheldin, ihre Beziehung zu Elvis habe harmlos begonnen: „Er respektierte den Umstand, dass ich nur 14 Jahre alt war.“ Weiter befand sie, dass Elvis bloß deshalb in Deutschland mit ihr interagierte, weil sie „eine gute Zuhörerin war“ (zitiert via CNN).

Körperlich sei ihre Beziehung erst einige Jahre später geworden – und zum Bruch hätten schlicht ihre unterschiedlichen Lebensstile geführt. Doch so beschwichtigend sich Priscilla über Elvis äußerte – beim Anblick des auf ihren Memoiren fußenden Films kann man ordentlich Magenschmerzen bekommen!

So hat die lange, schrittweise Priscillas Vertrauen gewinnende und ihre besorgten Eltern beschwichtigende Vorgeschichte einen kalkulierten, bitteren Beigeschmack. Und wer sich davon nicht beunruhigen lässt, wird vielleicht durch das Machtgefälle eingeschüchtert: Elvis wird als alleiniger Herrscher von Graceland skizziert – die unerfahrene, vom Mammon erschlagene Jugendliche hingegen als irgendwas zwischen wandelnder Trophäe und menschlichem Haustier.

Verschärft wird das Gefälle durch massiven Drogenmissbrauch: Selbst der abgehärtete Elvis gerät beim ständigen Pillenschlucken ins Schleudern – und Priscilla ist dermaßen eingeschüchtert, dass sie sich nach grober Einschätzung ihres „Herren“ verabreichen lässt, was auch immer er für richtig hält.

Eklatante Größenunterschiede und Bände sprechende Musikuntermalung

Was knallig-sensationalistisch hätte werden können, löst bei Coppola heimlich, still und leise Unbehagen aus: In sanfte Farben gehüllt, von Geschnörkel eingelullt und einem gemächlichen Erzählduktus beschwichtigt, darf man sich in „Priscilla“ zuweilen wie ein gepamperter Schoßhund mit Schleife im Haar fühlen. Aber das hat Methode.

Das zeigen die kleinen, an Intensität zunehmenden Momente, in denen sich die Diskrepanz zwischen Augenschein und Geschehen derart zuspitzt, dass die Blase vermeintlicher Geborgenheit zerplatzt. Szenen, die zeigen, wie allein die Titelfigur auf weiter, turbulenter Flur stand. Augenblicke, die Unterschiede derart unterstreichen, dass man nicht wegschauen kann.

Etwa, wenn Elordi, der den realen Elvis überragt hätte, sich knurrend vor Spaeny aufbäumt, die noch kleiner ist als die reale Priscilla. Ein Bild, das Coppola einen Takt zu lange stehen lässt, um unschuldig zu bleiben. Ganz zu schweigen vom Unwohlgefühl der Szene, in der Priscilla feststellt, dass sie gegen ihren Willen zwei Tage verpennt hat.

Bezeichnend warf Lisa Marie Presley, nachdem sie das Drehbuch las, Coppola vor, „rachsüchtig“ mit ihrem Großvater umzugehen (mehr dazu). Dass sie (mutmaßlich) der Grund ist, weshalb im Film keine Elvis-Songs zu hören sind, erwies sich aber als glücklicher Zufall: Die Klangtapete aus Covern sowie an Elvis angelehnten Nummern ist oberflächlich-wohlig, unterschwellig irritierend – jedenfalls, bis Dolly Parton befreiend, bittersüß „I Will Always Love You“ schmettert. Ein Lied, das Elvis covern wollte – doch Parton erteilte ihm eine Absage, die er akzeptieren musste.

Eine die Popkultur auf andere Weise beeinflussende Absage steht übrigens im Mittelpunkt unseres folgenden Artikels:

"Ich wollte die Rolle wirklich haben": Nicole Kidman wurde für einen der größten Hits von Julia Roberts abgelehnt – weil sie nicht berühmt genug war!

Dies ist eine überarbeitete Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.

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