„Marty Supreme“ von Josh Safdie („Der schwarze Diamant“) ist ohne Frage einer der außergewöhnlichsten Filme des Jahres. Lose vom Leben der realen Tischtennis-Größe Marty Reisman inspiriert, spielt Timothée Chalamet einen Lebenskünstler, der fest entschlossen ist, der Beste in seinem Sport zu sein. Trotz der realen Person als Vorlage ist es dabei keine traditionelle Lebensverfilmung und schon gar kein staubtrockenes Biopic. Das historische Umfeld liefert nur die Grundlage für die eigenständige Figur des Marty Mauser, die Safdie auf eine fesselnde und rasante Reise schickt.
Passend dazu liegt auch bei den Tischtennis-Match-Szenen der Fokus auf Intensität, Rhythmus und psychologischer (An-)Spannung. Diese zu meistern und den überehrgeizigen Tischtennisspieler Marty Mauser zu verkörpern, verlangte von Chalamet eine Vorbereitung, die weit über das klassische Rollenstudium hinausgeht. Dabei reden wir nicht nur von einem Tischtennistraining, das über Jahre ging, sondern auch von einer äußerlichen Verwandlung, dem Riskieren seines Augenlichts und dem Einsatz seines nackten Hinterns...
Jahreslanges Training: So intensiv hat sich Chalamet noch für keine Rolle vorbereitet
Timothée Chalamet hat sich längst als Schauspieler etabliert, der sich für seine Rollen umfangreich vorbereitet. Er lernte für „Call Me By Your Name“ Italienisch und für „Like A Complete Unknown“ mehrere Instrumente und das Singen. Doch sein Tischtennistraining für „Marty Supreme“ übertrifft das alles noch einmal.
Schon vor langer Zeit sprachen Chalamet und Safdie erstmals über das mögliche Filmprojekt – und der Schauspieler wollte bereit sein, falls es zu einer Realisierung kommt. So fing er schon Jahre vorher mit dem Training an. Bei so unterschiedlichen Projekten wie „Wonka“ und „Dune 2“ ließ der Schauspieler am Set eine Tischtennisplatte aufstellen, um jede freie Minute zu üben.
Tobis Film
Als die eigentliche Vorbereitung mit dem Tischtennistrainer Diego Schaaf begann, war der überrascht, wie weit Chalamet schon war. Trotzdem folgte noch einmal ein intensives Training. War es anfangs der Plan, immer wieder mit einem Double zu arbeiten, wurde schnell deutlich, dass Safdies Stil, lange Einstellungen und klar erkennbare Ballwechsel zu drehen, verlangt, dass Chalamet selbst Matches auf hohem Niveau spielt – und das gegen echte Könner. Schließlich wurden für „Marty Supreme“ auch einige reale Profis gecastet. Mausers großer Konkurrent wird von dem japanischen Gehörlosen-Champion Koto Kawaguchi verkörpert und auch die deutsche Legende Timo Boll hat einen Auftritt.
Akne, Wunden, Brille: Chalamet so unperfekt wie noch nie!
Während der Wunsch nach Perfektion Teil der Tischtennis-Vorbereitung war, ging man in anderer Hinsicht genau den gegenteiligen Weg. „Marty Supreme“ ist für den Hauptdarsteller auch eine bewusste Abkehr vom gewohnten Star-Image als „Beautiful Boy“. Mit viel prosthetischer Feinarbeit erzählt Chalamets Gesicht in dem Thriller-Drama seine ganz eigene Geschichte. Es ist voller kleiner Aknenarben, sonstiger Hautunreinheiten und Wunden, die zeigen, dass hier jemand in rauen Verhältnissen aufgewachsen ist.
Die Arbeit ist so gut, dass nicht nur wir als Publikum keine Sekunde den Eindruck haben, dass künstlich nachgeholfen wurde. Sogar Chalamets Co-Star Gwyneth Paltrow, die als ehemalige Schauspiel-Diva Kay Stone eine Affäre mit Marty beginnt, wurde von der grandiosen Arbeit der Maskenbildner auf dem falschen Fuß erwischt. Sie hielt die Aknenarben für echt und war überrascht, dass sie der Schauspieler bislang bei öffentlichen Auftritten und anderen Rollen so gut verbergen konnte.
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Auch dass Marty Mauser eine ziemlich dicke Brille tragen muss, ohne die er aufgeschmissen ist, ließ Chalamet an seine Grenzen gehen. Natürlich hätte er durchgehend einfach eine Requisiten-Sehhilfe ohne Stärkengläser nutzen können. Doch in einer Szene, in welcher Marty seine Brille verliert, wollte auch er erleben, wie es ist, nicht richtig zu sehen zu können. So bekam er Kontaktlinsen mit einer Stärke von +10 Dioptrien, trug gleichzeitig eine Brille mit -10 Dioptrien – und fühlte sich damit ziemlich „schwindelig“.
Zum Nachmachen ist das übrigens eher nicht geeignet. Chalamet zog sich nach eigener Aussage eine „schreckliche Augeninfektion“ zu. Auch Regisseur Josh Safdie stellte später klar, dass es vielleicht nicht unbedingt die beste Idee gewesen sei, dann doch so weit an die Grenzen zu gehen. Ohne genauer ins Detail zu gehen, führte er bei der New Yorker Premiere des Films aus, dass Chalamet beinahe die Sehfähigkeit auf einem Auge verloren hätte.
Kein Double - Auch nicht beim Hinternversohlen
Nicht nur beim Tischtennis verzichtete der Hauptdarsteller auf ein Double. Eine amüsante Anekdote beweist auch, wie wichtig es Chalamet war, durchweg vollen körperlichen Einsatz zu zeigen. Im Film gibt es so eine Szene, in welcher Marty Mauser den Milliardär Milton Rockwell (Kevin O'Leary) anflehen muss – und der nutzt das aus, um den verhassten Emporkömmling zu demütigen. Er will ihm mit einem Tischtennisschläger in aller Öffentlichkeit den nackten Hintern versohlen.
Für den Dreh war bereits alles mit einem Stunt-Double vorbereitet. Doch laut Kevin O'Leary, der in den USA eine bekannte und berüchtigte TV-Persönlichkeit ist, schritt der Hauptdarsteller ein: „Es muss mein Arsch sein. Ich werde meinen Arsch für alle Ewigkeit auf Film verewigen. Ich zieh das durch!“, soll Chalamet proklamiert haben, wie O'Leary dem Magazin US Weekly verriet.
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Für den einen Beteiligten war es der Auftakt zu sehr spaßigen, für den anderen zu eher schmerzhaften Arbeiten. Schließlich wird eine solche Szene nicht in einer einzigen Aufnahme gedreht, sondern gerne mehrfach, wobei auf die Kontinuität geachtet werden muss: „Also haben wir angefangen, links und rechts und links und rechts auf die Backen zu klatschen und dabei versucht, die Intensität der Rötung gleichmäßig zu halten“, erinnert sich O'Leary zurück.
"Marty Supreme" – ab sofort im Kino!
Die immense Vorbereitung und der hohe körperliche Einsatz von Timothée Chalamet für „Marty Supreme“ haben sich ausgezahlt. Sie sind nämlich am Ende nichts, was hinter der Kamera verschwindet, sondern jede Sekunde Teil des fertigen Films und prägen ihn. Die Konsequenz, mit der sich Chalamet für diese Rolle an seine Grenzen brachte, ist in jeder Einstellung spürbar. Es ist ein wesentlicher Aspekt, warum „Marty Supreme“ so ein herausragender und einzigartiger Film ist, den man auf der großen Leinwand sehen muss.
Und ab sofort könnt ihr das tun: „Marty Supreme“ läuft jetzt deutschlandweit in den Kinos!