Vor 28 Jahren ging dieser eiskalte Thriller an fast allen vorbei – dabei gilt er als einer der besten Filme des "Spider-Man"-Machers!
Sebastian Groß
Sebastian Groß
-Freier Autor
Manchmal fühlt er sich alt, weil er damals „The Big Lebowski“ oder „Matrix“ zum Kinostart gesehen hat. Andererseits konnte er damals „The Big Lebowski“ und „Matrix“ zum Kinostart sehen. Zum Glück behält er das für sich, außer jemand fragt ihn. Jetzt fragt ihn halt endlich.

Bevor Sam Raimi mit "Spider-Man" Blockbuster-Geschichte schrieb, inszenierte er einen düsteren, emotionalen Thriller, der trotz zwei Oscar-Nominierung und starker Kritiken heute fast vergessen ist. Zeit euch diese Perle vorzustellen.

Wenn von Sam Raimi die Rede ist, denken die meisten sofort an rasante Horror-Eskapaden wie „Tanz der Teufel“ (1981) oder an seine stilprägenden „Spider-Man“-Trilogie (2002–2007). Womöglich auch an seinen jüngsten Film „Send Help“, der aktuell im Streaming-Abo von Disney+* Erfolge feiert.

Raimi gehört zu jenen Filmemacher*innen, die das Mainstream-Kino nachhaltig geprägt haben, ohne dabei ihre Handschrift zu verlieren. Seine Filme sind oft wild, dynamisch und voller visueller Energie – selbst dann, wenn sie sich innerhalb großer Studio-Produktionen bewegen.

Dabei wird leicht vergessen, dass Raimi sich immer wieder bewusst abseits vertrauter Pfade bewegte. Zwischen Dämonen-Horror und Superhelden-Spektakel entstanden Arbeiten, die deutlich leiser auftreten, dafür aber umso tiefer unter die Haut gehen. Dazu gehört etwa das übersinnliche und von uns empfohlene Mystery-Drama „The Gift“ (2000) mit Cate Blanchett und Keanu Reeves – oder eben „Ein einfacher Plan“.

Ein einfacher Plan
Ein einfacher Plan
Starttermin 25. Februar 1999 | 2 Std. 01 Min.
Von Sam Raimi
Mit Bill Paxton, Billy Bob Thornton, Bridget Fonda
User-Wertung
3,8
Filmstarts
4,5

Gerade letzterer dürfte zu den am meisten unterschätzten Filmen in Raimis Karriere zählen. Obwohl der Thriller aus dem Jahre 1998 bei Kritiker*innen hervorragend ankam und bis heute von vielen als eine seiner stärksten Regiearbeiten angesehen wird, geriet er im Laufe der Jahre zunehmend in Vergessenheit. Bei Rotten Tomatoes steht der Film bis heute bei starken 91 Prozent positiven Kritiken. Höchste Zeit also, dieses frostige Meisterwerk wiederzuentdecken.

Das ist "Ein einfacher Plan"

Im Mittelpunkt steht der vom Alltag gelangweilte Betriebswirt Hank Mitchell. Gemeinsam mit seinem älteren, einfältigen Bruder Jacob und dessen ungehobelten Freund Lou macht er in einer verschneiten Waldgegend von Minnesota eine folgenschwere Entdeckung: In einem abgestürzten Flugzeug liegt eine Tasche voller Geld – 4,4 Millionen Dollar in bar. Statt die Behörden einzuschalten, treffen die drei Männer eine spontane Entscheidung: Sie behalten das Vermögen und warten ab, ob überhaupt jemand danach sucht.

Was zunächst wie ein einmaliger Glücksfall erscheint, entwickelt sich jedoch zunehmend zum Albtraum. Misstrauen, Angst und Gier setzen eine Kettenreaktion in Gang, die das Leben aller Beteiligten zerstörerisch verändert. Raimi inszeniert diese Eskalation mit bemerkenswerter Ruhe und baut die Spannung nicht über große Schauwerte, sondern über menschliche Schwächen auf. Gerade dadurch wirkt der Thriller so unangenehm greifbar.

Besonders beeindruckend ist das Ensemble. Bill Paxton („Titanic“) verleiht Hank eine stille Bodenständigkeit, hinter der sich immer stärker moralische Unsicherheit offenbart. Billy Bob Thornton („Landman“) liefert als geistig einfacher, aber emotional aufrichtiger Jacob eine der besten Leistungen seiner Karriere ab – völlig zu Recht wurde er damals für den Oscar nominiert. Auch Bridget Fonda („Jackie Brown“) setzt als Hanks schwangere Ehefrau Sarah entscheidende Akzente. Ihre Figur bringt zusätzliche Spannung in die Dynamik der Gruppe, weil sie die rationale Stimme verkörpert, deren Vorschläge zunehmend beunruhigender werden.

Gerade dieses Zusammenspiel macht „Ein einfacher Plan“ so fesselnd. Die Charaktere handeln nachvollziehbar, selbst dann, wenn ihre Entscheidungen immer fragwürdiger werden. Niemand erscheint hier wie ein klassischer Bösewicht. Stattdessen zeigt der Film, wie gewöhnliche Menschen unter Druck Stück für Stück ihre moralischen Grenzen verschieben.

Einer der stärksten Thriller der 90er-Jahre

Was „Ein einfacher Plan“ bis heute so wirkungsvoll macht, ist die Verbindung aus nervenaufreibender Spannung und tieftraurigem Drama. Raimi interessiert sich weniger für Action als für die psychologischen Folgen einer Versuchung, die plötzlich über scheinbar normale Menschen hereinbricht. Der Schnee, die trostlose Umgebung und die bedrückende Atmosphäre verleihen dem Film dabei eine fast schon klaustrophobische Kälte.

Vor allem das Finale bleibt lange im Gedächtnis. Ohne konkrete Details vorwegzunehmen: Raimi entscheidet sich nicht für einfache Antworten oder bequemes Hollywood-Kino. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte zu einer bitteren Betrachtung über Schuld, Gier und die Illusion, mit dem perfekten Verbrechen davonkommen zu können.

Gerade diese moralische Konsequenz verleiht dem Thriller seine enorme Wucht, die durch einige schwarzhumorige Spitzen – so ganz kann Raimi von seinen typischen Mustern eben doch nicht lassen – zusätzlich verdichtet wird. „Ein einfacher Plan“ war ganz nebenbei wohl auch eine Feuertaufe für den Regisseur, dessen vorheriger Film ordentlich floppte und sogar die Karriere eines Hollywood-Stars begrub:

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Die Vorlage stammt übrigens vom gleichnamigen Roman des Schriftstellers Scott B. Smith, der später auch das Buch zu „Ruinen“ (2008) schrieb – einem ebenfalls häufig unterschätzten Horrorfilm. Smith übernahm zudem selbst die Drehbuchadaption seines Romans und wurde dafür sogar mit einer Oscar-Nominierung bedacht. Umso erstaunlicher wirkt es rückblickend, dass „Ein einfacher Plan“ heute beinahe in Vergessenheit geraten ist.

Dabei besitzt der Thriller alles, was großes Kino ausmacht: starke Darsteller*innen, eine dichte Atmosphäre und eine Geschichte, die noch lange nach dem Abspann nachwirkt. Wer den Film bislang verpasst hat, sollte das dringend nachholen. Genau wie dieses ebenfalls sträflich vergessene Meisterstück einer echten Hollywood-Legende – mehr dazu im folgenden FILMSTARTS-Artikel.

Vor 44 Jahren gewann er den wichtigsten Oscar, doch heute ist er fast vergessen: Mit diesem Film gab eine absolute Hollywood-Ikone ihr Regiedebüt!

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