Monatelang hatte sich schon um den Horror-Shocker „Obsession“ ein Online-Hype aufgebaut. Aber damit, dass der mit knapp 750.000 Dollar Budget gedrehte Film der Sommerblockbuster des Jahres werden und selbst „Star Wars: Mandalorian and Grogu“ alt aussehen lassen würde, hatte wohl niemand so richtig gerechnet! Insgesamt konnte der Schocker bereits über 334 Millionen US-Dollar in die Kassen spülen.
Quasi über Nacht ist der YouTube-Comedy-Star Curry Barker damit zu einem der gefragtesten Regisseure in Hollywood aufgestiegen, der demnächst an einem Reboot der ikonischen Slasher-Reihe „The Texas Chainsaw Massacre“ arbeiten wird. FILMSTARTS-Autor Kamil Moll hatte die Gelegenheit, mit dem Regisseur zu sprechen. Wir wollten von Barker wissen, wo die Gemeinsamkeiten zwischen Komik und Horror liegen und ob er sich von „Freaky Friday – Ein voll verrückter Freitag“ hat inspirieren lassen. Doch zuerst wollten wir noch einmal auf den Kurzfilm zu sprechen kommen, der die Grundlage für den aktuellen Kassenerfolg bildet.
Focus Features
FILMSTARTS: Du hast zuvor jahrelang Kurzfilme gemacht. Wie entstand die Story zu „Obsession“? War sie ursprünglich auch als Kurzfilm gedacht?
Curry Barker: Ja, tatsächlich begann alles als Kurzfilm. Ich habe erstmal mit Freunden ein Fotoshooting gemacht zu haben, um Bilder zu erstellen, die zeigen sollten, wie der Film aussehen könnte. Aber je näher wir einer möglichen Langfilmproduktion kamen, desto mehr wurde mir klar, dass ich den Kurzfilm nicht mehr machen sollte. Viele Szenen aus dem Anfang von „Obsession“ stammen direkt daraus: die Szene, in der Nicky nach dem in Erfüllung gegangenen Wunsch ins Auto zurückkehrt und sich plötzlich seltsam verhält, oder die Szene, in der Bear sie mit zu sich nimmt und sie zunehmend die Kontrolle verliert. Im Grunde bestand der Kurzfilm aus diesen frühen Szenen. Als ich daraus einen Langfilm entwickelte, habe ich die Geschichte einfach weiter ausgebaut.
FILMSTARTS: Wie schwierig war für dich der Übergang zu einem größeren Budget, einem größeren Team und aufwendigeren Sets?
Curry Barker: Es ist immer eine Herausforderung, einen Kurzfilm zu einem Langfilm auszubauen. Man möchte vermeiden, dass die Geschichte wie eine künstlich gestreckte Idee wirkt. Wenn man diesen Schritt geht, muss man sicher sein, dass genug Substanz vorhanden ist, um einen Langfilm zu tragen. Der Übergang war anfangs durchaus einschüchternd. Ich erinnere mich daran, ans Set zu kommen und überall Menschen zu sehen: das Kamerateam, Leute, die Tapeten anbrachten, Möbel aufstellten und das Set gestalteten. Ich dachte nur: „Mein Gott, all diese Menschen arbeiten hier, und ich bin verantwortlich dafür.“ Man fragt sich kurz, ob man überhaupt hierher gehört. Doch sobald die Arbeit beginnt, man mit den Schauspielern spricht und Regieanweisungen gibt, merkt man schnell: Eigentlich ist es dasselbe wie zuvor. Nur größer.
FILMSTARTS: Bear ist für mich eine ungewöhnliche Hauptfigur. Er wirkt zunächst unschuldig und unsicher, was ihn erst mal durchaus sympathisch macht. Erst nach und nach zeigt sich einer dunklere Seite. War es dir wichtig, eine Figur zu schaffen, in die sich das Publikum am Anfang einfühlen kann?
Curry Barker: Ja, natürlich. Ich wollte, dass sich die Zuschauer mit Bear identifizieren können. Gleichzeitig war es mir aber genauso wichtig, dass sie auch Nicky, Ian und Sarah verstehen. Jeder Charakter sollte eine eigene Perspektive haben. Sarah glaubt beispielsweise, dass Nicky Bear ausnutzt. Ian sieht es genau umgekehrt und glaubt, dass Bear Nicky ausnutzt. Diese unterschiedlichen Blickwinkel zu entwickeln, war für mich besonders spannend.
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FILMSTARTS: Wie schwierig war es im Casting, jemanden zu finden, der sowohl die schüchterne als auch die bedrohliche Seite von Bear glaubwürdig verkörpern kann?
Curry Barker: Das war entscheidend. Anfangs wusste ich nicht exakt, wie Bear aussehen sollte, aber ich wusste, wonach ich suchte. Zunächst habe ich vor allem nach dem besten Schauspieler gesucht. Als Michael vorsprach, wurde alles plötzlich sehr konkret. Er brachte eine besondere Sanftheit und Unschuld mit. Gleichzeitig konnte er Unsicherheit und soziale Unbeholfenheit sehr glaubwürdig darstellen. Und hinter all dem war da noch etwas Dunkles und Bedrohliches. In diesem Moment wusste ich: Das ist Bear.
FILMSTARTS: Nicky ist vielleicht sogar die komplexere Figur. Inde Navarrette muss jemanden spielen, die unsterblich verliebt ist und gleichzeitig unter dieser Liebe leidet. Habt ihr gemeinsam daran gearbeitet, diese extremen Stimmungsschwankungen glaubwürdig wirken zu lassen, oder hattest du bereits eine klare Vorstellung von der Figur?
Curry Barker: Ich hatte schon beim Schreiben des Kurzfilms eine sehr genaue Vorstellung davon. Mir war wichtig, dass sich die Besessenheit in diesem Film anders anfühlt als in klassischen Besessenheitsfilmen. Im Grunde ist „Obsession“ zwar eine Art Besessenheitsgeschichte, aber die Dynamik erinnert eher an eine extrem eifersüchtige Freundin als an einen Dämon. Diese Idee war von Anfang an zentral. Was die Magie betrifft, gibt es eigentlich nur einen wirklich übernatürlichen Moment: Der Wunsch funktioniert. Danach spielt Magie kaum noch eine Rolle. Ab diesem Punkt geht es einfach um ein Mädchen, das so besessen von einem Mann ist, dass sie alles tun würde, um bei ihm zu bleiben. Das ist die eigentliche Geschichte.
FILMSTARTS: Du hast mit Sketch-Comedy für deinen YouTube-Kanal „That’s A Bad Idea“ angefangen. Wie gut passen Comedy und Horror deiner Meinung nach zusammen? Hat Comedy deinen Umgang mit Horror beeinflusst?
Curry Barker: Meiner Meinung nach passen Horror und Comedy sehr gut zusammen, weil sie auf ähnlichen Mechanismen beruhen. Als Comedy-Autor beobachtet man ständig menschliche Verhaltensweisen: wie Menschen miteinander umgehen oder auf bestimmte Situationen reagieren. Im Comedy-Bereich verwandelt man diese Beobachtungen in Witze. Beim Horror macht man im Grunde dasselbe, nur dass man daraus Unbehagen und Angst erzeugt. Genau darin liegt auch mein persönlicher Zugang zum Horror.
FILMSTARTS: Ich denke, etwas ist aus demselben Grund lustig, aus dem es uns erschreckt: weil etwas Unerwartetes passiert. Wenn man die Pointe eines Witzes bereits kennt, ist er nicht mehr lustig.
Curry Barker: Genau. 99 Prozent der Comedy beruhen auf Überraschung. Das Timing einer Pointe funktioniert ähnlich wie ein Jump-Scare. Wenn man ihn kommen sieht, funktioniert er nicht. Dasselbe gilt für einen Witz: Kennt man die Pointe bereits, lacht man nicht mehr.
FILMSTARTS: Wenn ich an fantastische Geschichten denke, in denen sich Wünsche erfüllen, fallen mir nicht nur Horrorfilme, sondern auch einige Teenager-Komödien ein – etwa „Freaky Friday – Ein voll verrückter Freitag“, „Big“ oder „30 über Nacht“. Hat dich das auch beeinflusst?
Curry Barker: Nicht unbedingt in Bezug auf den Humor, aber hinsichtlich des Grundkonzepts schon. Mich interessierte die Idee, einen Film wie „Freaky Friday“ als Horrorfilm zu denken. Viele Geschichten über Magie, die schiefläuft, lassen sich problemlos als Horror erzählen. „Freaky Friday“ ist ein gutes Beispiel dafür. Im Kern könnte fast jedes dieser Konzepte in einen Horrorfilm verwandelt werden. Das wurde teilweise schon gemacht, etwa mit „Freaky“, in dem eine Schülerin den Körper mit einem Serienmörder tauscht. Mich würde dabei besonders die psychologische Seite interessieren: Wie erschreckend wäre es wirklich, im Körper eines anderen Menschen gefangen zu sein? Genau diese Form von Unbehagen würde ich genauer erforschen wollen.
FILMSTARTS: Die Szene, die mich am stärksten getroffen hat, ist Nicky‘s verzweifelter Schrei am Telefon. Der Moment wirkt gerade deshalb so intensiv, weil man sie nicht sieht. Ist das eine Form von Horror, die dich auch als Zuschauer stärker erschreckt als Dinge, die man direkt gezeigt bekommt?
Curry Barker: Absolut. Die Vorstellungskraft des Publikums ist oft mächtiger als jedes Bild. Ich arbeite gern mit Andeutungen. Wenn man dem Publikum die einzelnen Puzzleteile gibt, setzt es das Bild selbst zusammen. Das Ergebnis ist häufig beängstigender als eine direkte Darstellung. Ich hätte beispielsweise zu Nicky wechseln und zeigen können, was sie erlebt. Aber der Film wird nicht aus ihrer Perspektive erzählt, sondern aus Bears Sicht. Ein solcher Perspektivwechsel hätte sich falsch angefühlt und den Horror des Moments deutlich abgeschwächt.
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