Viele halten Clint Eastwood für einen geradezu prototypischen Amerikaner. Schließlich wurde er als wortkarger Revolverheld und kompromissloser Einzelgänger auf der Leinwand zur Ikone, prägte das Western-Genre wie kaum ein anderer Hollywood-Schauspieler und engagierte sich später sogar selbst in der US-Politik – unter anderem als Bürgermeister der kalifornischen Kleinstadt Carmel-by-the-Sea, in der er selbst mehrere Immobilien besitzt und Teile seiner Filme „Sadistico“ (1971) und „Im Auftrag des Drachen“ (1975) realisierte.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Schließlich verdankte Eastwood seinen Durchbruch nicht Hollywood, sondern dem europäischen Kino: Zum Weltstar wurde der heute 96-Jährige mit Sergio Leones in Italien produzierter und größtenteils in Spanien gedrehter Dollar-Trilogie.
Clint Eastwood wurde in Amerika lange nicht ernst genommen
Dazu passt, dass Eastwood und seine Filme in Europa lange deutlich ernster genommen wurden als in seiner amerikanischen Heimat. Unter anderem darum ging es in einem ausführlichen Interview, das der Metrograph mit dem zweifachen Regie-Oscar-Preisträger („Erbarmungslos“, „Million Dollar Baby“) geführt hat.
„Es hat eine ganze Weile gedauert, bis die anspruchsvolleren Filmkritiker in den USA deine Filme zu schätzen wussten“, stellt Journalist Nick Pinkerton da fest. „Schon früh hattest du dagegen einen Fürsprecher in Frankreich: Pierre Rissient [ein einflussreicher französischer Filmkritiker, Anm. d. Red.] Und auch Olivier Assayas [Anm.: der heute selbst ein bekannter Regisseur ist, unter anderem drehte er ‚Personal Shopper‘ mit Kristen Stewart] hat sich als Kritiker der Cahiers du Cinéma sehr für deine Filme eingesetzt.“
Clint Eastwood antwortete darauf: „Ich glaube, Pierre hat mich damals für irgendetwas interviewt, als wir uns kennengelernt haben. Durch ihn habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren, was das französische Publikum an Spielfilmen schätzt. Das war interessant und unterschied sich ein wenig von dem, was ich gewohnt war. […] Pierre war deshalb so interessant, weil er ein unglaublich großes Wissen über Filme hatte.“
"Das französische Publikum betrachtet Filme ganz anders als das amerikanische"
Anschließend teilte der „Dirty Harry“-Darsteller ein paar ganz grundlegende Beobachtungen über die Unterschiede zwischen seiner US-amerikanischen Heimat und dem europäischen Kontinent – vor allem Frankreich:
„Das französische Publikum betrachtet Filme ganz anders als das amerikanische. Amerikaner gehen ins Kino, um unterhalten zu werden. Französische Zuschauer hingegen analysieren einen Film. Ob das nun manchmal pseudointellektuell ist oder nicht – am Ende wird ein Film dort immer intellektuell durchdrungen. Für sie gehört das einfach dazu. Französische Zuschauer nehmen Filme genauer unter die Lupe. Sie verlassen das Kino und reden danach tagelang über einen Film. Sie versuchen herauszufinden, was der Regisseur sich dabei gedacht hatte – was hinter dem Film eigentlich steckt. Amerikaner Kinogänger gehen ins Kino, entscheiden sich anschließend, ob ihnen der Film gefallen hat oder nicht, und dann kommen sie aus dem Saal und sagen: ‚War gut‘“.
Tatsächlich genießt das Kino in Frankreich traditionell einen deutlich höheren kulturellen Stellenwert als in den USA. Nicht nur Clint Eastwoods Regiearbeiten wurden dort früh gefeiert – auch Alfred Hitchcock oder Howard Hawks galten in Frankreich schon als große Autorenfilmer, als sie in Amerika noch als bloße Unterhaltungshandwerker wahrgenommen wurden.
Wenn ihr übrigens wissen wollt, welche drei Kunstformen Eastwood für die einzigen hält, die sich die USA nicht von Europa abgeschaut haben, dann lest auch den nachfolgenden Artikel:
Clint Eastwood über die Vereinigten Staaten: "Sie sind nicht wie Europa, hier gibt es nicht viele eigenständige Kunstformen"Unsere Seite bietet dir täglich die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen. Füge FILMSTARTS bei Google als bevorzugte Quelle hinzu, um unsere Artikel dort häufiger angezeigt zu bekommen, wenn du nach einem bestimmten Thema suchst – so bleibst du immer auf dem Laufenden.