Ohne Lin-Manuel Miranda wäre „Vaiana“ kaum der Film, den Millionen Disney-Fans lieben. Dem auf unserem Artikelfoto abgebildeten „Hamilton“-Schöpfer haben wir Lieder wie „How Far I’ll Go“ alias „Ich bin bereit“ und „You’re Welcome“ alias „Voll gerne“ zu verdanken. Er hat damit großen Anteil am riesigen Erfolg des Animationsabenteuers, dessen Realfilm-Remake gerade in den Kinos gestartet ist. Eingängige Melodien und Texte zu schaffen, ist Mirandas Spezialität, wie er auch mit seinem eigenen Erfolgsmusical „Hamilton“ oder dem Super-Hit „We Don’t Talk About Bruno“ für „Encanto“ bewies.
Als Regisseur inszenierte Multitalent Miranda zudem bereits selbst den zweifach oscarnominierten Netflix-Film „tick, tick... Boom!“ und bewies schon da, dass er viel mehr als Disney-Abenteuer, Ohrwürmer und familienfreundliche Unterhaltung kann. Noch deutlicher unterstreicht das sein neues Werk. Denn „Octet“ ist ein unbequemes Musical über die kaputten Seiten des Internets.
Ein Musical über Internetsucht
Miranda adaptiert damit das gleichnamige Off-Broadway-Musical von Dave Malloy fürs Kino. Im Mittelpunkt stehen acht Menschen, die sich in einer Selbsthilfegruppe für Internetsüchtige zusammenfinden. Dort geht es nicht nur um zu viel Bildschirmzeit, sondern auch um Social Media, Memes, Candy Crush, Twitter-Diskurse, Reddit-Threads, Cancel Culture, Dating-Apps, Incels und Pornosucht.
Schon das Musical verweigerte sich vielen klassischen Zutaten des Genres. Es gibt keine Band, keine große Orchesterbegleitung, keine Popnummern. Die Bühnenversion war komplett a cappella angelegt und wurde von komplexen, teils dissonanten Harmonien getragen. Wie Miranda jetzt Vanity Fair erklärte, wird er daran mit seinem Film anknüpfen.
Lin-Manuel Miranda verspricht eine wilde Mischung
Der Regisseur zog gegenüber dem Magazin einen ziemlich wilden Vergleich, um seinen Film zu beschreiben: „The Breakfast Club“ trifft „A Chorus Line“ trifft „Matrix“.
Wie in „The Breakfast Club“ kommen sehr unterschiedliche Menschen in einem Raum zusammen. Wie in „A Chorus Line“ werden ihre persönlichen Geschichten über Musik und Performance offengelegt. Und wie in „Matrix“ geht es darum, ob das, was wir für Realität halten, längst von einem größeren System geformt wird. Allerdings wird dieses System hier nicht von Science-Fiction-Maschinen gesteuert, die Menschen in Kapseln gefangen halten, sondern von den Algorithmen, Apps und Feeds, die unsere ganz reale Gegenwart bestimmen.
Das Internet als Monster
Laut Miranda ist der Stoff durch den aktuellen KI-Boom und den Wandel des Netzes heute sogar noch aktueller als zum Bühnendebüt im Jahr 2019. Der Blick auf unser digitales Leben fällt dabei äußerst düster aus. Nicht umsonst verriet der Filmemacher Vanity Fair, dass die Figuren in „Octet“ fast ausschließlich vom „Monster“ sprechen, wenn sie das Netz meinen.
Miranda selbst betont, dass er praktisch jede Woche Sätze hört, die in „Octet“ bereits verarbeitet wurden. Als Beispiel erzählt er von einem Gespräch mit einem puerto-ricanischen Paar am Flughafen. Die beiden glaubten nicht, dass das menschliche Gehirn dafür gemacht sei, ständig diese Flut an Informationen über das Smartphone zu verarbeiten. Laut Miranda sei das eine Zeile, die genauso in „Octet“ vorkomme.
Mit Rachel Zegler, Amanda Seyfried und Jonathan Groff
Für die Filmversion von „Octet“ stehen unter anderem Rachel Zegler („West Side Story“), Amanda Seyfried („Mamma Mia!“), Sheryl Lee Ralph („Abbott Elementary“), Gaten Matarazzo („Stranger Things“), Musical-Star Paul Jordan Jansen, Tramell Tillman („Severance“) sowie die beiden „Hamilton“-Stars Jonathan Groff und Phillipa Soo vor der Kamera. Der Fokus des Regisseurs lag laut eigener Aussage jedoch nicht auf großen Namen. Seine Anweisung an das Casting-Team lautete schlicht: Er brauche Menschen, „die singen und gleichzeitig zuhören können“.
Via Vanity Fair wurde jetzt auch ein erstes Bild veröffentlicht, welches den Cast am Set zeigt:
Wann „Octet“ in die Kinos kommen wird, steht bislang noch nicht fest. Aktuell steckt Miranda noch in der Post-Produktion. Zudem hat er den Film unabhängig und ohne ein Studio im Rücken finanziert. Das Geld auf eigene Faust auftreiben zu müssen, sei auch noch mal eine neue Erfahrung gewesen. Daher muss der Regisseur nun einen Verleih finden, der bereit ist, den düsteren Stoff auf die große Leinwand zu bringen. Sollte dies zeitnah gelingen, wäre ein Start gegen Ende des Jahres pünktlich zur Oscar-Saison durchaus realistisch.
Um ganz andere musikalische Töne geht es derweil in dem Filmprojekt, das wir euch in der folgenden Nachricht vorstellen:
Die deutsche Antwort auf "Michael": Starttermin und erstes Bild zu "Roland"