Wer in Hollywood auf eine jahrzehntelange Karriere zurückblickt, hat meist schon alles erlebt: große Dramen, Komödien, Fernseh-Klassiker und prestigeträchtige Auszeichnungen. Dass ausgerechnet das Actionkino erst mit Mitte 90 zum persönlichen Neuland wird, dürfte dagegen selbst in der Traumfabrik eine Seltenheit sein. Genau das trifft auf June Squibb zu, die mit inzwischen 96 Jahren zu den ältesten noch aktiven Schauspielerinnen Hollywoods gehört. Ihre Laufbahn zeigt eindrucksvoll, dass es für neue Herausforderungen niemals zu spät ist.
Obwohl Squibb heute auf mehr als 70 Film- und Fernsehproduktionen zurückblicken kann, begann ihre Leinwandkarriere vergleichsweise spät. Zuvor stand sie viele Jahre auf Theaterbühnen und feierte Erfolge am Broadway. Erst Ende der 1980er-Jahre übernahm sie regelmäßig Rollen vor der Kamera. Schnell entwickelte sie sich zu einer jener Darstellerinnen, die selbst mit wenigen Szenen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Statt auf große Hauptrollen war ihre Karriere lange von markanten Nebenfiguren geprägt, denen sie mit trockenem Humor, Wärme und großer Authentizität Leben einhauchte.
Eine Oscar-Nominierung brachte den späten Durchbruch
Zu sehen war Squibb unter anderem in „Zeit der Unschuld“ (1993) von Martin Scorsese, „About Schmidt“ (2002) von Alexander Payne, dem Pixar-Hit „Alles steht Kopf“ (2015), der Adam-Sandler-Komödie „Hubie Halloween“ (2020) oder zuletzt Scarlett Johanssons Regiedebüt „Eleanor die Große“. Hinzu kommen zahlreiche Serienauftritte, etwa in „The Big Bang Theory“ oder „Modern Family“. Über Jahrzehnte etablierte sie sich so als feste Größe in Hollywood und bewies immer wieder ihre enorme Vielseitigkeit.
Den größten Karriereschub erhielt June Squibb schließlich durch Alexander Paynes „Nebraska“ (2013). Darin spielte sie die schlagfertige Kate Grant an der Seite von Bruce Dern („The Hateful Eight“) und begeisterte Publikum wie Kritik gleichermaßen.
Für ihre Leistung in „Nebraska“ wurde Squibb 2014 im Alter von 84 Jahren erstmals für den Oscar als Beste Nebendarstellerin nominiert. Zwar blieb ihr der Gewinn der begehrten Trophäe verwehrt (stattdessen wurde Lupita Nyong'o für ihre Leistung in „12 Years A Slave“ honoriert), doch die Nominierung machte sie einem noch größeren Publikum bekannt und eröffnete ihr zahlreiche neue Möglichkeiten. Auch in den Jahren danach blieb Squibb gefragt und übernahm weiterhin Rollen in Kino- und Fernsehproduktionen. Dass ihre Karriere jedoch noch einmal eine völlig neue Richtung einschlagen würde, hatte wohl kaum jemand erwartet.
Mit 94 Jahren wurde June Squibb plötzlich zum Actionstar
Erst 2024 wagte sich die Schauspielerin mit bereits 94 Jahren an ein Genre, das bis dahin komplett in ihrer Filmografie fehlte. In der Actionkomödie „Thelma - Rache war nie süßer“ übernahm sie erstmals die Hauptrolle eines Films, der Humor mit klassischen Action-Elementen verbindet – und feierte damit gleichzeitig ihr Action-Debüt.
Sie spielt eine Seniorin, die Opfer eines Telefonbetrugs wird. Anstatt den Verlust hinzunehmen, macht sie sich selbst auf die Suche nach den Verantwortlichen. Gemeinsam mit einem alten Freund, verkörpert vom einzig wahren „Shaft“-Darsteller Richard Roundtree in seiner letzten Filmrolle, entwickelt sich daraus ein ebenso unterhaltsames wie spannendes Abenteuer, das wir von FILMSTARTS mit vier und fünf Sternen bewerteten.
Regisseur und Autor Josh Margolin, der zuvor unter anderem Episoden der Comedyserie „New Girl“ drehte, kombinierte in seinem Spielfilmdebüt Verfolgungsjagden, kleinere Stunts und pointierten Humor mit einer Geschichte über Selbstbestimmung, Mut und den Wunsch, sich auch im hohen Alter nichts gefallen zu lassen.
Gerade weil Squibb ihre Figur nie als Karikatur anlegt, sondern mit derselben Ernsthaftigkeit spielt wie jede andere Rolle ihrer Karriere, funktioniert das Konzept so gut. Zwar kamen bei besonders riskanten Szenen auch Stuntprofis zum Einsatz, viele Momente absolvierte sie jedoch selbst. Das Ergebnis ist eine ungewöhnliche Actionkomödie, die ihre Hauptdarstellerin konsequent ernst nimmt und gerade deshalb überzeugt. Nur wer lieber die harte Tour mag, wird bei „Thelma“ nicht auf seine Kosten kommen, aber dafür gibt es ja genug Alternativen, mit denen sich die FSK herumärgern kann.
June Squibb gehört damit zu den seltenen Hollywood-Stars, deren Karriere auch jenseits der 90 noch neue Kapitel schreibt. Während viele Kolleginnen und Kollegen in diesem Alter längst im Ruhestand sind, erweitert sie ihre Filmografie weiterhin um Rollen, mit denen wohl kaum jemand gerechnet hätte.
Nach mehr als sieben Jahrzehnten im Showgeschäft, über 70 Film- und Serienauftritten sowie einer Oscar-Nominierung gelang ihr ausgerechnet als Action-Heldin noch einmal eine der überraschendsten Wendungen ihrer außergewöhnlichen Karriere. Übrigens spielte sie auch in einer Komödie mit, die sich – leider – als Abschiedsvorstellung einer wahren Hollywood-Legende entpuppte. Mehr dazu erfahrt ihr im folgenden FILMSTARTS-Artikel.
Obwohl eine absolute Hollywood-Legende darin ihren letzten Auftritt hatte: Kaum jemand kennt diesen Film*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links erhalten wir eine Provision.