Die Quasi-Fortsetzung zu einem deutschen Kinohit!
Von Christoph PetersenMit starken 900.000 verkauften Tickets landete „Das Pubertier - Der Film“ in den deutschen Jahres-Charts 2017 sogar einen Platz vor dem 185-Millionen-Dollar-Blockbuster „Kong: Skull Island“. Kein Wunder also, dass mit „Die Ältern“ jetzt die Verfilmung eines weiteren autobiografisch inspirierten Bestsellers von Jan Weiler („Maria, ihm schmeckt’s nicht!“) in die Kinos kommt: Wo im Vorgänger noch die Pubertät der Tochter im Zentrum stand, geht es diesmal um den Augenblick, in dem sie als junge Erwachsene das Haus verlässt (und in diesem speziellen Fall ihre Mutter gleich noch mitnimmt). Da die indirekte Fortsetzung allerdings neun Jahre auf sich warten ließ, hat sich vor und hinter der Kamera einiges getan:
Auf dem Regiestuhl thront diesmal nicht Leander Haußmann, sondern Sönke Wortmann, der zuletzt mit „Der Vorname“, „Contra“, „Eingeschlossene Gesellschaft“, „Der Nachname“ und „Der Spitzname“ gleich fünf Hits in Folge landen konnte. Da es so gut läuft, überrascht es nicht, dass er einige besonders oft erprobte Gags auch in „Die Ältern“ wieder auffrischt – vor allem am Gendern (mit einer müden Pointe) sowie an Lebensmittelunverträglichkeiten (mit einer amüsanten Variation) könnte er sich wohl ewig abarbeiten. Aber zum Glück gibt es da ja noch Eberhofer-Star Sebastian Bezzel, der statt Jan Josef Liefers in die Rolle von Jan Weilers Alter Ego Hannes schlüpft – und uns mit einer wunderbar schluffigen Performance sofort auf seine Seite zieht.
Constantin Film
Für Hannes (Sebastian Bezzel) könnte es am besten einfach immer so weitergehen: Mit seiner gutverdienenden Richter-Gattin Sara (Anna Schudt) lebt er in einer der besten Gegenden Hamburgs, während er selbst seit Ewigkeiten immer weiter an einer Fantasy-Romanreihe schreibt, deren erster Teil „Im Dunstkreis der Möwe“ zwar groß gefeiert wurde, die sich seitdem allerdings kein bisschen weiterentwickelt hat. Aber dann wird Hannes mit Schmackes aus seiner Komfortzone gedrängt: Nicht nur will seine Tochter Cara (Kya-Celina Barucki) zum Studieren in eine eigene Wohnung ziehen, sie nimmt auch gleich noch ihre Mutter mit, für die nach Jahren der Eintönigkeit endgültig die Luft aus der Ehe raus ist.
Hannes muss sich also fortan nicht nur allein um seinen müffelnden, besonders in Mathe hinterherhinkenden Abiturienten-Sohn Nick (Philip Müller) kümmern, sondern sich – ob er nun will oder nicht – auch in Liebesdingen neu orientieren. Um seinen wabbelig gewordenen Körper wieder auf Vordermann zu bringen, steht Schwimmen auf dem Programm – und zumindest eine 25-Meter-Bahn schafft Hannes gerade so. Dafür lernt er dabei die – ein ganzes Stück jüngere – Wissenschaftlerin Vanessa (Judith Bohle) kennen. Die ist sogar mit seinen Büchern vertraut – wenn auch nur, weil sein erster Band perfekt unter das kurze Bein ihres wackelnden Esstischs passt …
Nach mehr als drei Millionen Besucher*innen für seine „Namen“-Trilogie bleibt „Der bewegte Mann“-Regisseur Sönke Wortmann auch in „Die Ältern“ der gehobenen Mittelschicht treu und arbeitet sich weiter fleißig an den naheliegenden Wohlstands-Befindlichkeiten ab: Dass ausgerechnet das in Diversitäts-Fragen bestens bewanderte Oberstufenkomitee bei einer Abiparty falsch gendert, ergibt zwar keinen Sinn, aber offenbar braucht es bei diesem Thema nicht einmal mehr eine Pointe, um sich den erwartbaren Applaus abzuholen.
Dann doch lieber den unvermeidlichen Unverträglichkeits-Gag, wenn an Halloween plötzlich Zombies mit Laktoseintoleranz nach der passenden Bio-Schokolade verlangen – oder die Reaktion auf den vermeintlich harmlosen Papa-Satz, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages sei: „WICHTIG sind Genitalverstümmelungen!“
Constantin Film
Trotz allem ist „Die Ältern“ aber die meiste Zeit über geradezu entwaffnend charmant: Sebastian Bezzel, der sich nach dreijähriger Pause schon bald mit „Steckerlfischfiasko“ als Franz Eberhofer zurückmelden wird, stürzt sich ohne jede falsche Eitelkeit in seine resignierende Rolle – und punktet dabei mit einem staubtrockenen, vor allem auf sich selbst abzielenden Humor. Sowieso ist Jan Weiler ja für seine präzisen Beobachtungen bekannt, bei denen es selten darum geht, andere in die Pfanne zu hauen, sondern mehrheitlich die eigene Entlarvung im Vordergrund steht.
Selbst Paul (Enzo Brumm), der neue Freund der Tochter, der andauernd herumliegendes Essen in sich hineinstopft, während er alle nur erdenklichen Sprichwörter wahllos durcheinanderbringt, wird nicht allein zur leicht zu treffenden Zielscheibe degradiert, sondern darf den letzten Lacher auf seiner Seite verbuchen.
Fazit: Die Chancen stehen ausgesprochen gut, dass Sönke Wortmann mit „Die Ältern“ seinen sechsten Kinohit in Folge landet – das haben in Deutschland nur sehr, sehr wenige Regisseure geschafft. Bedanken sollte er sich dafür vor allem bei seinem grandios-schluffigen Hauptdarsteller Sebastian Bezzel – sowie bei Romanautor Jan Weiler für seine selbstironisch-entlarvenden, charmant-uneitlen Beobachtungen zum Empty-Nest-Syndrom.