Avatar 3: Fire And Ash
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Avatar 3: Fire And Ash

"The Way Of Water 2" wäre der ehrlichere Titel

Von Christoph Petersen

Was immer ihr auch tut, wettet bloß nie gegen „Titanic“-Mastermind James Cameron! Noch wenige Tage vor dem Start von „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ haben wir uns bei den merkwürdig herumhüpfenden blauen Wesen im Trailer eigentlich nur die Frage gestellt, WIE gewaltig der Flop angesichts des kolportierten 500-Millionen-Dollar-Budgets wohl ausfallen wird. Das Ergebnis: mehr als 2,9 Milliarden Box Office – bis heute Platz 1 der umsatzstärksten Filme aller Zeiten!

13 Jahre später dasselbe Spielchen: Wir fragen uns, wie viele der Ticketkäufer*innen (mehr als 11 Millionen allein in Deutschland) denn damals wirklich an der Welt von Pandora und wie viele nur am bahnbrechenden (3D-)Spektakel interessiert waren? Aber dann kam „Avatar 2: The Way Of Water“ und erfand das Effektkino ein zweites Mal völlig neu. Das Ergebnis: mehr als 2,3 Milliarden Box Office und Platz 3 der umsatzstärksten Filme aller Zeiten.

Noch einmal machen wir den Fehler nicht. Oder?

Aber schon die „Simpsons“ haben mich gelehrt: „Wahnsinn ist, immer wieder dasselbe zu tun, aber andere Ergebnisse zu erwarten.“ Folgerichtig werde ich nicht noch ein drittes Mal an James Cameron zweifeln … wobei: Zwischen Teil 2 und 3 liegen diesmal nur drei Jahre, dazu wurde „Avatar 3: Fire And Ash“ mit seinem Vorgänger parallel abgedreht – kann es da wirklich einen ähnlichen technischen Quantensprung geben oder muss sich die Reihe jetzt erstmals auf den Reiz seiner spirituell angehauchten Wilder-Westen-im-Weltall-Erzählung verlassen?

Die gute Nachricht zuerst: Natürlich ist die Weiterentwicklung diesmal weniger krass, aber technisch ist „Fire And Ash“ tatsächlich noch mal eine ganz andere Hausnummer als „The Way Of Water“. Doch die schlechte Nachricht direkt hinterher: Der visuelle Überschuss ist dringend nötig, denn erzählerisch gibt es kaum Neues – selbst Feuer und Asche, obwohl im Titel versprochen, sorgen kaum für Abwechslung, und das trotz der wahrhaft epischen Laufzeit von 3 Stunden und 17 Minuten.

Die Mangkwan-Anführerin Varang (Oona Chaplin) macht bei ihrem hochaggressiven Vorgehen keine Gefangenen… Disney und seine verbundenen Unternehmen
Die Mangkwan-Anführerin Varang (Oona Chaplin) macht bei ihrem hochaggressiven Vorgehen keine Gefangenen…

Jake Sully (Sam Worthington) und seine Familie wurden nach der finalen Schlacht aus „The Way Of Water“ zwar offiziell in den Stamm der Metkayina aufgenommen, aber das heißt nicht, dass sie den pazifistischen Weg der Wasser-Na’vi gutheißen. Während in Jake und Neytiri (Zoe Saldaña) die Wut über den Tod ihres ältesten Sohnes immer weiter anschwillt, führt der Menschen-Teenager Spider (Jack Champion) dem Metkayina-Nachwuchs seine Sturmgewehre vor, als wären es Spielzeuge – was beim Stammeshäuptling Tonowari (Cliff Curtis) und seiner Frau Ronal (Kate Winslet) gar nicht gut ankommt.

Zugleich muss sich Spider entscheiden, ob er zu seinem skrupellosen, als Na’vi wiedergeborenen Vater, Colonel Miles Quaritch (Stephen Lang), in die menschliche Siedlung zurückkehrt. Schließlich kann er auf Pandora nur mit Hilfe seiner Maske atmen – und wenn diese irgendwann mal kaputtgeht, wäre er unwiderruflich dem Erstickungstod geweiht. Eine Chance zur Rückkehr scheint gekommen, als der Windhändler Peylak (David Thewlis) in Awa'atlu vorbeischaut. Aber dann wird dessen Luftschiff-Karawane attackiert – allerdings nicht vom „Himmelsvolk“, sondern von der dominanzsüchtigen Varang (Oona Chaplin) und ihrem in der Vulkanwüste hausenden Mangkwan-Stamm…

Erst mal Hindenburg – und dann noch viel mehr!

Wer sich „Avatar 3: Fire And Ash“ nicht in 3D und nicht auf der größtmöglichen (IMAX-)Leinwand ansieht, gehört in den Kino-Knast! Das wäre auf der Cine-Crime-Skala schließlich auf einem Level mit Handytelefonieren und zu lautem Popcorn-Rascheln anzusiedeln. James Cameron hat in Vorab-Interviews verraten, dass es ihm und seinem Team nach den albtraumartigen Erfahrungen bei den Vorgängern diesmal erstaunlich stressfrei gelungen sei, den Film pünktlich zum Kinostart fertigzubekommen. Aber das heißt nicht, dass sie sich auf ihren technischen Errungenschaften ausruhen würden, ganz im Gegenteil: Obwohl die Dreharbeiten wie gesagt parallel zu „Avatar 2: The Way Of Water“ stattfanden …

… ist die Effektarbeit sogar DEUTLICH stärker: Dank eines spürbar verbesserten HD-Renderings und einer makellosen 3D-Umsetzung sind das Action-Spektakel und die Pandora-Landschaften nicht nur immersiver, es gibt auch praktisch überhaupt keine Szenen mehr, die irgendwie „off“ wirken. Dazu haben sich Cameron und seine Co-Autoren wieder jede Menge Szenarien einfallen lassen, um ihre einmaligen Möglichkeiten in maximal spektakulärer Form einzusetzen: Mit der an Weltkriegs-Epen erinnernden Luftschlacht – ein atemberaubender Hindenburg-Moment inklusive – wird zu Beginn direkt ein dickes fettes Ausrufezeichen gesetzt. Aber bis zu den Oktopus-Attacken im Finale liefert „Avatar 3“ auch danach immer wieder Aufnahmen, die wir so garantiert noch nie gesehen haben.

Die Attacke auf die Luftschiff-Karawane bildet lediglich den atemberaubenden Auftakt für eine ganze Reihe unvergleichlicher Spektakel-Sequenzen… Disney und seine verbundenen Unternehmen
Die Attacke auf die Luftschiff-Karawane bildet lediglich den atemberaubenden Auftakt für eine ganze Reihe unvergleichlicher Spektakel-Sequenzen…

Technisch gibt es also erneut einen größeren Sprung, als irgendjemand ernsthaft erwarten durfte. Aber was die Geschichte angeht, wäre „The Way Of Water 2“ wohl der ehrlichere Titel gewesen: Dass James Cameron von Wasser – und noch mehr von allem unter der Wasseroberfläche – fasziniert ist, wissen wir spätestens seit seinen sensationellen Tiefseetauch-Dokumentationen. Aber mehr als knappe zehn Minuten hätten wir dann doch gerne in der titelgebenden vulkanischen Heimat der Mangkwan verbracht – allein deshalb, weil nicht nur die Handlungsorte, sondern auch die Entwicklungen von „Avatar 3“ kaum vom Vorgänger abweichen.

In immer neuen Kombinationen werden (Zwangs-)Allianzen geschmiedet, die dann doch wieder aufgetrennt werden – und Spider, der nach einem Eywa-Ritual plötzlich ohne Maske die Pandora-Luft atmen kann, wird zum neuen McGuffin, hinter dem alle her sind. So ein wenig wirkt „Fire And Ash“, als hätte hier jemand einfach den Plot von vier TV-Episoden zusammengetackert – schließlich gibt es bei all den Mini-Finals und neugestarteten (Rettung-)Missionen kaum eine durchgängige Spannungskurve. Man braucht die 197 Minuten schon, um all das – bis zum Schluss abwechslungsreiche – Spektakel unterzubringen. Aber die zunehmend ausfransende Story hätte man auch in der Hälfte der Zeit erzählen können.

Der Baum wird’s schon richten

Vermutlich ist es nur Zufall, dass „Na’vi“ und „Naivität“ gar nicht so weit auseinanderliegen. Aber gerade diese gewisse Naivität, mit der James Cameron an den naturbasierten Spiritualismus seiner „Pocahontas in Space“-Geschichte herangeht, macht ein solches Wahnsinns-Projekt wie die „Avatar“-Trilogie überhaupt erst möglich – das hätte wirklich niemand anderes in dieser Größenordnung auf die Beine stellen können. In „Fire And Ash“ ist allerdings zumindest auffällig, dass mit den Mangkwan nun doch noch ein Na’vi-Stamm auftaucht, der dem zuvor noch geschickt umschifften Klischee der (amerikanischen) Ureinwohner*innen als aggressive, mordlüsterne Wilde erstaunlich nahekommt.

Auch ist „Avatar 3“ ganz besonders pro-militaristisch eingestellt – selbst die Pazifisten-Wale müssen irgendwann einsehen, dass es ohne Sturmgewehre und Panzerfäuste einfach nicht mehr geht. Aber ärgerlich ist daran vor allem, wie der Seelenbaum Vitraya Ramunong zunehmend als Deus Ex Machina für aussichtslose Situationen eingesetzt wird – und zwar nicht, weil das Spirituelle mitunter ins Kitschige kippt, sondern vor allem, weil es dramaturgisch enttäuscht. Man stelle sich nur mal vor, John McClane hätte Hans Gruber damals in „Stirb langsam“ nicht mit Cleverness und Beharrlichkeit, sondern mit einem Gebet und Gottes Segen besiegt…

Fazit: Visuell sogar noch atemberaubender als je zuvor. Aber erzählerisch wird die Luft langsam dünn auf Pandora.

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