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    Nameless Gangster
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Nameless Gangster
    Von Robert Cherkowski
    Bis in die 1980er wurde Südkorea vom Militär regiert. Institutionelle Gewalt war damals keine Ausnahme, sondern die Regel. Das begangene und erlittene Unrecht jener Zeit spiegelt sich deutlich im Genre des südkoreanischen Rache-Thrillers von „Oldboy" bis „I Saw the Devil" wider. Mit Kriegsepen wie „Brotherhood" sowie den ebenfalls boomenden Agentenfilmen à la „Shiri" wiederum wird der andauernde Ausnahmezustand zwischen Nord- und Südkorea auf der Leinwand thematisiert. Auch der Wirtschaftsboom der 90er und Nullerjahre wurde durch die Genre-Brille betrachtet – genau genommen durch die des kapitalismuskritischen Gangsterfilms. In Filmen wie „Straßen der Gewalt" oder zuletzt „The Yellow Sea" stehen stets echte Berserker im Mittelpunkt, die mit Fäusten, Messern oder Aluminium-Baseballschlägern ihren Weg nach oben gehen, ihre Feinde besiegen und schließlich selbst fallen müssen – „Scarface" lässt grüßen. Mit seinem hochspannenden und inhaltlich mutigen „Nameless Gangster" steuert Yun Jong-bin nun einen weiteren herausragenden Thriller zum neuen südkoreanischen Gangsterfilm bei, der das Zeug zum Klassiker hat.

    Zum erfolgreichen Gangster scheint Choi Ik-hyun (Choi Min-sik) nicht geboren. Dafür fehlen dem feist-untersetzten Windhund schlichtweg Mumm und Gerissenheit. An Skrupellosigkeit und Gier jedoch mangelt es dem schmierigen Ganoven keineswegs. Seine Karriere nimmt ihren Anfang, als er in den 1980ern als Hafenarbeiter in einen Konflikt mit Schmugglern gerät. Dabei findet er heraus, dass er weitläufig mit dem Gangster-Draufgänger Choi Hyung-bae (Ha Jeong-woo) verwandt ist. Das nutzt er aus und hängt sich an den Rockzipfel des erfolgreichen Aufsteigers. Bald ist auch Choi eine große Nummer und mischt ordentlich im Hotel- und Casino-Business mit. Mit seinem Sinn für schmutzige Geschäfte und Hyung-baes eiserner Faust blüht das Unternehmen, bis die Regierung im Jahre 1990 den Krieg gegen die organisierte Kriminalität ausruft. Für einen aalglatten Opportunisten wie Choi ist jedoch auch das nur eine weitere Gelegenheit, die nächste Karrierestufe zu erklimmen...

    Einen Filmgangster wie Choi Ik-hyun hat man noch nicht erlebt. Weder strahlt er die Würde eines Michael Corleone („Der Pate") oder die rohe Energie eines Tony Montana („Scarface") aus, noch ist er ein tragischer Held wie Alain Delon in „Der eiskalte Engel" oder eine so facettenreiche Figur wie Tony Soprano. Choi ist der schmierig-aufdringliche Vertreter unter den großen Gangstern der Filmgeschichte. Wann immer er sich selbst an der Planung krimineller Schachzüge versucht, geht der Schuss nach hinten los und artet in Prügel aus, die Choi mit stoischem Gleichmut über sich ergehen lässt. Wo Martin Scorsese in „GoodFellas" den Kleinbürger im Ganoven entdeckte, entlarvt Regisseur Yun Jong-bin nun den kriminellen Mitläufer im Kleinbürger – einen Gangstertyp also, der sich nicht durch Cleverness und Gewaltbereitschaft durchsetzt, sondern schlichtweg biegsam genug ist, um immer auf der Gewinnerseite zu landen.

    Dieser Gangster ist ein Schaf im Wolfspelz, ein geschmackloser Aufschneider, ein talentloser Intrigenschmied und in vielerlei Hinsicht vor allem ein Narr – und eine enorme schauspielerische Herausforderung. Choi Min-sik, der sich mit elektrisierenden Darstellungen in „Oldboy", „Lady Vengeance" oder „I saw the Devil" ins Herz und in die Albträume vieler der Fans des Südkorea-Kinos gespielt hat, beweist hier ein weiteres Mal, dass er zu den mutigsten Genre-Schauspielern der Gegenwart zählt. So abstoßend sein Choi auch sein mag, so faszinierend ist die teuflische Freude, mit der Choi Min-sik dem windigen Wiesel Leben einhaucht. Wie ein Aal windet er sich durch die Szenen, buckelt und schleicht sich durch die Kulissen oder übt peinliche Boss-Posen. Er wäre lächerlich, würde unter seiner grandios albernen Frisur nicht ein so eiskalt berechnender Überlebenskünstler lauern.

    Choi Min-siks Darbietung ist das Highlight in einem an Highlights reichen Film. „The Chaser"- und „The Yellow Sea"-Veteran Ha Jeong-woo als brutaler Weggefährte Hyung-bae hat ein paar wundervolle Auftritte als eben jenes coole Alpha-Tier, das Choi einfach nicht sein kann. Darüber hinaus fährt Yun Jong-bin einige toll geschriebene Nebenfiguren auf, die ein breites Feld von Komik bis Tragik bedienen. Bei der Schilderung ihrer Verstrickungen setzt der Genre-Neuling aber keineswegs auf ausufernde Gewalt, wie man sie von anderen Südkorea-Thrillern gewohnt ist. Vielmehr blickt der Regisseur, der sich bislang auf Dramen spezialisiert hat, hier mit großer Neugier und Verwunderung auf das martialische Treiben im kriminellen Milieu.

    In einer Montage, die Chois Einstieg in die Gangsterwelt zeigt, schwebt die Kamera durch verrauchte Hinterzimmer, in denen Gaunerposen eingenommen und Scheine gezählt werden, während dicker Zigarrenqualm durch die Luft schwebt. Hier wird die verschworene Gemeinschaft gleichzeitig stilisiert und lächerlich gemacht. Yun Jong-bin erweist sich als cleverer Erzähler, der den Vergleich mit Joon-ho Bong („Memories of Murder", „Mother") nicht zu scheuen braucht und selbst bei einer komplizierten, durch Rückblenden strukturierten und über einige Jahrzehnte angelegte Geschichte dafür sorgt, dass man nie die Übersicht verliert. Die Rückblenden erschöpfen sich dabei keineswegs im Retro-Chic, den sie durchaus auch besitzen: Immer ist klar, dass es hier um mehr geht als nur den opportunistischen Gangster Choi. In den Blick kommt hier nämlich auch die Gesellschaft, die es ihm ermöglicht, mit seinen Methoden durchzukommen, wodurch „Nameless Gangster" noch einmal eine ganz andere Dringlichkeit und Qualität bekommt.

    Fazit: „Nameless Gangster" ist ein weiterer Eintrag in den Kanon des intelligenten südkoreanischen Genre-Kinos, der mit einem grandios aufspielenden Hauptdarsteller, erzählerischer Raffinesse und inszenatorischer Verspieltheit begeistert.
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