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    The Woman In The Window
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    The Woman In The Window

    Schmalspur-Hitchcock mit einem Schuss Möchtegern-Fincher

    Von Christoph Petersen
    The Woman In The Window“ gehört zu jenen Filmen, die nach der Übernahme des Konkurrenten 21st Century Fox für 71,3 Milliarden Dollar plötzlich im Schoß von Disney gelandet sind. Aber dort war man von der Verfilmung des gleichnamigen Krimi-Bestsellers von A. J. Finn zunächst gar nicht begeistert. Stattdessen wurden schnell umfangreiche Nachdrehs angesetzt, nachdem erste Testvorführungen das Publikum ziemlich verwirrt zurückgelassen hatten. Aber selbst die überarbeitete Fassung konnte die Chefs des Mäusestudios offenbar nicht überzeugt - und so wurde der stargespickte Psycho-Thriller von „Abbitte“-Regisseur Joe Wright schließlich zu Netflix abgeschoben.

    Und was sollen wir sagen – der Plot ist trotz der nachträglich investierten Arbeit noch immer das mit Abstand größte Problem: Es ist ja normal, dass in einer Kinoadaption nur jede zehnte Seite der Vorlage tatsächlich verfilmt wird – aber der Trick ist eben, das so zu machen, dass das Publikum es möglichst nicht bemerkt. „The Woman In The Window“ fühlt sich hingegen die meiste Zeit an, als würden dem Publikum hier relativ wahllos einfach Bruchstücke aus einer viel umfangreicheren Erzählung vorgeworfen. Da trösten dann selbst die grandiose Ausstattung, die ambitionierte Kameraarbeit und einige ansprechend inszenierte Pulp-Momente nur noch bedingt drüber hinweg…

    Anna (Amy Adams) beobachtet am Fenster einen Mord – kann aber wegen all der Tabletten und all dem Alkohol ihren eigenen Sinnen nicht wirklich trauen…


    Abgesehen von einem Untermieter in der Kellerwohnung (Wyatt Russell) lebt die depressive Kinderpsychologin Dr. Anna Fox (Amy Adams) nach der Trennung von ihrem Mann (Anthony Mackie) allein in dem großen Haus in Manhattan, das sie aufgrund ihrer ausgeprägten Agoraphobie nicht verlassen kann: Mit der Hilfe eines Regenschirms, der sie vor der Weite da draußen schützen soll, schafft sie zwar manchmal ein paar Meter, aber dann wird ihr auch schon wieder so schwindelig, dass sie ohnmächtig zusammenbricht. Dass sie ihre schweren Psychopharmaka mit der einen oder anderen Flasche Rotwein runterzuspülen pflegt, hilft sicher ebenfalls nicht dabei, ihre Situation zu verbessern.

    Aber dann wird plötzlich alles noch viel schlimmer: Kurz nach dem Einzug der neuen Nachbarn gegenüber beobachtet Anna aus ihrem Fenster, wie die Mutter der Familie (Julianne Moore) von einem Unbekannten niedergestochen wird. Aber als die Polizei eintritt, streiten der Vater (Gary Oldman) und der Sohn (Fred Hechinger) alles ab – und auch die angeblich ermordete Mutter taucht vollkommen unbeschadet wieder auf. Nur ist die Frau, die da nun vor ihr steht (Jennifer Jason Leigh), nicht dieselbe Frau, mit der Anna einige Abende zuvor noch gemeinsam Wein getrunken hat. Aber kann sie ihren eigenen Sinnen tatsächlich trauen…

    Was bringen Twists, wenn sie aus dem Nichts kommen?


    Der 2018 erschienene Roman ist vollständig im Kopf der Protagonistin angesiedelt – und A. J. Finn verwendet viel Zeit darauf, dem Leser nahezubringen, wie körperlich anstrengend und psychisch aufreibend selbst die winzigsten Aufgaben oder kürzesten Begegnungen für Anna sind. Aber wo der innere Kampf um ein klein wenig Normalität eine der größten Stärken der Vorlage ist, verkommt die Agoraphobie – trotz einer weiteren tollen Leistung der inzwischen sechsfach oscarnominierten Amy Adams – in der Verfilmung schnell zum Mittel zum Zweck. Gerade in der ersten Hälfte tauchen nacheinander so viele Figuren in Annas Wohnung auf, dass einfach keine Zeit bleibt, ihr ständiges Ringen angemessen zu repräsentieren …

    … stattdessen wird in Windeseile durch den für diese Art von Film unnötig komplizierten und aufgeblasenen Plot geprescht. Wobei jeder der Verdächtigen, und von denen gibt es einige, nur ein oder zwei kurze Szenen bekommt, bevor sich die Verfilmung im letzten Drittel plötzlich zu einem allerdings völlig unverdienten, weil unvorbereiteten Twist-Gewitter verdichtet. Deshalb ist „The Woman In The Window“ ein wahres Fest des Over-Actings – gerade Gary Oldman („Die dunkelste Stunde“) ist von Sekunde eins auf 180 und lässt auch im Anschluss nie nach, um sich in seinen knapp bemessenen Leinwandminuten möglichst verdächtig zu machen.

    Der neue Nachbar Alistair Russell (Gary Oldman gibt von Beginn an Vollgas) ist definitiv einer der Hauptverdächtigen – wenn es denn überhaupt einen Mord gab…


    Anna war schon im Buch ein totaler Film-noir-Nerd – und auch Joe Wright steht offen zu seinen Vorbildern, wenn er gleich in einer der ersten Einstellungen eine Szene aus Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ im Vordergrund im TV laufen lässt. Und tatsächlich hat sich der Regisseur einiges vorgenommen: Annas Wohnung und die Fensterfassade des Hauses gegenüber wurden offensichtlich als extrem aufwändiges Set gestaltet, um bei der Inszenierung eine möglichst große Freiheit zu genießen. Aber trotz des immensen Einsatzes der Produktionsdesigner schafft es Joe Wright – anders als etwa David Fincher im ebenfalls fast nur in einer Wohnung spielenden „Panic Room“ – nicht, allein mit seinen Kamerafahrten wirklich erinnerungswürdige Momente zu schaffen.

    Das sieht alles schon extrem edel aus – und man erkennt jederzeit, auf welchen Klassiker von „Zeugin der Anklage“ bis „Vertigo“ er in diesem Moment wieder anspielt. Aber der Wow-Effekt bleibt trotzdem aus. Am nächsten kommt Joe Wright dem immer dann, wenn er sich voll den Pulp-Elementen seines Films hingibt – etwa wenn das Bild, als Anna den vermeintlichen Mord beobachtet, plötzlich mit Blutspritzern vollgeklatscht wird, oder wenn im Finale ein Gärtnerwerkzeug mit unerwarteter Wucht zum Einsatz kommt. Aber das sind nur kurze Abstecher, ansonsten bleibt „The Woman In The Window“ ein „Qualitäts“-Thriller mit erlesenen Bildern, die aber wenig bringen, wenn die Story schon derart früh aus den Gleisen springt.

    Fazit: „The Woman In The Window“ ist derart bruchstückhaft erzählt, dass die Wendungen irgendwann nicht mehr überraschen, sondern in ihrer unvorbereiteten Beliebigkeit einfach nur noch nerven. Schade um die sich voll in ihre Rollen schmeißenden Schauspieler und die stets sichtbaren inszenatorischen Ambitionen von Joe Wright.

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