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    Bad Times At The El Royale
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Bad Times At The El Royale
    Von Antje Wessels

    Als „The Cabin In The Woods“-Mastermind Drew Goddard, der anschließend auch als Autor von „Der Marsianer“ und Schöpfer von „Daredevil“ weitere Erfolge feierte, das Skript zu seinem neuesten Projekt „Bad Times At The El Royale“ potenziellen Käufern vorstellte, galt eine größtmögliche Geheimhaltungsstufe. Goddard wollte auf gar keinen Fall riskieren, dass man sich - ohne dafür zu bezahlen - an den Ideen seiner über viele Jahre hinweg erdachten Geschichte bedient. Und so durften sich mögliche Interessenten die Seiten lediglich auf einem Tablet durchlesen, das sie anschließend direkt wieder zurückgeben mussten. Wer aus dieser Anekdote jedoch schlussfolgert, der Plot müsse dann ja wohl – wie zuvor „The Cabin In The Woods“ - mit einer der spektakulärsten Wendungen der Kinogeschichte aufwarten, der irrt sich. So eine Art von Film ist „Bad Times At The El Royale“ nämlich nicht.

    Stattdessen liefert Goddard eine Verneigung vor den Filmen von Quentin Tarantino („Pulp Fiction“). Und wie es sich für eine anständige Tarantino-Hommage eben gehört, stehen in „Bad Times At The El Royale“ neben den mysteriösen Figuren mitsamt ihren noch geheimnisvolleren Hintergrundgeschichten vor allem die zahlreichen und ausführlichen Dialoge im Mittelpunkt. Bemerkenswert ist daran vor allem, dass Goddard für dieses alles andere als mainstream-taugliche Projekt mit 20th Century Fox ein großes Hollywoodstudio gewinnen konnte. Schließlich sind die tödlichen Eskapaden im El Royale auch noch satte 140 Minuten lang. Am Ende sind es der spektakuläre Cast sowie die stilsicher-stylische Inszenierung, die den leider mitunter sehr zähen Mystery-Noir zu einem sehenswerten, wenn auch nicht rundum überzeugenden Thriller abseits gängiger Hollywood-Konventionen machen.

    An einem Abend in den Sechzigerjahren wird das Hotel El Royal zum Schauplatz einer mysteriösen Zusammenkunft: Der Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges), der Staubsaugervertreter Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm), die Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) und eine geheimnisvolle Unbekannte (Dakota Johnson) bitten nacheinander bei dem zurückhaltenden Concierge Mike Miller (Lewis Pullman) um ein Zimmer. Schon bald merkt jeder von ihnen, dass in diesem Hotel etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Laramie entdeckt unzählige Abhörgeräte in seinem Zimmer, durch die Spiegel der verschiedenen Räume lassen sich aus einem Geheimgang die Gäste beobachten und bei einem Gespräch mit Darlene kippt der Priester ihr plötzlich ein Betäubungsmittel in den Drink. Als die Unbekannte dann auch noch eine gefesselte Frau auf ihr Zimmer bringt und der muskulöse Sektenführer Billy Lee (Chris Hemsworth) im El Royale auftaucht, scheint es endgültig so, als seien die Gäste womöglich doch nicht nur aus Zufall in dieser Nacht zusammengekommen…

    Nicht nur die Dialoge, auch die Kapitelstruktur von „Bad Times At The El Royale“ erinnert an die Werke von Quentin Tarantino. Allerdings sorgt diese auch dafür, dass sich der Film an vielen Stellen in die Länge zieht. Die einzelnen Kapitel sind entweder nach einem Zimmer oder einem Charakter benannt – und Goddard erzählt anschließend jeweils bis ins kleinste Detail aus, was es zu der aktuellen Titelfigur zu sagen gibt (inklusive allerlei Nichtigkeiten): Was hat sie ins El Royale geführt? Welche dunklen Geheimnisse verbirgt sie? Und was treibt sie gerade hinter der verschlossenen Tür ihres Hotelzimmers? Anschließend folgt das nächste Kapitel - und so geht es weiter, bis Goddard erst weit nach der Hälfte die Geschichten sämtlicher Figuren soweit aufgedröselt hat, dass sich einem langsam erschließt, worum es in „Bad Times At The El Royale“ überhaupt geht.

    Die Parallelen zu „The Hateful 8“, wo auch ein Haufen Fremder an einem Ort zusammenkommt, bis sich nach und nach ihre Beziehungen und die sonstigen Hintergründe der Situation offenbaren, liegen auf der Hand. Aber während Tarantino neben seinen geschliffenen Dialogen immer auch die Dynamik zwischen den Figuren in den Vordergrund rückt, beobachtet Goddard jede Figur lange Zeit fast ausschließlich für sich allein. So bleibt das stärkste Ass, nämlich die Interaktion zwischen den abgefahrenen Charakteren, lange Zeit erst einmal im Ärmel stecken. Stattdessen ist jedes Kapitel stark davon abhängig, wie interessant die darin verhandelte Figur und wie gut aufgelegt der jeweilige Schauspieler ist. Und da gibt es neben einigen Highlights leider auch Ausreißer nach unten.

    Zu den Höhepunkten von „Bad Times At The El Royale“ gehört etwa „Mad Men“-Star Jon Hamm. Der zweifache Golden-Globe-Gewinner ist hier gleichermaßen unbedarft und undurchdringbar. Seine Figur des tapsigen Staubsaugervertreters könnte genauso gut ein perverser Mörder wie das erste Opfer sein. Weit weniger überraschend ist die Figur des einmal mehr vor sich hin nuschelnden Jeff Bridges („Hell Or High Water“). Was es mit seiner zwielichtigen Priester-Figur auf sich hat, begreift man auch dann sofort, wenn man den Trailer nicht gesehen hat, in dem dieser „Twist“ bereits vorweggenommen wird. Dass die von „Widows“-Star Cynthia Erivo gespielte Soul-Sängerin Darlene so gar nicht überrascht reagiert, als der Pater ihr seine wahre Identität verrät, ist da immerhin konsequent. Die beiden sind es auch, die für eine der stärksten Filmszenen überhaupt verantwortlich zeichnen: Als Daniel und Darlene mit ihren jeweils ganz besonderen Fähigkeiten dafür sorgen, dass ihre wahren Pläne in dieser geheimnisumwitterten Nacht nicht ans Mondlicht kommen, jongliert Goddard wie wild mit den verschiedenen Erzählebenen und Perspektiven. Davon hätten wir gern mehr gesehen.

    Dasselbe gilt auch für „Fifty Shades Of Grey“-Star Dakota Johnson als geheimnisumwobene Gangsterin. In ihren wenigen Szenen zieht sie alle Blicke auf sich und mimt die unnahbare Femme Fatale in bester Noir-Manier, wobei sie im Laufe des Films sämtlichen Kollegen mindestens einmal zeigt, wo der darstellerische Hammer hängt. Ihre toughe Performance gerät leider in den Hintergrund, wenn im finalen Drittel Chris Hemsworth („Avengers 4“) aufs Parkett tritt – oder besser: sich mit offenem Hemd durch den Regen schleichend ans El Royale anpirscht. Seine Rolle des Charles-Manson-Verschnitts Billy Lee bleibt allerdings viel zu oberflächlich, als dass man sich hier von Hemsworths Potenzial als Charakterdarsteller überzeugen könnte. Neben Hemsworth bildet der sich an seiner Rolle des verängstigten Concierges‘ festklammernde Lewis Pullman („The Strangers 2: Opfernacht“) das Lowlight des Films (kein Vergleich mit dem grandiosen Tim Roth in seiner ähnlichen Rolle in „Four Rooms“).

    Die wirkliche Hauptrolle spielt ja aber ohnehin das titelgebende Hotel El Royale, das exakt auf der Grenze zwischen Nevada und Kalifornien liegt. Deshalb gibt es auch eine fast schon surreal anmutende Grenzlinie, die einmal quer durchs Hotel und über den Parkplatz verläuft, wodurch sich das Hotel in zwei verschiedene Hälften aufteilt. Wenn Miles diese Infos bei jedem neu eincheckenden Gast gebetsmühlenartig runterbetet, ist das einer der gelungeneren Gags. Auch das große Leuchtreklameschild am Eingang, das vor allem im strömenden Regen besonders gut zur Geltung kommt, sowie die eine oder andere architektonische Überraschung, die wir aus Spoilergründen an dieser Stelle lieber nicht verraten wollen, machen das El Royale zu einem mindestens genauso undurchsichtigen Protagonisten wie seine kurzzeitigen Bewohner. Und eigentlich stiehlt es ihnen sogar die Show. Wer zwischendurch bei den mal wieder ellenlangen Dia- und Monologen kurz abschaltet, kann stattdessen also stets in den vom Kameramann Seamus McGarvey („Nocturnal Animals“) elegant eingefangenen Kulissen schwelgen.

    Fazit: „Bad Times At The El Royale“ ist eine prächtig aussehende Tarantino-Hommage, die aufgrund ihrer starren Kapitelstruktur erst sehr spät wirklich in Fahrt kommt. Darüber hinaus hängt die Qualität der einzelnen Episoden stark von den beteiligten Darstellern ab, von denen einige sehr viel stärker überzeugen als andere.

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