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    Thor 4: Love And Thunder
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Thor 4: Love And Thunder

    Marvels Donnergott dreht jetzt völlig frei!

    Von Christoph Petersen
    Extrem-Schauspieler und Oscar-Gewinner Christian Bale, der sich für „Der Maschinist“ 28 Kilo (!) weggehungert hat, nur um sich für „Batman Begins“ direkt im Anschluss gleich wieder 50 Kilo (!!) anzufressen und anzutrainieren, zählt fraglos zu den herausragenden Hollywoodstars seiner Generation. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass es zu Beginn von „Thor 4: Love And Thunder“ gerade einmal fünf Minuten dauert, bis sich der von ihm verkörperte Götterschlächter Gorr zu einem der eingängigsten Widersacher des gesamten Marvel Cinematic Universe entwickelt: Wie der zunächst noch so gottesfürchtige Gorr alles, inklusive seiner kleinen Tochter, für den Glauben opfert, nur um dann von seinem selbstgefälligen Gott aufs Übelste verhöhnt zu werden, geht tatsächlich zu Herzen – und liefert ihm im selben Moment eine der stärksten und am klarsten definierten Motivationen aller MCU-Bösewichte. Zugleich wirkt es aber auch so, als würde Christian Bale hier in seinem ganz eigenen Film spielen …

    … denn während er seine Figur und ihre inhärente Tragik gnadenlos ernst nimmt, herrscht um ihn herum das absolute (Meta-)Chaos: Nachdem sich Taika Waititi schon im Vorgänger „Thor 3: Tag der Entscheidung“ immer wieder über den eigenen Film und die eigene Hauptfigur lustig gemacht hat, was vor allem in den dramatischeren Szenen des dritten Aktes durchaus zu Problemen führte, drehen der Regisseur und sein Hauptdarsteller Chris Hemsworth („Der Spinnenkopf“) diesmal wirklich völlig frei. In den besten Momenten führt das zu grandios lustigen Gags wie dem unfreiwilligen Blanker-Arsch-Auftritt des Donnergottes. Aber wenn die Pointe mal nicht zündet, dann fällt der Film auch schnell als Ganzes auf die Nase – denn die eigentlich vielversprechenden ernsthafteren Momente der Story haben unter dieser Wir-nehmen-gar-nichts-mehr-ernst-Attitüde mitunter ganz schön zu leiden.

    Thor (Chris Hemsworth) bekommt Konkurrenz von der eigenen Ex: Jane Foster (Natalie Portman) wird in "Thor 4" zu Mighty Thor.


    Thor (Chris Hemsworth) reist noch immer mit den Guardians Of The Galaxy (u.a. Chris Pratt, Dave Bautista) von Planet zu Planet, um den verschiedensten Völkern bei ihren Problemen zu helfen, wobei er aber oft mehr Schaden anstellt als abwendet. Doch als Gorr (Christian Bale) auf den Plan tritt und ein Gotteswesen nach dem anderen meuchelt, trennen sich ihre Wege: Thor kehrt nach New Asgard, das sich unter der Leitung von Valkyrie (Tessa Thompson) immer mehr zu einer Art nordisches Disney World entwickelt, auf die Erde zurück – nur um dort mit ansehen zu müssen, wie Gorr all die Kinder des Ortes ins Schattenreich verschleppt.

    Aber das ist nicht die einzige Überraschung für den Heimkehrer: In New Asgard trifft er außerdem auf seine menschliche Ex-Freundin Jane Foster (Natalie Portman), die sich inzwischen Thors göttlichen Hammer Mjölnir geschnappt hat und mit dessen Hilfe selbst zu The Mighty Thor avanciert ist. Gemeinsam macht sich das Trio auf, um Zeus (Russell Crowe) höchstpersönlich um eine Armee für den Kampf gegen Gorr zu bitten. Aber der oberste olympische Gott sieht überhaupt nicht ein, warum er sich in die Angelegenheit einmischen sollte – schließlich verlangt die Organisation der jährlichen Orgie all seine Aufmerksamkeit…

    Wie ein verfilmtes Metal-Cover


    Wenn Thor zu Beginn mit den Guardians eine Welt nach der anderen rettet (und dabei eigentlich allen nur höllisch auf die Nerven geht), inszeniert Taika Waititi („Jojo Rabbit“) die Schlachtszenen wie eine Ansammlung realgewordener Metal-Cover – und auch später gibt es gerade in den Actionszenen eine Reihe ambitionierter visueller Anfälle, vom geschickten Spiel mit Schatten beim Angriff von Gorrs Kreaturen auf New Asgard bis hin zu einem fast komplett in schwarz-weiß gehaltenen Teil des großen Showdowns. Wie schon „Thor 3“ ist aber auch „Love And Thunder“ weniger ein klassischer Fantasy-Blockbuster als vielmehr eine gigantisch budgetierte (Meta-)Sketch-Parade – mit Gags wie zwei dauerkreischenden Space-Ziegen, die einfach ganz anders sind als alles, was wir sonst aus solchen Mega-Produktionen (und auch von Marvel) gewohnt sind. In den besten Momenten ist „Thor 4“ deshalb ein anarchisches Fest der guten Laune.

    Nur kommen auf die gelungenen Pointen wie der augenzwinkernd-amateurhaften Fortsetzung des Asgard-Theaters mit Luke Hemsworth als Thor, Matt Damon als Loki, Sam Neill als Odin und einem prominenten Neuzugang als böse Schwester Hela eben auch eine ganze Reihe von Rohrkrepierern. So zum Beispiel der völlig unmotivierte Popkultur-Gag, dass der Name Jane Foster mit berühmten Schauspielerinnen wie Jane Fonda oder Jodie Foster verwechselt wird – und auch das schwierige Dreiecksverhältnis zwischen Thor, seinem fremdgehenden Ex-Hammer Mjölnir und seiner schrecklich eifersüchtigen Streitaxt Sturmbrecher wird ganz schön überstrapaziert. Und dann ist da trotz der ansteckenden Spiellaune von Chris Hemsworth und Taika Waititi als Thors felsigem Sidekick Korg eben nicht viel anderes, auf das man anstelle der ausgestellt-lässigen Selbstironie zurückfallen könnte…

    Christian Bale liefert als Gorr eine der besten Bösewicht-Performances im gesamten MCU!


    Der ganze Plot rund um den Götterschlächter Gorr läuft wie gesagt so nebenher mit. Da kann man sich entweder freuen, dass er nun ausgerechnet in „Thor 4“ auftaucht, weil er dem chaotischen Treiben so zumindest eine gewisse emotionale Stringenz verleiht – oder sich genauso gut darüber ärgern, dass ein Bösewicht mit derart viel dramatischem Potenzial nun ausgerechnet in einer solchen Comedy-Show „verbraten“ wird. Schlimmer trifft es aber ohnehin Oscargewinnerin Natalie Portman („Black Swan“), die ja überhaupt nur ins MCU zurückgekehrt ist, weil sich Jane Foster in „Thor 4“ von einer sterbenskranken Wissenschaftlerin zur Superheldin Mighty Thor wandelt.

    Aber diese auf dem Papier vielschichtige und aufregende Entwickelung fällt auf der Leinwand enttäuschend flach aus: Ihr Schmerz und ihre Opferbereitschaft hätten eine gesunde Portion Pathos gebraucht, um das Publikum tatsächlich zu berühren (so wie bei allem mit Tony Stark alias Iron Man in „Avengers 4: Endgame“). Aber sobald sich auch nur ein klitzekleines bisschen Fallhöhe (selbst das mit den gekidnappten Kindern wird nicht wirklich ernstgenommen) anstaut, lässt Taika Waititi mit der nächsten Pointe auch schon direkt wieder die Luft raus…

    Fazit: Die hochtourige, aber erzählerisch und tonal mitunter frustrierend uneinheitliche Metal-Hymne „Thor 4: Love And Thunder“ trieft nur so vor Selbstironie. In den besten Momenten sorgt das für grandiose Gags und ein gnadenloses Tempo. Zugleich fällt es bei dem omnipräsenten Augenzwinkern aber auch zunehmend schwerer, überhaupt noch irgendwas an diesem Film ernst zu nehmen – und das tut eigentlich tieftragischen Handlungssträngen wie jenen über eine krebskranke Jane Foster oder den desillusionierten Gorr gar nicht gut.

     

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