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    Spell
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Spell

    Hoodoo-Horror (nicht Voodoo!)

    Von Oliver Kube
    Nach seinen Sci-Fi-Regiearbeiten „Equilibrium“ (gelungen!) und „Ultraviolet“ (gar nicht gelungen!) sowie Drehbüchern für die Neuauflagen von „Total Recall“ und „Point Break“ arbeitete Kurt Wimmer zuletzt vor allem an einem Prequel-Reboot zu Stephen Kings „Children Of The Corn“, das es bisher jedoch nur in einer einzigen kleinen Stadt in Florida zu einer Kinoaufführung gebracht hat (wir konnten auch nicht herausfinden, woran das liegt, aber kurios ist es auf jeden Fall). Zugleich verfasste Wimmer auch noch ein Skript zu einem Hoodoo-Hinterwäldler-Horror, bei dem er die Regie jedoch seinem Kollegen Mark Tonderai überließ.

    Der Brite hat mit seinem letzten Spielfilm „House At The End Of The Street“ wohl nicht zuletzt dank der plötzlichen Star-Power seiner während der Dreharbeiten noch unbekannten Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence einen veritablen Kritiker- und Kassen-Hit gelandet. Obwohl ihm mit Omari Hardwick nun erneut ein aktuell schwer angesagter Schauspieler zur Verfügung stand, dürfte eine Wiederholung dieser Erfolgsgeschichte mit dem mäßigen „Spell“ allerdings so gut wie ausgeschlossen sein.

    Die Prämisse von "Spell" weckt durchaus Erinnerungen an den Stephen-King-Klassiker "Misery".


    Auf dem Weg zur Beerdigung seines von ihm entfremdeten Vaters geraten Star-Anwalt Marquis T. Woods (Omari Hardwick) und seine Familie mit ihrem kleinen Privatflugzeug in einen heftigen Gewittersturm. Marquis verliert die Kontrolle über die Cessna und sie stürzt irgendwo im Hinterland von West Virginia ab. Als er wieder zu sich kommt, liegt Marquis mit einer schweren Fußverletzung in einem Bett auf dem Dachboden des Häuschens von Miss Eloise (Loretta Devine).

    Schnell hat er das Gefühl, dass die sich fürsorglich gebende ältere Frau und ihr Gatte Earl (John Beasley) etwas Finsteres mit ihm planen. Denn nicht nur haben sie ihn auf dem Zimmer eingeschlossen, sie weigern sich auch, Hilfe zu rufen. Stattdessen hantieren sie mit einer seltsamen, offenbar aus Menschenhaut gefertigten Puppe herum. Und das servierte Essen schmeckt auch irgendwie seltsam…

    Shooting-Star Omari Hardwick


    Wir lernen den von „Army Of The Dead“-Star Omari Hardwick zunächst mit arroganter Eleganz und Lässigkeit, später dann mit erstaunlicher Körperlichkeit dargestellten Protagonisten zunächst in seinem angestammten Habitat kennen – als smarten Rechtsverdreher in der großen Stadt. Schon in diesen ersten Einstellungen arbeiten Regisseur Mark Tonderai und sein Chef-Kameramann Jacques Jouffret („Bloodshot“) mit einem stark überstilisierten Look. Spielereien mit der Bildschärfe, extreme Close-ups, harte Licht/Schatten-Kontraste und Linsenreflexionen werden bis zum Erbrechen durchexerziert. Sobald sich der Story-Schauplatz nach fünf Minuten in den ländlichen US-Süden verlagert, werden diese Mittel sogar noch massiver eingesetzt. Dabei wird aus dem kalten Blau des Auftakts per Farbfilterwechsel ein hitzig-staubiges Ocker.

    Diese überhöhte, mitunter auch ein wenig nervige Optik erweist sich allerdings als durchaus angemessen für diese sonderbaren Südstaatler*innen, die eine Melange aus christlicher Religion und Hoodoo-Ritualen (nein, nicht Voodoo!) praktizieren. So weit, so gut. Doch schon bald schleichen sich erzählerische Schwächen und damit auch erste Längen ein. Und das liegt nicht daran, dass sich Tonderai in puncto Gore und Gewalt Berührungsängste haben würde, ganz im Gegenteil: Im fiesesten Moment zieht sich Marquis selbst einen gigantischen Nagel aus dem eitrigen Fuß, nur um ihn sich kurz darauf wieder selbst hineinzurammen. Ansonsten ist der Horror bis zum Finale allerdings vornehmlich psychischer und weniger physischer Natur.

    Nicht gerade eine vertrauenserweckende Wohnzimmerdekoration...


    Dem in den letzten zehn Jahren ausschließlich fürs Fernsehen („Gotham“, „Castle Rock“) tätigen Filmemacher gelingt es zwar, die Spannungsschraube langsam anzuziehen. Doch die Zeichnung der Charaktere bleibt – abgesehen vom Protagonisten – allenfalls skizzenhaft. Auch Eloises Motive sind bis zum Abspann schwammig bis unklar und der Zuschauer muss irgendwann wohl einfach akzeptieren, dass sie wahnsinnig ist. Earl bleibt daneben ebenso eindimensional wie Lewis (Steve Mululu), der Stallbursche, der für die sinistren Senioren als Mann fürs Grobe fungiert. Andere Figuren werden gar einfach vergessen, so wie etwa zwei mühevoll vorgestellte Männer, die die Familie an der Flugzeug-Tankstelle kurz vor ihrem Absturz trifft. Marquis‘ Frau und dem Teenager-Nachwuchs ergeht es kaum besser. Mit dem Crash sind sie bis kurz vor Schluss verschwunden und spielen dann auch im Finale nur eine passive Rolle.

    Apropos Finale: Der bis dahin hauptsächlich auf Atmosphäre und Suggestion setzende Film kippt in seinen letzten Minuten komplett in Richtung Action, was in dem aufgebauten Ambiente alllerdings arg forciert und unpassend wirkt. Mehrfach wird zudem auf eine vermeintliche Schlussszene noch eine weitere, noch abgefahrenere Sequenz draufgesetzt. Natürlich befinden wir uns hier längst nicht auf „Fast & Furious 9“-Terrain, das würde das eher überschaubare Budget auch gar nicht hergeben. Aber mit Super-Zeitlupen, gigantischen CGI-Feuerwänden und ähnlichem Pipapo wird hier trotzdem vollkommen unnötig auf stumpfen Rabatz anstelle eines befriedigenden Abschlusses für den zuvor noch so intimen Hoodoo-Horror gesetzt.

    Fazit: Zumindest Fans vom Omari Hardwick könnten halbwegs auf ihre Kosten kommen. Ansonsten fällt der zunächst noch ansatzweise packende Mix aus „Misery“, schwarzer Magie und klassischem Hinterwäldler-Horror speziell zum Michael-Bay-Gedächtnisfinale hin enttäuschend flach und unbefriedigend aus.

     

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