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    Men - Was dich sucht, wird dich finden
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Men - Was dich sucht, wird dich finden

    Zumindest über die letzten 15 Minuten wird noch lange gesprochen werden

    Von Christoph Petersen
    Das gleich vorweg: „Men“ ist einer dieser gehobenen Horrorfilme, die auch im Telefonat des Killers mit seinem ersten Opfer zu Beginn des Meta-Slashers „Scream 5“ eine zentrale Rolle spielen. Gemeint sind damit künstlerisch ambitionierte Produktionen wie „The Witch“, „Hereditary“ oder „It Comes At Night“, die wie „Men“ nicht ganz zufällig ebenfalls alle vom Studio A24 stammen. Sie werden auf Festivals und in Kritiken regelmäßig schwer abgefeiert, dann aber vom gemeinen Kinopublikum, das einen normalen Schocker erwartet, mit oft miserablen Zuschauer*innen-Wertungen abgestraft. Oder anders gesagt: Achtung, es wird hart metaphorisch!

    Wobei man davor diesmal gar nicht so viel Angst haben muss. Denn anders als bei einigen der oben genannten Filmen, bei denen man im Anschluss noch stundenlang diskutieren kann, was das denn nun alles zu bedeuten hat, geht „Ex Machina“-Mastermind Alex Garland in seinem ersten Film seit „Auslöschung“ weit weniger subtil zur Sache: Sein Folk-Horror ist eine Toxische-Männlichkeits-Parabel, die ihrer Prämisse abgesehen von einigen Eva-im-Garten-Eden-Metaphern schnell nichts Neues mehr hinzuzufügen hat. Stattdessen hangelt sich Garland mit hübschen Bildern und zwei grandiosen Stars bis in ein abgefucktes Over-the-Top-Finale, das sich mit Sicherheit ins kollektive Horror-Gedächtnis einbrennen wird…

    Hausbesitzer Geoffrey ist noch der „sympathischste“ der von Rory Kinnear verkörperten Männer – allerdings heißt das nicht allzu viel.


    Harper (Jessie Buckley) gönnt sich einen nicht ganz billigen Urlaub in einem pittoresken Anwesen. Hier, in einem kleinen englischen Dort vier Stunden von London entfernt, will sie endlich den Tod ihres Mannes James (Paapa Essiedu) verarbeiten. Der ist nach einem Streit vom Balkon gestürzt, wobei noch immer nicht feststeht, ob es wirklich nur ein Unfall oder nicht vielleicht doch Selbstmord war. Mit dem hatte er schließlich immer wieder gedroht, um seine Frau trotz seiner paranoiden Eifersuchtsattacken zum Bleiben zu erpressen.

    Nachdem der schrullige Hausbesitzer Geoffrey (Rory Kinnear) sie herumgeführt hat, erkundet Harper den nahegelegenen Wald, in dem sie zunächst auf lange, dunkle Eisenbahntunnel stößt und schließlich einem entblößten Mann (Rory Kinnear) begegnet, der mit seiner grünlichen, vernarbten Haut am ehesten an Drax aus „Guardians Of The Galaxy“ erinnert. Als der Nackte sie zurück bis zum Haus verfolgt, ruft Harper die Polizei. Aber die erweist sich ebenso wenig als Unterstützung wie der örtliche Vikar (Rory Kinnear). Im Gegenteil: Im Garten der Kirche wird Harper von einem kleinen Jungen (Rory Kinnear) sogar aufs übelste misogyn beleidigt…

    Ein Mann für alle Rollen


    Wem es gerade beim Lesen der Inhaltsangabe nicht direkt selbst aufgefallen ist: Ja, der britische Shakespeare-Schauspieler Rory Kinnear („Skyfall“) verkörpert alle männlichen Dorfbewohner – und zwar egal welchen Alters: Beim Jungen im Kirchgarten kommt etwa eine Deepfake-Technik zum Einsatz, die so tief im Uncanny Valley wandelt, dass man wohl davon ausgehen darf, dass Alex Garland in dieser Szene ganz bewusst auf eine nicht ausgereifte Technik gesetzt hat (immerhin hat sein „Ex Machina“ als totaler Außenseiter den Oscar für die Besten Spezialeffekte gewonnen). Das Ergebnis ist gleichermaßen absurd-amüsant und abstoßend-verstörend – und das gilt eigentlich für alle Charaktere, denen Harper im weiteren Verlauf des Films begegnet:

    Über die mal mehr, meist weniger lustigen Scherze des durch und durch britischen Geoffrey kann man noch gut lachen – und doch bleibt ein ganz ungutes Gefühl zurück, wenn er Harper endlich alleine lässt. Der Vikar tut zwar verständnisvoll, legt dabei aber seine Hand grabschend auf Harpers Oberschenkel, bevor er ihr auch noch weiszumachen versucht, dass das mit dem Tod ihres Mannes ja dann wohl doch ihre Schuld gewesen sei. Bei diesen grotesk-verzerrten Typen weiß man schnell nicht mehr, ob man nun Lachen oder Weinen soll – und auch nicht, ob da nun noch mehr dahintersteckt, als dass alle Männer eben gleich (scheiße) sind. Auf jeden Fall fungieren die Kinnear-Karikatur hier mehr als Metapher denn als Monster …

    Selbst in der Kirche wird Harper (Jessie Buckley) nicht geholfen.


    … wirklich furchteinflößend sind sie nämlich nicht. Die gerade erst für „Frau im Dunkeln“ oscarnominierte Jessie Buckley spielt Harper deshalb zwar irritiert-angeekelt, aber in ihren Reaktionen auch jederzeit selbstsicher-bestimmt und damit eben nicht als panische damsel in distress. So steigert sich die zunehmend bedrückende Atmosphäre, bis im Finale alle Dämme brechen. Wenn man den Begriff „WTF-Finale“ bemühen will, dann hier! Denn wo sonst hat man schon mal eine multiple Geburt gesehen, bei der sich erwachsene Männer in Nahaufnahme aus (CGI)-Vaginen herauswinden, nur um dann direkt selbst den nächsten der titelgebenden „Men“ zu gebären?

    Fazit: Ein schauspielerisch, atmosphärisch und visuell berauschender Horror-Trip mit starken surrealistischen und impressionistischen Einschlägen sowie überraschend viel schwarzem Humor, bei dem die Toxische-Männlichkeits-Metapher aber von Beginn an weitestgehend nur auf der Stelle tritt. Nach dem Rollen des Abspanns wird hier wohl weniger über die angepeilte Aussage und mehr über das grotesk-ausartende WTF-Finale diskutiert werden…

    Wir haben „Men“ beim Filmfestival in Cannes 2022 gesehen, wo er in der unabhängigen Sektion Directors' Fortnight gezeigt wurde.

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