Send Help
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Send Help

Darauf haben Horror-Fans 17 Jahre gewartet!

Von Christoph Petersen

Natürlich gönnen wir es Regisseur*innen, wenn sie nach ersten, meist bescheiden budgetierten (Independent-)Hits die Chance ergreifen, ins finanziell einträglichere Blockbuster-Geschäft zu wechseln. Erst recht, wenn sie – wie „Tanz der Teufel“-Mastermind Sam Raimi – in der neuen Rolle so grandiose Superhelden-Spektakel wie das Marvel-Meisterwerk „Spider-Man 2“ abliefern. Trotzdem haben wir uns damals wahnsinnig gefreut, als Raimi zwischen seiner „Spider-Man“-Trilogie und der 215-Millionen-Dollar-Produktion „Die fantastische Welt von Oz“ den zunächst noch maßlos unterschätzten, inzwischen aber verdientermaßen zum Kult-Geheimtipp gereiften Höllen-Trip „Drag Me To Hell“ eingeschoben hat.

Das Ding ist nur: „Drag Me To Hell“ ist inzwischen auch schon wieder 17 Jahre her! In der Zwischenzeit hat Raimi mit „Doctor Strange In The Multiverse Of Madness“ zwar den bislang horrorähnlichsten MCU-Beitrag beigesteuert, aber das ist natürlich nicht, was sich seine Fans von ihm erhoffen. Doch jetzt ist es endlich so weit: „Send Help“ ist zwar nicht wirklich ein Horrorfilm, sondern eine verspielte, saufiese und unverhohlen blutige Survival-Thriller-Satire – aber die pervertierte Robinsonade hat genau den diebisch-verschmitzten, dunkelschwarzen Humor, für den Raimi dank Filmen wie „Die Killer-Akademie“, „Darkman“ oder „Armee der Finsternis“ berühmt-berüchtigt ist.

Endlich kommt es Linda Liddle (Rachel McAdams) zugute, dass sie ihre Abende mit Survival-Reality-Shows vor dem Fernseher verbracht hat. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Endlich kommt es Linda Liddle (Rachel McAdams) zugute, dass sie ihre Abende mit Survival-Reality-Shows vor dem Fernseher verbracht hat.

Linda Liddle (Rachel McAdams) versteckt zwar übelriechende Thunfisch-Sandwiches in ihrer Schreibtischschublade, ist in ihrer Firma Preston Strategic Solutions aber trotzdem absolut unersetzlich. Nach dem Tod ihres langjährigen Bosses übernimmt allerdings dessen golfbegeisterter Sohn Bradley (Dylan O'Brien) die Geschäfte – und der formt direkt einen Boys Club aus seinen alten Alma-Mater-Kumpels um sich, während er die fleißige, aber sozial eher unbeholfene Survival-Superfan-Angestellte im Katzenlady-Look am liebsten schnellstmöglich loswerden würde. Linda macht zwar die ganze Arbeit, die Lorbeeren aber streichen andere ein.

Doch dann stürzt auf einem Geschäftsflug der Privatjet ab. Gestrandet auf einer einsamen Insel, sind Linda und Bradley die einzigen Überlebenden. Dank ihrer Begeisterung für Überlebens-Formate gelingt es ihr, für Wasser, Nahrung und eine notdürftige Behausung zu sorgen. Bradley hingegen führt sich selbst mit verletztem Bein auf wie der Boss – zumindest bis Linda ihm unmissverständlich klarmacht, dass er nicht länger das Sagen und sich gefälligst respektvoll zu verhalten habe. Die auf den Kopf gestellte Machtverteilung gefällt Linda irgendwann sogar so gut, dass sich schon die Frage stellt, ob sie überhaupt noch gerettet werden will…

Diese Kritik gibt es übrigens auch auf unserem YouTube-Kanal, falls ihr euch lieber ein Video anschauen wollt:

Man könnte jetzt die Filmgeschichte bemühen. Schließlich ist „Send Help“ gewissermaßen ein Update von Lina Wertmüllers umstrittenem Kult-Meisterwerk „Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“ (1974), in dem ein gedemütigter Seemann auf einer einsamen Insel die Dominanz über eine verwöhnte Antikommunistin erlangt (und das später von Guy Ritchie und seiner damaligen Ehefrau Madonna zu dem Machwerk „Stürmische Liebe“ weiterverarbeitet wurde). Genauso gut könnte man auf die politische Ebene verweisen: toxische Männlichkeit, karrierefördernde Golfrunden, die Macht übernehmende Boss Lady. Aber ganz ehrlich: Auch wenn das alles tatsächlich mit drinsteckt, ist „Send Help“ letztendlich einfach nur ein großer, fieser Spaß!

Das geht schon beim Absturz los, als Lindas aus dem Flugzeug gesogener Arschloch-Kollege ausgerechnet mit seinem Angeber-Schlips hängenbleibt und so lange von außen gegen das Fenster klatscht, bis von seiner superschleimigen Hipster-Visage nur noch blutiger Brei übrig ist. Weiter geht es mit einer wahnsinnigen Wildsau, die nach modernen CGI-Maßstäben zwar nicht unbedingt „echt“ aussieht, deren Duell mit der speerkämpfenden Linda allerdings dermaßen over the top ausfällt, dass direkt ein Szenenapplaus fällig wird. Hier geht es zudem nicht darum, Boss Bradley zu erziehen, damit dann am Ende doch wieder alle glücklich nach Hause fahren können. Stattdessen wird die Eskalationsspirale von Raimi ganz ohne Netz und doppelten Boden, aber dafür ungemein lustvoll immer weiter angezogen.

Bradley ist als Boss ein totaler Arsch – und Dylan O'Brien hat offensichtlich total Bock, genau einen solchen raushängen zu lassen… Disney und seine verbundenen Unternehmen
Bradley ist als Boss ein totaler Arsch – und Dylan O'Brien hat offensichtlich total Bock, genau einen solchen raushängen zu lassen…

Dafür hat der Regisseur zwei Stars gefunden, die 100-prozentig mit an Bord sind. Rachel McAdams („Girls Club“) zeigt sich von ihrer uneitelsten Seite als fetthaarige, psychopathische graue Maus, der zwar noch die halbe Thunfischdose am Kinn klebt, der man aber trotzdem die Daumen drückt. Quasi die Robinson-Crusoe-Variante von Annie Wilkes, für deren Darstellung Kathy Bates damals mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Aber im Gegensatz zur Stephen-King-Adaption „Misery“ ist „Send Help“ kein „gehobener“ Genrefilm, sondern eine konsequent-geradlinige Gemeinheit – es wird also eher keinen Preisregen, aber dafür umso mehr launige Derbheiten geben.

Einstecken muss diese in der Regel Dylan O'Brien, der sich – ein wenig wie Robert Pattinson – immer mehr von seinen „Maze Runner“-YA-Anfängen emanzipiert (zuletzt etwa mit einer Zwillings-Doppelrolle in dem grandiosen „Twinless“). O’Brien hat spürbar Spaß daran, den arroganten, instinktlos-unsensiblen Schnösel-Chef raushängen zu lassen. Und trotzdem wird zumindest der männliche Teil des Publikums nicht umhinkommen, in der quälendsten Szene des Films mit ihm mitzufühlen (und dabei mit schmerzverzerrtem Gesicht durch die Finger in Richtung Leinwand zu starren). Zum Ende hin reizt „Send Help“ es zwar etwas sehr aus, da hätte es nicht zwingend die vollen 112 Minuten Laufzeit gebraucht. Aber hey, wenn Sam Raimi nach 17 Jahren endlich mal wieder das macht, worauf er offensichtlich selbst am meisten Laune hat, dann ist es doch nur logisch, dass er sich auf der Insel bis zum Letzten austobt.

Fazit: Auf dieser einsamen Insel herrscht eine größere Gaudi als am Ballermann – jedenfalls wenn man seinen Humor nicht nur eiskalt, sondern gern auch dunkelschwarz und extrafies serviert bekommt!

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