Innerhalb kurzer Zeit hat das Realfilmremake von „Lilo & Stitch“ über 700 Millionen Dollar an den Kinokassen eingespielt. Diese stattliche Erfolgsgeschichte gäbe es selbstredend nicht ohne den gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 2002. Doch auch der stützt sich auf einem Disney-Zeichentrickklassiker, wenngleich auf andere Weise:
„Dumbo“ diente der „Lilo & Stitch“-Crew zwar nicht inhaltlich als Vorlage. Wohl aber als Inspiration dafür, welchen filmischen Geist es einzufangen gilt. Ohne diesen Fixstern hätte „Lilo & Stitch“ wohl nie seine beliebte Gestalt angenommen...
Kleiner Elefant gegen große Sorgen
Um die Parallelen zwischen „Lilo & Stitch“ und dem Zeichentrickklassiker von 1941 zu erläutern, müssen wir zuerst auf eine frühere Epoche der Disney-Trickstudios blicken: Der Animationsfilm-Meilenstein „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ stieg Ende der 1930er zum erfolgreichsten Tonfilm der Kinogeschichte auf – und Walt Disney arbeitete mit Hochdruck daran, diese Sensation zu wiederholen.
Doch dies sollte ihm verwehrt bleiben: 1940 brachte er mit „Pinocchio“ und „Fantasia“ zwei technisch noch ambitioniertere Zeichentrickfilme heraus. Aufgrund exorbitanter Kosten, und weil durch den Zweiten Weltkrieg viele Kinomärkte wegbrachen, waren sie allerdings bei ihrer Uraufführung wirtschaftliche Rückschläge. Ausgerechnet, nachdem Disney ein neues, teures und großes Studiogelände erwarb... „Dumbo“ entstand als Reaktion auf diese Fehlschläge.
Disney wollte die eingefahrenen Verluste ausgleichen, indem er einen kürzeren, technisch simpleren und daher günstigeren Film produziert. Gleichwohl wollte er nicht, dass man dem Film die Sparmaßnahmen anmerkt. Deswegen strebte er mit seinen Kreativköpfen eine kompakte, effizient erzählte Geschichte an, die tonal so ausfällt, dass sie durch den Verzicht auf komplizierte Tricktechniken und handwerkliche Experimente bloß gestärkt wird.
Die süße, verspielte Zirkusstory über einen Baby-Elefanten war perfekt dafür: Der simplere, weniger filigrane Stil unterstreicht die freudige Fassade des Settings. So in Sicherheit gelullt, überraschen die traurigen Passagen umso mehr und treffen mitten ins Herz.
Außerdem hatten Regisseur Ben Sharpsteen sowie das von Joe Grant und Dick Huemer angeführte Story-Team dank der niedrigeren finanziellen Erwartungen, und aufgrund einer längeren Südamerikareise Walt Disneys, ungewohnte Narrenfreiheit. Womit sich wilde Einfälle wie die „Rosa Elefanten“-Traumsequenz erklären lassen...
Große Erfolge, enorme Erwartungen
Jahrzehnte später sollte sich die Historie zwar nicht exakt wiederholen. Aber sie sollte Erinnerungen an die Erfahrungen wecken, die zu „Dumbo“ führten: Anfang der 1990er hatten die Disney-Trickstudios einen beneidenswerten Erfolgslauf. „Die Schöne und das Biest“, „Aladdin“ und „Der König der Löwen“ stellten massig Rekorde auf und entfachten neuen Enthusiasmus für die Kunstform. Allerdings ließen sie die Erwartungen in schwindelerregende Höhe schnellen.
Nachdem „Der König der Löwen“ während seiner Uraufführung 1994 über 750 Millionen Dollar generierte, taten Teile der Presse „Pocahontas“ 1995 mit Einnahmen in der Höhe von 346,1 Millionen Dollar bereits als Enttäuschung ab. „Der Glöckner von Notre Dame“ konnte ein weiteres Jahr später mit 325,3 Millionen Dollar dieses Narrativ nicht korrigieren – derweil explodierten die Kosten für Disney-Trickfilme beim Versuch, immer eindrucksvollere, aufwändigere Bildwelten zu bieten. Zugleich wurden die Filmteams immer umfangreicher.
1997 wurde diese Entwicklung einigen Disney-Köpfen zu viel – darunter dem damaligen Disney-CEO Michael Eisner. Während einer Party anlässlich der Fertigstellung von „Hercules“ begegnete er dem Trickzeichner Chris Sanders. Wie Sanders Jahrzehnte später Vulture erzählte, hatten Eisner und er aufgrund unterschiedlicher Interessensgebiete wenig gemeinsam, weshalb ihnen Smalltalk bei solchen Anlässen schwer fiel. Doch auf der „Hercules“-Party gab es einen Moment, in dem sie sich verbunden fühlten: Eisner verabschiedete sich freundlich aus einem stockenden Gespräch mit Sanders, bloß um kurz darauf zu ihm zurückzukehren.
„Er schaute sich um und sagte zu mir: 'Ich kenne hier niemanden. Ich glaube, diese Dinge sind zu groß geworden.'“ Damit habe er bei Sanders einen Nerv getroffen. „Die Dinge sind immer größer und größer und größer geworden“, fasst Sanders seine Wahrnehmung Disneys Mitte der 1990er zusammen. „Aber je größer sie wurden, desto unhandlicher waren sie. Wir hatten größere Budgets, aber das bedeutete auf merkwürdige Art, dass man vorsichtiger werden musste.“
Kleines Alien gegen erdrückende Ausmaße
Diese Gefühle teilte Produzent und Disney-Kreativmanager Thomas Schumacher. Im Gespräch mit Vulture benannte er den Moment, den er als die Initialzündung für die Entwicklung von „Lilo & Stitch“ erachtet: Eisner lud wenige Monate nach dem „Hercules“-Kinostart einen kleinen Kreis an Disney-Entscheidungsträger*innen auf seine Farm in Vermont ein. „Wir haben Äpfel gepflückt, Kürbisse geschnitzt und über Animation geredet“, so Schumacher.
Als die Frage aufkam, welche Stoffe Disney künftig anpacken sollte, nutzte Schumacher die Gelegenheit: „Lasst uns ein 'Dumbo' für unsere Generation machen. Einen vom Regisseur geprägten Film, der weder enorm noch kompliziert ist – und somit den Animator*innen mehr Kontrolle zurückgibt.“
Schumacher hatte, wie er Vulture weiter erläuterte, bereits den Mann im Sinn, dem er die Verantwortung für diesen spirituellen „Dumbo“-Nachfolger überlassen wollte: Sanders, der bei der farbenfrohen, ausgelassenen „Ich will jetzt gleich König sein“-Sequenz in „Der König der Löwen“ federführend war, nunmehr an „Mulan“ arbeitete und einige der einfühlsamsten Szenen des Films ersonnen hatte. Schumachers Vertrauen in Sanders wurde von weiteren Disney-Verantwortlichen geteilt, „also bin ich zu Chris gegangen und habe ihm gesagt: 'Alle wollen, dass der nächste Film deiner wird.'“
Sanders holte daraufhin eine von ihm verworfene Idee für ein Kinderbuch hervor. Daraus entwickelte er mit seinem Co-Regisseur und -Autor Dean DeBlois das Grundgerüst für „Lilo & Stitch“. Sie und ihr ausgewähltes, kleines Team kamen im Anschluss wiederholt auf das leuchtende Vorbild „Dumbo“ zurück: Ursprünglich sollte Stitch, wie Dumbo, gar nicht sprechen – als man die Idee aufgab, pochten sie darauf, ihm möglichst wenig Text zu geben.
Auf logistischer Seite stellte Schumacher derweil sicher, dass sich an „Dumbo“ erinnernde Bedingungen ergeben: Der Film wurde mit einem vergleichsweise geringen Budget ausgestattet und sollte komplett in Florida animiert werden, nicht etwa im kalifornischen Hauptstudio. Somit wollte er den Film quasi an der Konzernführung vorbeimogeln und mehr künstlerische Freiheit gewähren.
Außerdem diente „Dumbo“ als visuelles Vorbild, indem man wie beim Zirkus-Trickmusical auf Wasserfarben zurückgriff, die einen schlicht anmutenden, dennoch ausdrucksstarken, liebevollen Look ergeben, dem man die Pinselführung der Künstler*innen anmerkt. Die enge Verflechtung von skurrilem Humor und herzzerreißenden Szenen über Mobbing, Familientrennung und Zusammenhalt ist ebenfalls eine Weiterführung dessen, was zuvor „Dumbo“ gewagt hat. Konsequenterweise hat Lilo ein Dumbo-Plüschtier in ihrem Kinderzimmer – eine Hommage der Filmschaffenden an ihr Vorbild.
Disney
Der Schlussakt von „Lilo & Stitch“, wie wir ihn kennen, hat unterdessen erstaunlich tragische Hintergründe: Eine Actionsequenz musste als Reaktion auf schockierende Ereignisse kurzfristig intensiv überarbeitet werden. Zudem wurde kurz vor dem anvisierten Produktionsende ein neuer Epilog ersonnen. Mehr darüber erfahrt ihr in unserem folgenden Artikel:
"Ich kann mir den Film ohne nicht mehr vorstellen": So bescherte eine Tragödie "Lilo & Stitch" ein neues Ende*Bei diesem Link zu Disney+ handelt es sich um einen Affiliate-Link. Mit dem Abschluss eines Abos über diesen Link unterstützt ihr FILMSTARTS. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.