Meutereien, riesige Galeonen, wilde Abenteuer und mit Augenklappe ausgestattete Seeräuber, die einem Schatz hinterherjagen: Daran denken wohl die meisten beim Genre „Piratenfilm“. Und das kommt nicht von ungefähr, prägte Hollywood doch schon früh unser Bild von der „Piraterie“. Der klassische Piraten-Abenteuerfilm erlebte seine Hochphase in den 40er- und 50-Jahren, als Meilensteine wie „Das Korsarenschiff“ (1944) oder „König der Freibeuter“ (1958) entstanden. Als populärster Film dieser Ära gilt vermutlich Robert Siodmaks „Der rote Korsar“ mit Burt Lancaster von 1952.
In den folgenden Jahrzehnten hielt sich das Interesse an draufgängerischen Freibeutern aber erst einmal in Grenzen. Das Genre galt, ähnlich wie der Sandalen- und Ritterfilm, als verstaubt. Auch einige ambitionierte (und äußerst kostspielige) Bestrebungen in den 90er-Jahren waren nicht wirklich von Erfolg gekrönt: Steven Spielbergs „Hook“ und Renny Harlins „Die Piratenbraut“ verhalfen dem Piratenfilm nicht zum erwünschten Comeback. Das gelang erst 2003, als Disney mit dem Piraten-Abenteuer „Fluch der Karibik“ eine extrem beliebte Themenpark-Attraktion verfilmte. Mit Erfolg: Regisseur Gore Verbinski schuf mit Jack Sparrow eine Ikone der Popkultur und begründete eines der einträglichsten Franchises der jüngeren Kinogeschichte.
17 Jahre vor Verbinski unternahm mit Roman Polanski bereits einer der größten Regisseure aller Zeiten („Rosemaries Baby“, „Der Pianist“) den Versuch eines Piratenfilm-Revivals: „Piraten“. Mit einem zur damaligen Zeit gewaltigem Budget von 40 Millionen Dollar, einem Hollywoodstar in der Hauptrolle und riesiger Crew realisierte Polanski sein episches Werk – und scheiterte in kommerzieller Hinsicht krachend. „Piraten“, der kürzlich übrigens zum ersten mal auf Blu-ray erschien, wurde 1986 ein Megaflop, der noch nicht einmal 10 Millionen in die Kassen spülte. Absolut unverdient, denn der Film verfügt über alles, was ein waschechtes, actionreiches und vor abgefahrenen Einfällen nur so sprühendes Abenteuer auf hoher See benötigt.
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Azteken-Schatz und Meutereien: Das ist "Piraten"
Die Lage des Freibeuters Thomas Bartholomew Red (Walter Matthau) und seines Kadetten Jean-Baptiste (Cris Campion), Frosch genannt, ist nicht gerade günstig. Auf einem alten Holzfloß treiben die beiden auf dem offenen Meer, dem Hungertod nah. Als die spanische Galeone Neptun vorbei segelt, ist Rettung nah. Doch an Bord werden Red und Jean-Baptiste sogleich in Ketten gelegt – denn das Kommando hat der finstere und machtbesessene Don Alfonso (Damien Thomas), der in den Schiffbrüchigen unliebsame Störenfriede sieht.
Doch nur kurze Zeit später schmiedet Red einen Plan, schließlich befindet sich an Bord des Schiffs ein äußerst wertvoller, goldener Azteken-Thron. Red gelingt es, das Kommando über die Neptun zu erlangen und nimmt Kurs auf die Pirateninsel Tortuga. Dort wartet bereits Reds alte Mannschaft. Unterdessen holt Alfonso zum Gegenschlag aus und sinnt auf Rache.
Polanskis Anspruch war, die Zuschauer*innen mit „Piraten“ glaubhaft und authentisch ins goldene Zeitalter der Piraterie zurückzuversetzen. Viel Mühen und Aufwand flossen daher in die Realisierung eines vor allem visuell beeindruckenden, wahrhaftigen Piraten-Settings. Eine Welt, die ganz ohne CGI auskommt. Die optischen Schauwerte, die tollen Requisiten und überhaupt die gesamte Ausstattung gehören zu den Highlights des Films und sind ein echter Genuss. Fans altmodischer aber handgemachter (Abenteuer-)Filme, die ein leicht angestaubt-antiquiertes aber ungemein charmantes Flair verströmen, kommen hier voll auf ihre Kosten!
Gewissermaßen ein eigener Darsteller im Film ist die Neptun. Polanski gab extra einen originalgetreuen Nachbau einer mit 70 Kanonen bestückten spanischen Galeere aus dem späten 17. Jahrhundert in Auftrag. 2000 Menschen werkelten über einen Zeitraum von zwei Jahren an dem imposanten Schiff, das noch heute als Sightseeing-Attraktion viele Touristen in den alten Hafen von Genau lockt. Dort liegt die Neptun als schwimmendes Museum seit dem Ende der Dreharbeiten vor Anker.
Slapstick und derber Wortwitz auf hoher See
Ein ganz wesentlicher Reiz geht zudem von der heiter-beschwingten Komik und dem ironischen Unterton aus. Polanski drehte bewusst keine allzu ernste, ehrfürchtige Hommage auf das Piratentum und den Höhepunkt der „Freibeuterei“ im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. Im Gegenteil: Der polnische Meisterregisseur nimmt seinen Film und vor allem seine Hauptfigur, den bärbeißigen Captain Red (Walter Matthau), nicht allzu ernst. Stattdessen legt er „Piraten“, ähnlich wie das überlebensgroße Vorbild „Der rote Korsar“, als schwungvolle, fast leichtfüßige Abenteuer-Komödie an. Hinzu kommen klamaukige, an allerbeste Stummfilm-Zeiten erinnernde Slapstick-Einlagen, in denen in erster Linie Matthau für etliche herzhafte Lacher sorgt und sich so richtig austoben darf.
Carthago Films
Dessen Besetzung als einbeiniger Piratenkapitän wurde zu jener Zeit oft kritisiert. Einen seit den 50er-Jahren fest etablierter Hollywood-Star und verdienten Charakterdarsteller wie Matthau könne man nicht als notorisch griesgrämigen Seeräuber besetzen – so lautete ein oft gehörter Vorwurf. Der Verfasser dieses Streamingtipps ist jedoch gegenteiliger Ansicht. Matthau, damals 65 Jahre alt, zeigt hier als schrullig-kauziger, mit kitschigem Goldschmuck behangener alter Seebär eine der besten Leistungen seiner Karriere! Markig und grobschlächtig geht er zu Werke und einige seiner derben, rotzigen One-Liner („Ohne Kopf lässt es sich leichter leben als ohne Gold“) sind absolut Kult. Als eine Art Jack Sparrow der 80er ist er vielleicht nicht ganz so exzentrisch und hyperaktiv wie Depps ikonischer Pirat. Aber mindestens ebenso mutig, abenteuerlustig und, auf seine Art, so richtig verrückt.
Im Umgang mit dem Säbel beweist Red/Matthau darüber hinaus Geschick, und das muss er auch. Denn Polanski setzt auf unzählige tempo- und actionreiche Kampfszenen, in denen es Red und der vom damals nicht einmal 20-jährigen Cris Campion dargestellte Heißsporn Frosch mit den (überforderten) Spaniern aufnehmen.
Polanski inszenierte die Fechtduelle und Meutereien auf eine Weise, die klar als Hommage an die Massenszenen aus den Monumentalfilmen der 50er-Jahre gedeutet werden kann. Es geht ziemlich turbulent zu und als Betrachter erfreut man sich des konfusen, hektischen kämpferischen Treibens. Der Film gönnt uns praktisch keine Verschnaufpause. In diesen Szenen zeigt sich erneut die Liebe des Filmemachers zu den großen Klassikern. Gewaltige Massenszenen mit vielen Statisten, ein explizites Auge fürs Detail und der hohe Produktionsaufwand, der sich in aufwendigen Kostümen und beeindruckenden Schauplätzen manifestiert. Das alles vereint Polanskis verkannter, heillos unterschätzter Abenteuerfilm.
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