"Es fühlt sich an, als wären wir auf einem schlechten Weg": "Eddington"-Regisseur Ari Aster über den Wahnsinn der Covid-Jahre und die Gefahren von KI
Stefan Geisler
Stefan Geisler
-Redakteur
Stefan liebt Film. Er vermisst die wöchentlichen Besuche in der Videothek, denn das ziellose Umherirren in den Gängen hat ihm Seherfahrungen wie "Donnie Darko" oder "Fear and Loathing in Las Vegas" beschert.

Am 20. November 2025 ist mit „Eddington“ der neue Film von Ari Aster in den deutschen Kinos gestartet. FILMSTARTS-Redakteur Stefan Geisler hat mit dem Filmemacher über die Gefahren der Sozialen Medien und gesellschaftliche Angstzustände gesprochen.

LEONINE

Hereditary“, „Midsommar“ oder „Beau Is Afraid“. Kaum ein anderer Filmemacher ist aktuell so gut darin, gesellschaftliche Angstzustände zu ergründen wie Ari Aster. Am 20. November 2025 ist mit „Eddington“ sein neuer Film in den deutschen Kinos gestartet – und dieser ist eine Rückkehr in den Covid-Wahnsinn. Masken-Panik, politische Radikalisierung und menschliche Vereinsamung, der durch technischen Fortschritt in einem Rekordtempo vorangetrieben wird: In der beißenden Neo-Western-Satire bekommt wirklich jeder sein Fett weg.

FILMSTARTS-Redakteur Stefan Geisler hatte nun die Möglichkeit, Ari Aster zum Interview zu treffen. Im Interview haben wir mit dem Regisseur über den Wahnsinn der Covid-Jahre, den aktuellen Zustand von Amerika und die Gefahren von KI gesprochen. Doch zuallererst wollten wir wissen, auf welcher Social-Media-Plattform er denn am „liebsten“ endlos durch die Timeline scrollt...

Ari Aster im Gespräch mit FILMSTARTS-Redakteur Stefan Geisler LEONINE
Ari Aster im Gespräch mit FILMSTARTS-Redakteur Stefan Geisler

FILMSTARTS: „Eddington“ war wirklich ein wilder Ritt. Gleich nach dem Film wusste ich, dass ich dir eine Frage stellen muss. Auf welcher Social-Media-Plattform doomscrollst du am liebsten?

Ari Aster: [lacht] Als ich den Film geschrieben habe, habe ich zu viel Zeit auf Twitter verbracht. Ich hab zwar nie etwas gepostet, aber manchmal retweetet. In letzter Zeit scrolle ich immer noch durch Instagram, was eine ganz eigene Form der Folter ist.

FILMSTARTS: Glaubst du, dass Soziale Medien ein Fehler waren?

Ari Aster: Ja.

FILMSTARTS: Hattest du von Anfang an den Film so im Kopf – oder hat sich nach der COVID-Pandemie nochmal etwas am Skript geändert?

Ari Aster: Ich habe während COVID mit dem Schreiben begonnen, und es war einfach die Atmosphäre im Land. Ich lebte einfach in dieser Umgebung, war auf Twitter unterwegs und fühlte mich sehr weit entfernt von der Realität anderer Menschen in meinem Leben. Ich befand mich in einem Algorithmus und hatte das Gefühl, dass die Menschen um mich herum in einem anderen waren, und ich spürte, wie unmöglich es war, tatsächlich zu kommunizieren.

Zu dieser Zeit während COVID, insbesondere Ende Mai, Anfang Juni, lag etwas in der Luft, und ich hatte das Gefühl, dass die Dinge einen Siedepunkt erreichten und kurz davor standen, überzulaufen. Ich wusste nicht, ob die Dinge morgen oder in einigen Jahren explodieren würden, aber es fühlte sich einfach so an, als befänden wir uns auf einem sehr, sehr gefährlichen Weg. Deshalb wollte ich darüber schreiben und versuchen, einen Film zu drehen, der das Land und den Zustand der Politik und Kultur so gut wie möglich widerspiegelte.

Eddington
Eddington
Starttermin 20. November 2025 | 2 Std. 25 Min.
Von Ari Aster
Mit Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone
User-Wertung
3,4
Filmstarts
4,0

Zu dieser Zeit lebte ich in New Mexico, wo auch meine Familie lebt. Ich bin in New Mexico aufgewachsen. Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen in kleineren Städten in Amerika anders auf die Kultur reagierten und dass bestimmte Dinge, die in einer Großstadt vielleicht unmittelbarer waren, noch immer abstrakter gesehen wurden. Und wenn Dinge abstrakt sind, gibt es mehr Raum für Paranoia, für die Vorstellung verschiedener Bedrohungen, die einen gefährden könnten.

Das war jetzt eine sehr ausschweifende Antwort – aber ich wollte deutlich machen, was ich mit dem Film zeigen wollte. Das Projekt bestand auch darin, wie ich aus dem zusammenhanglosen Miasma der Welt, eine zusammenhängende Geschichte machen und gleichzeitig einen Film über die Inkohärenz der Situation drehen kann.

Rasen wir unaufhaltsam auf den Abgrund zu? LEONINE
Rasen wir unaufhaltsam auf den Abgrund zu?

FILMSTARTS: Das bringt mich zu einer weiteren Frage. Auf dem Plakat von „Eddington“ sehen wir eine Herde Bisons, die von einer Klippe in den Tod stürzen. Während einige noch umkehren können, haben andere bereits den Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt. Befindet sich Amerika derzeit in einer ähnlichen Lage wie diese Bisons?

Ari Aster: Es fühlt sich jedenfalls an, als wären wir auf einem schlechten Weg. Der Film handelt auch von KI. Es geht um ein Rechenzentrum, das gerade außerhalb dieser kleinen Stadt gebaut wird. Es gibt verschiedene Arten, darüber zu diskutieren, was KI ist, welche Gefahren sie birgt und welche Versprechen diese Technologie hält. Eine Möglichkeit, es zu betrachten, besteht darin, es als einen unspezifischen Verstärker zu sehen. Als würde man die aktuelle Entwicklung mit einem Jetpack ausstatten. Man muss sich in diesem Fall einfach fragen: Sind wir mit dem Kurs, den wir eingeschlagen haben, zufrieden? Sind wir so zufrieden damit, dass wir ihn beschleunigen wollen, um zu dem Ergebnis oder den Konsequenzen dieses Kurses zu gelangen, den wir eingeschlagen haben?

FILMSTARTS: Ich würde sagen, dass wir uns das besser nochmal überlegen sollten...

Ari Aster: Da stimme ich dir voll und ganz zu. Manchmal kann man sich dem Gefühl nicht entziehen, dass der soziale Wahnsinn mittlerweile überhandnimmt.

FILMSTARTS: Hast du manchmal das Gefühl, dass du der letzte vernunftbegabte Mensch bist?

Ari Aster: Nein, ich bin mir nicht einmal sicher, wie es mir geht. [lacht] Ich denke, es ist ganz klar, dass wir ein Experiment durchleben, das bereits gescheitert ist, wenn man es aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet. Aber offensichtlich gibt es Kräfte, die uns auf diesem Weg halten wollen. Ist es also gescheitert? Was ist das Ende? Was ist unser Ziel hier? Was ist unsere Bestimmung?

Der Film entstand in einem Zustand der Angst und Furcht darüber, wo wir standen und wohin wir uns zu bewegen schienen. Er handelt von Menschen, die aufgrund des Systems, in dem sie leben, nicht miteinander in Kontakt treten können. Das bricht mir das Herz. Der Film ist eine schwarze Komödie, also sollte er lustig sein. Er sollte Spaß machen. Es gibt Action, Spannung. Es soll ein unterhaltsamer Kinoabend werden, aber im Grunde genommen setzt er sich mit diesen Themen auseinander.

Muss sich mit dem LEONINE
Muss sich mit dem "new normal" anfreunden: Sheriff Joe Cross

FILMSTARTS: Vor 10 Jahren wäre es ein unterhaltsamer Kinoabend gewesen, aber im Moment fühlt es sich in gewisser Weise wie ein Realitätscheck an. Irgendwie absurd.

Ari Aster: Die Fähigkeit der Menschen, sich an jede Situation anzupassen, ist faszinierend. Wir sind sehr anpassungsfähig. Was gerade passiert, ist sehr seltsam. Ich meine, selbst wenn man sich KI-generierte Bilder ansieht, ist das schon normal geworden. Es ist erstaunlich, verrückt und beängstigend, aber es ist nicht normal. Ich meine, vor zwei Jahren war das noch Science-Fiction. Vor zehn Jahren war es noch unvorstellbar, dass wir an diesem Punkt angelangt sind. Und niemand versteht es wirklich. Vielleicht verstehen KI-Ingenieure es bis zu einem gewissen Grad, aber niemand versteht wirklich, womit wir da spielen.

Dann ist da noch die Tatsache, dass wir mit unseren Handys im Internet leben. Das ist auch sehr seltsam, aber es ist zur Normalität geworden. Ein Teil des Ziels bei der Produktion dieses Films war es daher, dies immer wieder zu betonen. Wenn Menschen permanent am Handy kleben, möchte ich das spüren. Ich möchte, dass wir es bemerken. Und es ist nicht so, dass die Figuren in diesem Film öfter ihr Handy benutzen als du oder ich. Ich bin genauso oft am Handy wie jede dieser Figuren. Aber am Ende des Films sollte klar werden, dass diese Menschen, die sich autonom fühlen und denken, sie seien Individuen mit einer klaren persönlichen Identität, gar nicht so autonom sind.

Sie werden von etwas getrieben, das über sie hinausgeht, und sie werden mit Botschaften und Angst vollgepumpt, und das hat sie verändert. Diese Menschen haben sich im Film verändert, und ich glaube, wir auch.

facebook Tweet
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren