Heimliches Comeback nach 15 Jahren? Einer der größten Skandal-Stars des Kinos hat angeblich einen Serien-Killer-Thriller gemacht
Björn Becher
Björn Becher
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Seit mehr als 20 Jahren schreibt Björn Becher über Filme und Serien. Hier bei FILMSTARTS.de kümmert er sich um "Star Wars" - aber auch um alles, was gerade im Kino auf der großen Leinwand läuft.

An der Seite von Johnny Depp feierte er seinen Durchbruch, galt kurz darauf als neue, bedeutendste Stimme des Indie-Kinos. Dann tauchte er für über ein Jahrzehnt ab. Ist Vincent Gallo jetzt als Regisseur zurück?

Vincent Gallo Productions

Nach fast einem Jahrzehnt Auszeit übernahm Multitalent Vincent Gallo im 2022 erschienen „The Terror Room“ wieder eine Schauspielrolle. Kurz darauf machte ein weiteres Projekt die Runde, das mittlerweile unter dem Titel „Golden State Killer“ kursiert. „Spider-Man“- und „127 Hours“-Star James Franco spielt darin einen Polizisten, der den Serienkiller James DeAngelo jagt. Gallo soll den auch real existierenden Killer verkörpern.

Schlagzeilen schrieb das Projekt bislang vor allem damit, dass sich mehrere Schauspielerinnen über Gallos angeblich übergriffiges Verhalten mit expliziten sexuellen Kommentaren, Einschüchterungen und Provokationen beim Vorsprechen beschwerten. Dabei soll er auch Darstellerinnen für die Rollen der Opfer des Mannes, der zwischen 1973 und 1986 mindestens 13 Morde und 50 Vergewaltigungen begangen hat und erst 2020 überführt wurde, „gewarnt“ haben, wie er sich voll in character begeben und dementsprechend realistisch agieren werde. Von seinen weiblichen Co-Stars erwarte er, dass sie das ertragen und nicht aus der Rolle fallen, wenn sie hart angegangen werden. Er wolle vielmehr ihre reale Angst sehen.

Dass der immer wieder von Kontroversen begleitete Filmemacher bei dem Projekt nicht in Schach gehalten wurde, könnte einen Grund haben. Angeblich ist „Golden State Killer“ nämlich nicht nur ein weiterer Film mit Gallo als Schauspieler, sondern auch das heimliche Regie-Comeback des einstigen Indie-Wunderkinds.

Wer ist Vito Brown?

Ursprünglich wurde der Produzent Jordan Gertner als Regisseur des damals noch „The Policeman“ betitelten Projekts angekündigt. Doch dann hieß es plötzlich, dass ein gewisser Vito Brown für Regie und Drehbuch verantwortlich sei. Doch es ist absolut nichts über diesen Vito Brown in Erfahrung zu bringen.

Allerdings ist der Name sehr verdächtig. In dem Kurzfilm „Keep It For Yourself“ aus dem Jahr 1991 von Claire Denis spielt Gallo nämlich eine Figur namens Vito Brown. Und irgendwie scheint dem Künstler dieser Nachname ohnehin zu gefallen. In mehreren Filmen von Claire Denis verkörperte er Männer namens Brown: einen Captain Brown in „US Go Home“, einen Vincenzo Brown in „Nénette und Boni“ und einen Dr. Shane Brown im gefeierten Erotik-Horror-Thriller „Trouble Every Day“. Im von ihm selbst inszenierten Karrierehöhepunkt „Buffalo '66“ spielt er derweilen einen Billy Brown und sein bekanntester wie auch umstrittenster Film trägt den Titel „The Brown Bunny“.

Ist Vincent Gallo also in Wirklichkeit Vito Brown? Entsprechende Gerüchte machen seit der Bekanntgabe des angeblichen Regisseurs im Frühjahr 2025 Runde. Jetzt berichtet darüber auch Hollywood-Insider Jordan Ruimy, der darauf verweist, dass der Film mittlerweile in der Post-Produktion sei und vom US-Verleih Lionsgate (u. a. „Die Tribute von Panem“-Reihe) noch in diesem Jahr in die Kinos gebracht werden soll. Dass ein renommierter Filmverleih einen neuen Vincent-Gallo-Film herausbringt, kommt einer Sensation gleich. Denn wen man auf Gallos Karriere mit frühen Höhen und zuletzt vor allem Tiefen zurückblickt, schien das nicht mehr denkbar.

Vom Wunderkind zum radikalen Provokateur

Nachdem Vincent Gallo sich bereits in den 1980er-Jahren in der New Yorker Untergrund-Künstlerszene unter anderem als Musiker einen Namen gemacht und auch schon kleinere Schauspielrollen bekleidet hatte, drängte er Anfang der 1990er-Jahre vor die Kamera. Nach einer Mini-Rolle in Martin Scorseses „Goodfellas“ erregte er zuerst mit Emir Kusturicas „Arizona Dream“ 1993 an der Seite von Johnny Depp und Jerry Lewis größere internationale Aufmerksamkeit. Gallo galt plötzlich als neue Schauspiel-Indie-Hoffnung mit einer Leinwandpräsenz, die eine ganz große Karriere versprach.

1998 erreichte diese Karriere ihren Höhepunkt. Nach mehreren Kurzfilmen gab er mit „Buffalo '66“ sein Debüt als Autor und Regisseur eines Kinofilms – und wurde direkt zur nächsten prägenden Stimme des amerikanischen Autorenkinos auserkoren. Viele waren überzeugt, hier einen legitimen Nachfolger des jungen Martin Scorsese oder der Indie-Ikone John Cassavetes vor sich zu haben.

Doch Gallos Karriere nahm nicht die Richtung, die damals alle vermuteten. The Brown Bunny“ schockierte 2003 beim Festival in Cannes und führte zur Saalflucht. Filmkritik-Legende Rogert Ebert bezeichnet das Drama, für welches Gallo sich von Co-Star Chloë Sevigny vor der Kamera einen realen Blowjob geben ließ, als „schlechtesten Film in der gesamten Geschichte des Festivals“. Regisseur Gallo war beleidigt und teilte vor allem gegen jeden aus, der sein angebliches Meisterwerk nicht versteht. Erst später ruderte er ein wenig zurück und veröffentlichte eine überarbeitete Fassung des Films, die deutlich positiver besprochen wurde.

In der Folge machte er mit fragwürdigen Aktionen im Netz Schlagzeilen. So bot er zum Beispiel sein Sperma für eine Million Dollar an – versehen mit ein paar rassistischen Begleitbedingungen, die dem Provokateur die sicher erhofften Schlagzeilen bescherten. Schwarze Frauen seien als Käuferinnen ausgeschlossen, wer blond und blauäugig sei, bekomme dagegen Rabatt.

Als Filmkünstler meldet er sich dann 2010 beim Festival in Venedig zurück, wo gleich zwei Werke mit ihm zu sehen waren. Es liefen sowohl seine dritte Regie-Arbeit „Promises Written In Water“ als auch Jerzy Skolimowskis Drama „Essential Killing“ mit ihm in der Hauptrolle. Der Autor dieser Zeilen war damals vor Ort und kann sich noch gut erinnern, dass ein Thema alle Gespräche unter Journalist*innen dominierte: Ist Vincent Gallo hier? Immer wieder behaupteten Leute, ihn gesehen zu haben. Öffentlich in Erscheinung trat er – völlig unüblich für die Präsentation eigener Werke bei einem großen A-Festival – nie. Selbst als er den Preis als Bester Schauspieler für „Essential Killing“, mit dem er nochmals seine ganze Klasse unter Beweis stellte, erhielt, nahm er die Trophäe nicht persönlich entgegen...

Dass in dem Jahr, in welchem passenderweise auch die Mockumentary „I'm Still Here“ mit Joaquin Phoenix Weltpremiere feierte, mehrere Leute steif und fest behaupteten, Gallo in Verkleidung während der Preisverleihung im Saal ausgemacht zu haben, erzählt auch direkt ziemlich viel über das Image des Filmemachers – wie auch der weitere Weg seines Films „Promises Written In Water“.

Weil die Rezeption eher lauwarm war (ich persönlich vergebe nur 2 Sterne), reagierte Gallo erneut beleidigt. Anschließend weigerte er sich, den Film zu vertreiben und noch mal zu zeigen. Er ist deswegen nie erschienen. Der Film solle „in Frieden ruhen dürfen, ohne den dunklen Energien der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein“, gab Gallo bekannt.

Comeback nach eineinhalb Jahrzehnten

Nach über 15 Jahren Regie-Pause scheint „Golden State Killer“ jetzt der vierte Film von Vincent Gallo zu sein, denn auch wir sind überzeugt, dass er sich hinter Vito Brown verbirgt. Wobei es womöglich auch bereits die fünfte Spielfilm-Regie-Arbeit des Künstlers ist. 2013 listete er nämlich auf seiner Webseite, dass ein angeblich bereits 2009 gedrehter Film namens „April“ jetzt fertig zur Veröffentlichung sei. Erschienen ist dieser zwar nie, auf Gallos schon sehr lange nicht mehr aktualisierten Webseite VincentGallo.com ist „April“ aber weiterhin gelistet.

Wann „Golden State Killer“ im Laufe des Jahres 2026 erscheinen soll, bleibt noch abzuwarten. Vielleicht probiert es Vincent Gallo erneut mit einer Premiere bei einem der renommierten Filmfestivals. Es wäre nur die Frage, ob heute ein Festival bereit ist, einen Film von und mit Gallo und dem ja auch nach Skandal problembehafteten James Franco zu zeigen. Allerdings bewies man gerade in Venedig zuletzt mit Einladungen für Woody Allen und Roman Polanski da nicht so viele Berührungsängste. Für viel Aufmerksamkeit würde dann sicher nicht nur die Frage sorgen, ob er auch vor Ort ist...

Nicht um einen Star, sondern um einen Film, der verschwunden war, geht es derweil im folgenden Artikel:

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