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    Männerclub Marvel: Warum der "Black Widow"-Film überfällig ist
    Von Tobias Mayer — 14.11.2017 um 14:00

    Marvel-Mastermind Stan Lee prophezeite kürzlich, dass es „eines Tages“ einen „Black Widow“-Solofilm geben werde. Mal wieder werden Fans auf später vertröstet, mal wieder zeigt sich: Das Marvel Cinematic Universe ist ein Männerclub.

    Walt Disney

    Für die heutige FILMSTARTS-Meinung habe ich ein bisschen gezählt. Denn hinter den nackten Zahlen zum Marvel Cinematic Universe, der nach Einnahmen erfolgreichsten Filmreihe aller Zeiten, steckt eine unschöne Wahrheit: 2008 mit „Iron Man“ begonnen, wird das MCU zum zehnjährigen Jubiläum 2018 auf zwanzig Filme kommen – und im Rückblick wie eine verdammt lange Schwanzparade wirken. Unter zwanzig Comicverfilmungen wird keine einzige sein, in der eine Heldin im Vordergrund steht. So wie Natasha Romanoff alias Black Widow (Scarlett Johansson), der von Marvel seit Jahren ein Solo-Film verweigert wird, obwohl dem Unternehmen weibliche Repräsentation doch ganz doll wichtig ist.

    Jüngst auf der Supanova Comic Con in Australien nach „Black Widow“ gefragt, antwortete Marvel-Urgestein Stan Lee (via comicbook.com): „Eines Tages wird es einen ‚Black Widow‘-Film geben.“ Etwas Ähnliches sagte der berühmte Comicautor und Miterfinder von Hulk, Iron Man und den Fantastic Four bereits 2014, ohne dass es seitdem nennenswerte Fortschritte gegeben hätte. Nun ist es nicht an dem 94-Jährigen, in den Marvel Studios darüber zu entscheiden, welche Filme gemacht werden – der zuständige Kollege heißt Kevin Feige und hat als Studio-Chef deutlich größeren Einfluss darauf, die Comic-Helden oder eben Heldinnen auszuwählen, die in den nächsten Jahren in die Kinos kommen. Feige aber hat die Kunst perfektioniert, sich als Fürsprecher eines „Black Widow“-Films zu inszenieren, ohne ihn voranzubringen.

    Nicht labern, sondern drehen!

    Black Widow, die als Kind fast in Stalingrad starb und anschließend vom KGB zur Killerin gemacht wurde, gab in „Iron Man 2“ 2010 ihr Kinodebüt. Damals berichteten wir zum ersten Mal über den Plan, der von Scarlett Johansson in vier weiteren MCU-Einträgen gespielten Kämpferin einen eigenen Film zu geben, der ganz ihrer Hintergrundgeschichte gewidmet ist. Anfang 2014 machte Kevin Feige im Interview Hoffnungen auf Widows Solo – es wäre „großartig“, mehr über die Figur zu zeigen, als es in Ensemble-Filmen wie „Avengers“ möglich ist. 2016, das Marvel-Kinouniversum war um fünf weitere Filme gewachsen, verschob Feige „Black Widow“ unverbindlich auf irgendwann nach 2019: „Wir denken, dass Black Widow eine fantastische Figur ist. Wir finden, dass Scarlett Johanssons Darstellung von ihr fantastisch ist. Sie ist einer der führenden Avengers und hat einige großartige Geschichten parat, die wir nur zu gern in Form eines eigenständigen Franchises präsentieren würden.“

    Black Widow bleibt bis heute eine Gefangene des Konjunktiv – man würde ja wirklich gerne, aber es sollte einfach noch nicht sein. Von einer „Frage des richtigen Timings“ sprach Scarlett Johansson im Februar 2017, nachdem sie sich öffentlich mehrfach bereit erklärt hatte, die toughe Killerin auch mal in einer Hauptrolle zu spielen. Gewiss müssen Terminpläne abgeglichen werden, damit ein „Widow“-Film in Dreh gehen kann. Doch dass 2018, nach einer Dekade MCU, nicht ein Film mit Heldin im Zentrum der Handlung entstanden sein wird, ist keine Frage des Timings – sondern liegt am fehlenden Willen. Als der Sci-Fi-Actioner „Aeon Flux“ mit Charlize Theron als Rächerin 2005 floppte, wurde ein außerhalb des „Avengers“-Erzähluniversums geplanter „Black Widow“ beerdigt. Das Publikum wolle keine Heldinnen sehen. Dieses Dogma, untermauert durch die ebenfalls zur Mitte der Nullerjahre veröffentlichten Filmgurken „Catwoman“ mit Halle Berry, „Elektra“ mit Jennifer Garner und „Ultraviolet“ mit Milla Jovovich, setzte sich in Hollywood durch, genauer: setzte sich in den Köpfen der mehrheitlich männlichen Produzentenriege durch. Auf welche Idee mann nicht kam: dass das Publikum nichts gegen Heldinnen, sondern vielleicht einfach nur was gegen miese Filme hat.

    Vielen Dank, Wonder Woman!

    Die Trendwende kam im Juni 2017 – und sie fand nicht bei Marvel statt. Zwei Jahre bevor 2019 mit „Captain Marvel“ endlich das erste MCU-Abenteuer mit einer Heldin im Mittelpunkt kommen soll, wurde „Wonder Woman“ aus dem Hause DC zum Hit, der weltweit gut 821 Millionen Dollar einspielte. Regisseurin Patty Jenkins und Hauptdarstellerin Gal Gadot drehten einen sehr guten Film und traten damit die Tür ein: Plötzlich ist zum Beispiel eine neue Adaption über Schwertkämpferin „Red Sonja“ in Planung, „Wonder Woman 2“ natürlich ebenfalls – und es gibt Hoffnung, dass Feige auch „Black Widow“ endlich drehen lässt, anstatt nur über den Film zu reden. Wo er dann schon mal dabei ist, kann er gleich auch den weiblichen „Thor“ und ein „Avengers“-Abenteuer um Heldinnen in die nächste Ladung Marvel-Filme ab 2020 aufnehmen. Oder redet er darüber wieder nur? Die „Thor“-Frau aus den Comics habe „großes Potential“ und Feige fand es „ziemlich großartig“, kürzlich von Tessa „Valkyrie“ Thompson („Thor 3“), Zoe „Gamora“ Saldana („Guardians Of The Galaxy“) und anderen Marvel-Schauspielerinnen, die bisher nur in männlicher Begleitung die Welt retten durften, um einen gemeinsamen Superheldinnen-Film gebeten zu werden. Vorm Sommer 2017 habe ich nicht erwartet, dass Feiges zur Schau gestellte Begeisterung für Heldinnen dazu führt, das MCU weiblicher zu machen – jetzt besteht zumindest Grund zur Hoffnung. Danke, „Wonder Woman“.

     

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