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    Wie macht man gutes Actionkino? Der "Bullet Train"- und "John Wick"-Regisseur gibt uns im Interview die Antwort!
    05.08.2022 um 16:00
    Björn Becher
    Björn Becher
    -Mitglied der Chefredaktion
    Von den Stunts eines Buster Keatons über die Akrobatik eines Jackie Chans hin zur Brachialgewalt in „The Raid“. Björn Becher liebt Actionfilme.
    Mitarbeit von:
    Benjamin Hecht

    Mit „John Wick“ schaffte David Leitch den Sprung zum Regisseur. In „Bullet Train“ setzt er nun Brad Pitt in Szene, dessen Stuntman er viele Jahre war. Darüber und über gutes Actionkino spricht FILMSTARTS-Redakteur Benjamin Hecht mit ihm im Interview…

    Sony Pictures

    David Leitch ist eine Legende im Actiongeschäft. Er begann seine Hollywood-Karriere bereits in den 90er-Jahren als Stuntman. Bei „Fight Club“ wurde er zum Stuntdouble für Brad Pitt, mit dem er in den folgenden Jahren bei Filmen wie „Spy Game“ oder „Troja“ weiter zusammenarbeitete. Mit seiner Firma 87Eleven wurde er zudem zu der Anlaufstelle für das Choreografieren und Gestalten von vor allem harten Nahkampfszenen. Aber Leitch und sein Partner Chad Stahelski waren oft frustriert, weil ihre Ideen in der finalen Umsetzung nicht so auf der Leinwand landeten, wie sie es sich erträumten. Also wurden sie selbst Regisseure, machten „John Wick“ und prägen seitdem das moderne Actionkino.

    Leitchs neueste Regie-Arbeit „Bullet Train“ bringt ihn nun wieder mit Brad Pitt zusammen. Der spielt den glücklosen Killer Ladybug, der einen vermeintlichen Routineauftrag erledigen soll. Hol einfach nur einen Koffer aus einem Schnellzug, sagt ihm sein Kontakt. Doch was er nicht weiß: Der Zug ist voll mit finsteren und zum Morden bereiten Schergen, die alle ihre ganz eigene Agenda verfolgen. Schnell beginnt ein Hauen und Stechen auf engstem Raum in dem durch Japan rasenden Bullet Train...

    Die FILMSTARTS-Kritik zu "Bullet Train"

    Im Interview spricht unser Redakteur Benjamin Hecht mit David Leitch nicht nur über seinen neuen Film, sondern auch über das Actionkino ganz allgemein...

    Action darf nicht nur dem Spektakel dienen

    FILMSTARTS: Du bist nun schon so lange im Action-Geschäft, wenn es also eine Person gibt, welche die Antwort weiß, bist du es: Was zeichnet einen großartigen Actionfilm aus?

    David Leitch: Einen großartigen Actionfilm zeichnen die Figuren aus. Kelly [Anm.d.Red.: seine Frau und Produzentin Kelly McCormick] und ich versuchen mit unserer Firma 87North daher, all unsere Actionfilme figurengetrieben zu machen. Und ich denke, wir haben das mit einigen der ikonischen Figuren, die wir erschaffen haben, auch bewiesen.

    Wir haben „Atomic Blonde“ gemacht und dabei Lorraine Broughton erschaffen. Wir haben mit „Hobbs & Shaw“ eine Erweiterung eines Franchises gemacht, wovon sie nun viele Fortsetzungen wollen. Wir haben einen Film namens „Nobody“ mit Bob Odenkirk produziert und damit direkt ein neues Franchise erschaffen.

    Was so gut an dem ist, was wir machen, ist unsere Konzentration auf die Action rund um die Figuren. Wir stellen immer sicher, dass die Action den Figuren dient. Denn dann erinnern sich die Leute daran. Wenn die Action nur für das reine Spektakel da ist, dann verschwinden diese Filme wieder. Unterstützt sie aber eine Figur, dann lebt sie sehr lange weiter...

    Sony Pictures
    David Leitch gibt beim Dreh von "Bullet Train" Anweisungen.

    FILMSTARTS: Und das hat dich dann auch am meisten daran interessiert, den Roman „Bullet Train“ zu verfilmen?

    David Leitch: Ja, es war zum einen die Vielfalt an Figuren und dann vor allem die Herausforderung, wie vielen dieser Figuren wir auf einer so kurzen Reise auch gerecht werden können. In der Vergangenheit habe ich Deadpool oder Lorraine Broughton oder John Wick gedient. Das ist eine Figur, die du vorbereitet und für welche du einen Storybogen spannst. Hier hast du aber so viele, mit widersprechenden Agenden und Weltansichten. Das musst du alles innerhalb einer kurzen Zeit erklären und dabei effizient die große Geschichte erzählen. Das Puzzle, dies zu lösen, hat mich am meisten interessiert.

    Welche Actionfilme inspirieren Hollywoods Actionspezialisten?

    FILMSTARTS: Hast du dich dabei von anderen Filmen beeinflussen lassen?

    David Leitch: Ich will nicht lügen: Ja, es gibt eine Menge Einflüsse. Aber am Ende ist „Bullet Train“ vor allem eine Visitenkarte von mir als Filmemacher, von den Dingen, die ich mag. Das Großartige an diesem Projekt war es, dass mich nicht die Fesseln eines Franchises oder das Vermächtnis einer großen Marke zurückgehalten haben. „Bullet Train“ war bislang keine weltbekannte IP und so konnte ich dem Projekt wirklich meinen eigenen Stempel aufdrücken.

    FILMSTARTS: Was sind denn deine persönlichen Lieblingsactionfilme?

    David Leitch: Einer ist auf jeden Fall „Stirb langsam“, denn da hast du eine Figur, mit der du dich extrem identifizieren kannst, inmitten der Action. Und genau das ist es ja auch, was ich mit meinen Figuren zu erreichen versuche. Die Nummer 2 ist Jackie Chans „Police Story“ mit all den Stunts und der realen Gefahr. Und er schmeißt sich da rein wie einst Buster Keaton, aber noch mal auf einem höheren Level. Jackie ist der Gipfel des Actionkinos. Und dann ist da noch „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“. Wie hier die Action wieder die Figuren und die Beziehung zwischen Vater und Sohn unterstützt, ist einfach nur brillant.

    Bei "Bullet Train" arbeitete David Leitch mal wieder mit Brad Pitt zusammen.

    FILMSTARTS: Du und Brad Pitt kennt euch schon so lange. Wie war es nun, in so verschiedenen Rollen wieder zusammen zu arbeiten.

    David Leitch: Es war spaßig, es war wunderschön, es war magisch. Wir sind als Freunde, aber auch als Künstler wieder zusammengekommen. Als ich in der Vergangenheit sein Stunt-Double war, habe ich meine Kunst gegeben, um die Figur zu unterstützen, die er geschaffen hat. Nun war es seine Aufgabe, seine Kunst zu geben, um eine Figur zu schaffen, die einen Film unterstützt, den ich inszeniere. Die Rollen waren also etwas vertauscht. Doch dahinter stand dieselbe gegenseitige Wertschätzung füreinander.

    Wie viel David Leitch steckt in Cliff Booth?

    FILMSTARTS: In Quentin Tarantinos „Once Upon A Time... In Hollywood“ hat Brad Pitt ja den fiktiven Stuntman Cliff Booth gespielt. Glaubst du, dass du als sein ehemaliger Stuntman seine Darstellung irgendwie beeinflusst hast?

    David Leitch: Brad hatte immer große Bewunderung für die Stunt-Community. Aber die Rolle, die er in „Once Upon A Time... In Hollywood“ spielt, ist ja eine oder sogar zwei Generation vor meiner Zeit. Ich denke, die Stunts haben sich seit damals entwickelt. Meine Generation an Stunt-Leuten hat ihre Schauspieler*innen nicht mehr herumgefahren, ist nicht in die Bars gegangenen und hat Bloody Marys getrunken. Das war alles schon sehr anders. Aber ich freue mich, dass er die Geschichte eines Stuntman ins Kino gebracht hat. Das bedeutet mir viel.

    Und wir sind auch dabei, eine andere Stunt-Geschichte ins Kino zu bringen: „Ein Colt für alle Fälle“ mit Ryan Gosling. Es basiert auf einer 80er-Jahre-TV-Serie über einen Stuntman. Es ist die Ursprungsgeschichte von Colt Seavers. Er ist ein Stuntman, der realisiert, dass er nun all diese Fähigkeiten hat und es womöglich mehr gibt, was er mit diesen anfangen kann.

    Auch wenn es bei "Bullet Train" heftig zur Sache geht, gefährlich wurde es nie.

    FILMSTARTS: Wenn wir schon von Stunts sprechen. Die Aufgabe von Stuntmen ist es ja vor allem, die gefährlichen Sachen für den Star zu übernehmen. Welche der Actionszenen in „Bullet Train“ waren denn gefährlich? Und gab es dabei besondere Herausforderungen?

    David Leitch: Nein, gefährlich war nichts. Gerade weil ich einen Hintergrund als Stunt-Koordinator habe, ist mir die Sicherheit meiner Schauspieler*innen wichtig. Ich versuche, sie in Situationen zu stecken, wo es sicher ist und sie das Beste aus ihren Fähigkeiten rausholen können. Aber das dann aggressiv und mit Energie. Da zahlt sich meine Erfahrung an Filmsets aus.

    Die größte Herausforderung war der Dreh zur Hochzeit der Corona-Pandemie, als es noch keine Impfung gab und die Zahlen gestiegen sind. Wir sind der allererste Hollywood-Film, dem wieder der Dreh erlaubt wurde. Die Sicherheitsprotokolle für die Arbeit auf engem Raum waren herausfordernd, weil du das als Filmemacher nicht gewöhnt bist und so viel an einem Filmset auch über die enge Verbindung der Menschen gelöst wird – egal, ob ich mit meiner Produzentin, einem Crew-Mitglied oder meinen Schauspieler*innen unterhalte.

    Du willst dabei eigentlich die Reaktion in ihren Gesichtern sehen: Fühlen sie, was ich sage? Schließlich muss ich meine Vision durch ihre Arbeit erzählen. Es war eine Herausforderung, aber wir haben sie gemeistert. Filmcrews sind schließlich die einfallsreichste Gruppe an Leuten auf diesem Planeten. Wenn ich jemals eine Apokalypse überleben muss, will ich inmitten einer Filmcrew sein.

    „Bullet Train“ läuft seit dem 4. August 2022 im Kino. Hier könnt ihr auch noch unser Video-Interview mit Brad Pitt und Joey King sehen:

     

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