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    Warrior
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Warrior
    Von Jan Hamm
    „Warrior" mag ein Martial-Arts-Streifen sein - mit seinen nominellen Genre-Vettern aus der asiatischen Kampfsportwelt hat Gavin O'Connors Kritikererfolg allerdings wenig zu tun. Vielmehr steht er in der starken Tradition des Boxfilms von Sylvester Stallones „Rocky" bis David O. Russells „The Fighter". Sicher, auch in diesem Genre spielen ausgefeilte Kampfchoreographien eine wichtige Rolle. Bedeutsam sind die Boxfights aber vor allem deshalb, weil sie Stationen großer Tragödien darstellen. Ganz in diesem Sinne ist „Warrior" in erster Linie ein Familiendrama, das O'Connors traurige Helden nicht nur in der Arena, sondern ebenso hitzig in Vorgarten und Wohnzimmer ausfechten. Dass der Regisseur dabei mitunter Allgemeinplätze wie die unvermeidliche Trainingscollage abspult, ist bei einer so mitreißend erzählten und hervorragend besetzten Geschichte locker verschmerzbar. Die Oscar-Weihen des 2011 siebenfach nominierten und zweifach ausgezeichneten „The Fighter" waren „Warrior" zwar nicht vergönnt. Immerhin aber wurde der herzzerreißend aufspielende Nick Nolte mit einer Nominierung als Bester Nebendarsteller geehrt.

    Da kann der trockene Alkoholiker Paddy (Nick Nolte) noch so feierlich betonen, sich endlich gebessert zu haben – mehr als kalte Verachtung hat der US-Marine Tommy (Tom Hardy) nicht für seinen Vater übrig. Auf Versöhnung ist Tommy nach seiner Rückkehr aus dem Irak ohnehin nicht aus, stattdessen will er Paddy aus rein praktischen Gründen als Coach für ein Mixed-Martial-Arts-Turnier engagieren. Selbst über die Beweggründe für seine Teilnahme schweigt er sich eisern aus. Noch weiß Tommy nicht, dass auch sein entfremdeter Bruder Brendan Conlon (Joel Edgerton) in den Ring des Turniers steigen wird. Eigentlich hatte der Lehrer, Ehemann und zweifache Vater seiner Vergangenheit als Amateur-Kampfsportler abgeschworen. Im Zuge der US-Immobilienkrise wird der finanzielle Druck jedoch so übermächtig, dass Brendan im hochdotierten Turnier nun sprichwörtlich um sein mittelständisches Leben kämpfen muss. Während Tommy und Brendan auf ihre große Chance hinarbeiten, hat der reumütige Paddy seine ganz eigene Schlacht zu schlagen...

    Rund eine Stunde dauert es, bis sich Tommy und Brendan zum ersten Mal auf der Leinwand (wieder)begegnen. Bis dahin haben Gavin O'Connor („Das Gesetz der Ehre") und seine Darsteller ihre Figuren so präzise ergründet, dass bereits dieses erste von mehreren hochenergetischen Aufeinandertreffen eine enorme dramatische Schlagkraft hat. Die Brüder stehen für zwei Varianten versehrter Männlichkeit: Der harsche Soldat leidet unter seiner Kriegserfahrung und Brendan, dessen bürgerliches Leben im Kontrast zu Tommys grauer Welt mit warmen Farben gezeichnet wird, ist nur einer von abertausend Amerikanern, die unverschuldet auf der Straße zu landen drohen. Nicht nur in diesem Kontext ist die Vergangenheit des Sparta-Veranstalters als Hedgefonds-Manager eine besonders bissige von vielen Zeitgeist-Spitzen („Schon über eine Insolvenz nachgedacht? Das ist heutzutage längst keine Schande mehr.").

    Um die gegensätzlichen Brüder voneinander abzugrenzen, bewirft der Regisseur sein Publikum zwar gelegentlich mit dicken Zaunpfählen – so wird im Dojo des gebildeten Brendan etwa Beethoven gespielt und mit einem Friedrich-Nietzsche-Plakat geprunkt. Eine entscheidende Gemeinsamkeit haben sie dennoch: Frei nach „Fight Club"-Anarcho Tyler Durden gehören sie einer Generation ohne Väter an. Zumindest ohne taugliche Väter – mit Paddys nahezu aussichtsloser Suche nach Vergebung rundet O'Connor seine Beobachtungen zur Krise amerikanischer Männlichkeit kraftvoll ab. Wenn sich der demütige Ex-Alkoholiker in ein Hörspiel nach Herman Melvilles „Moby Dick" vertieft und damit in Bezug zum irrlichternden Kapitän Ahab gesetzt wird, arbeitet O'Connor die Ambivalenz seiner schwierigen Vaterfigur geschickt heraus.

    Ohne die hervorragende Arbeit der Darsteller wären all diese thematischen Konzepte wohlbemerkt bestenfalls die Hälfte wert. Nick Nolte („Kap der Angst", „Der schmale Grat") kehrt hier ähnlich stark ins Rampenlicht zurück wie 2008 Mickey Rourke in Darren Aronofskys thematisch verwandtem Kampfsportdrama „The Wrestler". In einem Interview mit dem „The Daily Beast"-Magazin sprach der inzwischen über 70-jährige Nolte offen über seine Hoffnung auf einen Oscar, schließlich bliebe ihm dafür ja nicht mehr allzu viel Zeit. Allerdings - gegen den klaren Nebendarsteller-Favoriten Christopher Plummer ("Beginners") war er trotz Oscar-reifem Schauspiel praktisch chancenlos. Noltes Filmsöhne sind derweil auch ohne Oscar-Buzz ein Erlebnis. Der frisch für Kathryn Bigelows Bin-Laden-Film besetzte Australier Joel Edgerton („The Thing") zeigt mit seinem sensiblem Spiel, warum er als heißer Newcomer gehandelt wird.

    Und dann ist da noch Tom Hardy („Dame, König, As, Spion"). Der Shootingstar verleiht Tommy eine derart bedrohliche Physis, dass einem jetzt schon angst und bange um den Fledermausmann wird, der es im Kinosommer 2012 in „The Dark Knight Rises" mit Hardys maskiertem Schurken Bane aufnehmen muss. Die schiere Leinwandpräsenz des „Bronson"- und „Inception"-Stars zahlt sich auch in den wuchtigen Kampfsequenzen aus, die nie lediglich Schauwerte bieten, sondern immer wichtige Handlungsschritte bedeuten. Ob Martial-Arts-Bad-Guy Koba (Kurt Angle) mit seiner Sowjet-Flagge nun als witziger Verweis auf Dolph Lundgrens Ivan Drago aus „Rocky IV" oder als unpassend alberner Bösewicht auffällt, ist eine streitwürdige Frage. Wirklich platt ist bloß die hier im vermeintlich hippen Splitscreen montierte Trainingscollage, ein erzählerischer Kniff, der über die Jahrzehnte längst zur staubigen Konvention geworden ist.

    Fazit: Gavin O'Connors Martial-Arts-Familiendrama „Warrior" erreicht nicht ganz die Klasse des triumphalen „The Fighter", bietet mit aufopferungsvollem Schauspiel und einer funkensprühenden Figurenkonstellation aber nichtsdestotrotz ganz großes Gefühlskino.
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