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    Restless
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Restless
    Von FILMSTARTS-Team

    Teenager haben zum Tod oft eine ganz besondere Beziehung: Nie lässt es sich so schön an der Endlichkeit der Existenz leiden, wie wenn das Leben doch eigentlich gerade erst losgeht. Das Motiv des todessehnsüchtigen Jünglings geistert nicht erst seit „Harold and Maude" auch durch die Filmgeschichte und Gus Van Sant greift es in seiner Teenie-Romanze „Restless" erneut auf. Er erzählt die bittersüße Coming-of-Age-Geschichte zweier Sonderlinge, die über ihre Erfahrungen mit dem Sterben zueinander finden. Dabei baden der „Good Will Hunting"-Regisseur und sein Kameramann Harris Savides geradezu in herbstlicher Melancholie, Mia Wasikowska und Henry Hopper geben dazu in den Hauptrollen ein hübsches schwermütiges Paar ab. Insgesamt ergibt sich daraus ein durchaus gefälliges Indie-Drama nicht ganz ohne Klischees.

    Seit seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, ist das Leben von Enoch Brae (Henry Hopper) aus der Spur geraten. Anstatt zur Schule zu gehen, drückt er sich im örtlichen Bestattungsinstitut herum und schleicht sich bei den Beerdigungen Wildfremder ein. Dort sucht er nach etwas, das seine innere Leere ausfüllen könnte. Schließlich kommt ihm die feenhafte Annabel (Mia Wasikowska) auf die Schliche, die ihre eigenen Gründe hat, regelmäßig Beerdigungen zu besuchen: Sie hat ein Zimmer auf der Station für krebskranke Kinder des Krankenhauses - und der Krebs gibt auch ihr nur noch wenig Zeit. Sie sucht den Kontakt zu Enoch, und obwohl der sich zuerst noch ziert und lieber mit seinem eingebildeten Freund, dem toten Kamikazepiloten Hiroshi (Ryo Kase), Schiffe versenken spielt, entwickelt sich eine zaghafte Liebesgeschichte. Enoch möchte mit der naturverliebten Annabel, die Darwin liest und Vögel bei ihren lateinischen Namen nennt, das Beste aus der ihnen verbleibenden Zeit machen: Die beiden Träumer schaffen sich eine skurrile eigene Welt. Doch je konkreter sich das Ende ihrer gemeinsamen Zeit am Horizont abzeichnet, desto mühsamer wird es besonders für Enoch, die Realität auszublenden...

    Mit seinem vorigen Film „Milk" über den ersten offen homosexuell lebenden Politiker der USA hatte Gus van Sant noch ein zuvor selten beachtetes Kapitel der jüngeren Zeitgeschichte aufgegriffen und Sean Penn damit zu seinem zweiten Oscar verholfen. In „Restless" wendet der Filmemacher den Blick von der Politik ab und widmet sich einem intimen und entschieden introvertierten Stoff. Dabei lässt der sonst so wandlungsfähige Regisseur, der Mainstream-Stoffen wie „Forrester - Gefunden!" genauso wie anspruchsvollen Kunstfilmen wie „My Private Idaho" eine deutliche eigene Handschrift verlieh, ein wenig den individuellen Zugriff vermissen. Er hatte sich bereits in Filmen wie „Elephant" und „Last Days" mit dem Tod auseinandergesetzt und mit seiner distanzierten Inszenierung eine verstörende Wirkung erzielt. In „Restless" setzt er am Ende auf einen versöhnlichen Optimismus und eine klare lebensbejahende Botschaft: Das Leben ist lebenswert und der wahren Liebe kann selbst der Tod nichts anhaben. Damit bewegt sich van Sant in bekanntem melodramatischem Fahrwasser und auch wenn die harmonische Auflösung durchaus sympathisch ist, bleibt „Restless" so in einer gewissen Harmlosigkeit stecken.

    Die Inszenierung wehmütiger Herbstbilder und adretter Leidensmienen streift besonders im Zusammenspiel mit der Original-Musik von Danny Elfman und dem Indie-Folk von Sufjan Stevens nicht nur die Grenze zum Genre-Klischee, nüchternen Betrachtern wird hier ab und an auch die Bezeichnung „Kitsch" in den Sinn kommen. Dem Protagonistenpaar ist dabei kein Vorwurf zu machen: Henry Hopper, Sohn von Dennis Hopper, zeigt hier in seiner ersten Filmrolle eine sehr ordentliche Leistung und hat das Zeug zum Emo-Posterboy. Seine Figur lässt an den thematisch verwandten „Hallam Foe" denken, denn ähnlich wie jener seltsame Held beschränkt sich auch Enoch nicht auf gequälte Blicke, vielmehr macht er es den Menschen in seiner Umgebung mit seinem egozentrischen Verhalten nicht eben leicht. Mia Wasikowska („Alice im Wunderland") gibt dazu gekonnt die entrückte Elfe, die scheinbar längst ihren Frieden gemacht hat und dem Ende mit heiterer Gelassenheit entgegenblickt. Gemeinsam wecken sie als verschrobenes Paar Assoziationen an die Filme von Wes Anderson („Die Royal Tenenbaums", „Punch-Drunk Love").

    „Restless" lebt ganz von seinen beiden charmanten Hauptdarstellern, zwischen denen die Chemie stimmt. Die Handlung bleibt dagegen rudimentär und verläuft dazu komplett in bekannten Bahnen. So bekommt der Film mit dem Geist des japanischen Kamikazefliegers Hiroshi zwar einen phantastischen Einschlag, aber dieses Element spielt im Übrigen kaum eine Rolle und so hat die ungewöhnliche Figur am Ende nur atmosphärischen Wert. Die verspielte Morbidität, die den ganzen Film durchzieht, erscheint ohne eine klare dramaturgische Linie zuweilen etwas selbstzweckhaft, van Sant fügt seine aus dem Independent-Kino sattsam bekannten Versatzstücke letztlich kaum zusammen und hat ihnen zudem wenig hinzuzufügen. So bleibt es dem geneigten Zuschauer überlassen, mit den beiden schönen Helden mitzuleiden und in sehnsüchtiger Stimmung zu schwelgen.

    Fazit: Gus van Sants Indie-Drama ist eine optimistische und traurige Teenager-Romanze mit morbidem Hintergrund und loser Handlung: schöne Bilder, schöne Klänge und ein apartes Hauptdarsteller-Paar für alle, die es gern schwelgerisch mögen.

    Von Christopher Dröge

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