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    The Last Duel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    The Last Duel

    #metoo im Mittelalter

    Von Christoph Petersen
    Es ist immer wieder spannend, welche unerwarteten Querverweise sich in einem bunt zusammengewürfelten Festivalprogramm auftun. So feierte Ridley Scotts „The Last Duel“ seine Weltpremiere beim Filmfest in Venedig nur einen Tag, nachdem dort das an die Nieren gehende #metoo-Drama „Les Choses Humaines“ von Yvan Attal seine Uraufführung erlebte. In der französischen Bestsellerverfilmung geht es um eine mögliche Vergewaltigung – und wie verschieden die Beteiligten dieselben Geschehnisse wahrgenommen haben. Erst wird seine Sicht der Dinge geschildert, dann ihre – und am Ende soll bei der Gerichtsverhandlung so etwas wie die „Wahrheit“ herauskommen.

    Der auf realen Ereignissen aus dem 14. Jahrhundert basierende „The Last Duel“ ist nun quasi die historische Variante von „Les Choses Humaines“ – nur dass die Geschehnisse rund um eine Vergewaltigung diesmal nacheinander aus gleich drei Perspektiven geschildert werden und am Ende keine Gefängnisstrafe droht, sondern ein Duell auf Leben und Tod steht. Dabei lässt Ridley Scott im Gegensatz zu Yvan Attal allerdings nicht den geringsten Zweifel daran, wessen Sicht hier die richtige ist (wo man sich dann schon fragt, warum er uns dann überhaupt drei verschiedene zeigt). „The Last Duel“ geht als Hollywood-Großproduktion wenig überraschend auf Nummer sicher – das macht ihn als Statement zwar besonders korrekt, aber zugleich auch weniger kraftvoll. Wobei sich zumindest das titelgebende Duell dann zum Schluss noch mal als ultrabrachiales Highlight erweist.

    Das titelgebende letzte Duell ist zugleich auch der Höhepunkt des Films.


    Die Knappen Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques LeGris (Adam Driver) haben in den 1370er-Jahren gemeinsam im Krieg für den französischen König gedient. Aber während der nicht allzu helle Jean immer wieder aufs Neue aufs Schlachtfeld ziehen muss, um die Abgaben für seine Ländereien bezahlen zu können, macht der intellektuell und gesellschaftlich bewanderte Jacques schnell Karriere am Hof des lebenslustigen Grafen Pierre d'Alençon (Ben Affleck). Nur einmal zieht Jean das große Los, als er nämlich die ebenso intelligente wie attraktive Marguerite de Carrouges (Jodie Comer) ehelicht.

    Als Jean für einen wichtigen Termin nach Paris reist, stattet Jacques dessen daheimgebliebener Frau einen Überraschungsbesuch ab – und vergewaltigt Marguerite in ihrer Kammer. Der herkömmliche Rechtsweg scheint für Jean (seine Frau darf sowieso nicht selbst klagen) allerdings ausweglos, da der rechtsprechende Graf Pierre sowieso nie gegen seinen hochgeschätzten Buchhalter und allnächtlichen Orgien-Co-Ficker Jacques entscheiden würde. Aber Jean hat einen Plan: Er fordert beim König ein Duell auf Leben und Tod, obwohl diese Praxis schon seit vielen Jahren nicht mehr zum Einsatz kam…

    Schmatzende Schlachten, surrende Pfeile


    In den kurzen Schlachten-Sequenzen ist der „Robin Hood“- und „Königreich der Himmel“-Regisseur natürlich voll in seinem Element. Vor allem das brachiale Sounddesign knallt mächtig rein: Die Hiebe schmatzen, die Rüstungen krachen und die Pfeile surrend gnadenlos durch die Luft. Die entscheidenden Treffer wirken dabei mitunter wie spektakulär-brutale Finishing Moves aus einem Computerspiel. Aber das ist ja auch kein Wunder: Wir sehen die Geschehnisse schließlich aus der Perspektive von Jacques beziehungsweise Jean, die zwar jeweils ihren eigenen Beitrag etwas überbetonen, aber sich bei ihrer Sicht auf Krieg als heroisches Männlichkeitsideal offenbar doch einig sind.

    Aber diese Selbstwahrnehmung hält einer näheren Betrachtung natürlich nicht lange stand – daran lassen schon die Frisuren keinen Zweifel: Matt Damon trägt etwa einen Mittelalter-Vokuhila, über den noch viel diskutiert werden wird, der aber auch perfekt zu seinem Charakter passt: Jean ist schließlich ein echter Dummbratz, der zwar ständig von Ehre schwafelt, aber vom Leben und der Politik keinen Schimmer hat, weshalb hinter seinem Rücken alle nur über ihn lachen. Der 2007 zum Sexiest Man Alive gewählte Damon knipst sein natürliches Charisma für die Rolle vollständig aus – was im Kontext Sinn ergibt, aber auch ein bisschen langweilig ist.

    Jodie Comer trägt die größte schauspielerische Last - und meistert die Aufgabe einmal mehr mit Bravour.


    Adam Driver („Annette“) wiederum führt seine Durchbruchsrolle des intellektuell-abgründigen Verführers aus „Girls“ nun als Knappe im Frankreich des 14. Jahrhunderts fort. Von den männlichen Darstellern stiehlt am Ende aber Ben Affleck seinen Kollegen die Show: Als wasserstoffblondierter Graf Pierre torkelt er von Orgie zu Orgie und macht sich zwischendurch noch einen Spaß daraus, Jacques‘ Rechenschieber umzuschubsen, damit der mit der Berechnung der Staatsfinanzen beim nächtlichen Kerzenschein noch einmal von vorne beginnen muss.

    Die hauptsächliche Schauspiellast fällt aber der nach „Free Guy“ auch diesmal wieder großartigen Jodie Comer („Killing Eve“) zu. Man darf bei der an Akira Kurosawas Über-Klassiker „Rashomon“ angelehnten Mehrfach-Erzählung derselben Geschehnisse nämlich keine großen Twists erwarten. In der abschließenden Passage aus der Perspektive von Marguerite bekommt man nicht noch einmal völlig neue Infos geliefert. Stattdessen geht um die oft nur minimalen Details, die sich in den Kapiteln unterscheiden: Ist ihr Lächeln eine Höflichkeit oder eine Anmache? Wie genau klingt ihr „Nein“? Comer geht dabei mit einer unglaublichen Präzision vor.

    Debattenschnipsel aus der Jetztzeit


    Die potenzielle Ambivalenz etwa eines „Rashomon“ lässt Ridley Scott allerdings gar nicht erst zu: Zwar fangen alle drei Kapitel mit der Einblendung „The Truth According To X“ („Die Wahrheit laut X“) an – aber nur bei „The Truth According To Marguerite de Carrouges“ wird der Titel so ausgeblendet, dass am Ende nur noch „The Truth“ auf der Leinwand zurückbleibt. „The Last Duel“ ist offensichtlich auch als sehr aktueller Kommentar zur Jetztzeit gedacht – dazu reicht ein Blick auf die offizielle Zeugenbefragung von Marguerite, bei der nicht nur der „wissenschaftliche Fakt“, dass man von einer Vergewaltigung nicht schwanger werden kann, eine wichtige Rolle spielt, sondern die Zeugin von den männlichen Fragenstellern auch konsequent erniedrigt wird.

    Matt Damon und Ben Affleck haben ihr erstes gemeinsames Drehbuch seit dem Oscargewinn für das Skript von „Good Will Hunting“ gemeinsam mit der Indie-Regisseurin Nicole Holofcener („Can You Ever Forgive Me?“) basierend auf dem Sachbuch „The Last Duel: A True Story Of Crime, Scandal, And Trial By Combat In Medieval France“ verfasst. Dabei verlässt sich das Trio aber nicht auf solche eigentlich schon alles sagenden historischen Ungerechtigkeiten wie den Umstand, dass eine Vergewaltigung damals lediglich als Verletzung des Eigentums des Ehemannes galt. Stattdessen legen sie den Figuren immer wieder Dialoge in den Mund, die aus einer sehr heutigen Debatte zu stammen scheinen – etwa wenn Marguerite verkündet, sie hätte nicht nur für sich, sondern auch für alle Frauen vor ihr mit dem Schweigen gebrochen. Das macht den Punkt des Films aber weder klarer noch kraftvoller, nur gewollter und akademischer.

    Adam Driver spielt einmal mehr seine Paraderolle als Verführer mit abgründiger Seite.


    Aber raus aus dem Kino geht es dennoch mit einem Knall: Ridley Scott inszeniert das letzte offizielle Ritterduell in der Geschichte Frankreichs mit einer brachialen Urgewalt, die ihresgleichen sucht. Das Zerbersten der Lanzen entwickelt eine Kraft wie ein frontaler Autounfall – und beim wilden Eindreschen mit Schwertern und Äxten entwickeln Matt Damon und Adam Driver ebenfalls eine ungeahnte Körperlichkeit. Das Duell soll dabei historisch gar nicht der Ehrenrettung, sondern der Wahrheitsfindung dienen – Gott wird sich schon darum kümmern, dass der Lügner das Zeitliche segnet. Nur schade, dass Ridley Scott diese „Gottesentscheidung“ schon vorher selbst getroffen und seine Drei-Perspektiven-Struktur damit ein Stück weit ad absurdum geführt hat.

    Fazit: Ein Ritter-„Rashomon“, der so sehr auf seine politische Korrektheit bedacht ist, dass er als feministisches Statement allzu akademisch wirkt. Wäre Ridley Scott an sein zentrales Thema mit derselben ungebremsten Wucht und Wut herangegangen wie an das titelgebende letzte Duell, wäre dabei sicherlich ein überzeugenderer Film herausgekommen.

    Wir haben „The Last Duel” auf dem Filmfestival in Venedig gesehen, wo er außer Konkurrenz als Teil des offiziellen Programms gezeigt wurde.

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