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    Cyrano
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Cyrano

    Tyrion Lannister, der alte Romantiker

    Von Oliver Kube
    1897 veröffentlichte der französische Theaterautor Edmond Rostand sein romantisches Versdrama „Cyrano de Bergerac“, das von der Lebensgeschichte des gleichnamigen Schriftstellers aus dem 17. Jahrhundert inspiriert ist. Das Stück war ein augenblicklicher Hit in Paris und schon wenig später auch in großen Teilen der restlichen Welt. Bis heute zählt es zu den populärsten und meistgespielten Bühnenwerken überhaupt. Da ist es keine Überraschung, dass es immer und immer wieder verfilmt wird. Neben klassischen Versionen wie „Cyrano von Bergerac“ mit Gérard Depardieu von 1990 gibt es aber auch modernisierte Interpretationen wie „Roxanne“ mit Steve Martin, „Lügen haben lange Beine“ mit Uma Thurman oder zuletzt die besonders gelungene deutsche Battle-Rap-Variante „Das schönste Mädchen der Welt“ mit Luna Wedler.

    Der „Die dunkelste Stunde“-Regisseur Joe Wright und die Drehbuchautorin Erica Schmidt bleiben mit „Cyrano nun zwar auf der einen Seite ganz nah an der Vorlage, was die Ära und den Plot betrifft (mit der einen Ausnahme, dass der romantische Held diesmal klein gewachsen statt mit einer überdimensionierten Nase ausgestattet ist). Zugleich präsentieren sie den klassischen Stoff allerdings erstmals als Film-Musical. Eine Idee, die vor allem dank der hervorragenden Darsteller*innen sowie der melancholisch-brütenden Songs der Indie-Band The National aufgeht. So bekommt der alte Hut von der unerwiderten Liebe doch noch mal einen erfrischenden Dreh.

    Auch ohne übergroße Nase ein fantastischer Cyrano: "Game Of Thrones"-Fanliebling Peter Dinklage.


    Cyrano de Bergerac (Peter Dinklage) ist ein Offizier im Dienste der Gascogner Garde, mit dem man sich trotz seiner geringen Körpergröße besser nicht anlegen sollte: Weder im Duell mit dem Degen noch mit Worten kann ihm jemand das Wasser reichen. Da er sich selbst allerdings für ausgesprochen hässlich hält, macht er sich erst gar keine Hoffnungen, jemals das Herz der von ihm stürmisch verehrten Roxanne (Haley Bennett) erobern zu können. Also begnügt er sich mit einer platonischen Freundschaft, ohne ihr je seine wahren Gefühle zu offenbaren.

    Als Roxanne ihm eines Tages gesteht, ein Auge auf den seinem Kommando unterstellten Kadetten Christian (Kelvin Harrison Jr.) geworfen zu haben, beschließt Cyrano, dem Glück der Liebenden nachzuhelfen. Er freundet sich mit dem schneidigen, aber sprachlich unbeholfenen Christian an und beginnt, für ihn leidenschaftliche Briefe an die Angebetete zu schreiben – was ihm nicht schwerfällt, kommen die Worte und Emotionen doch aus tiefstem Herzen. Allerdings ist auch der Graf de Guiche (Ben Mendelsohn) an Roxanne interessiert – und der hat auch kein Problem damit, Cyrano und Christian in den Krieg und damit in den so gut wie sicheren Tod zu schicken…

    Tyrion kann auch singen!


    Wer hätte gedacht, dass der als Tyrion Lannister aus „Game Of Thrones“ weltberühmt gewordene Peter Dinklage nicht nur als tragischer, romantischer Held, sondern auch als sicherlich technisch nicht perfekter, aber dafür enorm ausdrucksstarker Sänger begeistern kann? Wohl auf jeden Fall seiner Ehefrau Erica Schmidt! Die schrieb die Titelrolle ihres 2018 uraufgeführten Bühnen-Musicals „Cyrano“ nämlich ihrem Gatten auf den Leib, indem sie die Vorlage leicht abänderte: Der Titelheld hat jetzt keine riesige Nase mehr, sondern ist eben auffällig klein gewachsen. Darüber hinaus passen die Anflüge von verschmitzter Arroganz und die schwermütigen Blicke einfach perfekt. Allein der Gesichtsausdruck, wenn Cyrano realisiert, dass Roxanne natürlich nicht in ihn, sondern einen anderen Mann liebt, ist absolut herzzerreißend.

    Von Joe Wright mit elegantem Drive und stylischer Historienfilm-Optik inszeniert, sind auch die anderen Charaktere – vor allem Haley Bennett („Swallow“) als Roxanne und Kelvin Harrison Jr. („Waves“) als Christian – stark besetzt. Gerade Ben Mendelsohn („Captain Marvel“) genießt ganz offensichtlich seine Auftritte als schleimiger Bösewicht, womit er die Rolle trotz ihrer eindimensionalen Bösartigkeit mit Leben füllt. Nur Bashir Salahuddin („Top Gun 2: Maverick“) wird als bester Freund des Titelhelden leider ein wenig verschenkt. Der Part ist so sehr runtergekürzt, dass er kaum noch etwas Substanzielles beizutragen geschweige denn zu singen hat.

    Bei den Gedanken an Roxanne (Haley Bennett) schreiben sich die Liebesbriefe fast wie von selbst...


    Wobei wir bei den sehr homogen ins Geschehen eingebetteten Musikeinlagen angekommen wären. Die Songs stammen von The National, der Indie-Sensation aus Cincinnati. Dabei passt nicht nur die tiefe Melancholie, die die Stücke der Band seit jeher auszeichnen, perfekt zu „Cyrano“ – die Songs erzählen die Handlung auch sinnvoll weiter, weshalb nicht wie sooft in Musicals längst Ausgesprochenes noch einmal minutenlang wiederholt wird. Mit wenigen Ausnahmen – wie dem von Bennett wunderbar verträumt intonierten „Someone To Say“ oder Ben Mendelsohns knackig-düsterem „What I Deserve“ – handelt es sich dabei allerdings nicht um klassische Ohrwürmer. Stattdessen entsprechen die Kompositionen und Arrangements der oft gedämpften Stimmung und illustrieren das Geschehen auf eher subtile, dafür sehr effiziente Art.

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    Das stärkste Lied reichert eine Szene an, die für die primäre Handlung nicht wirklich relevant, aber so bewegend, fast schon niederschmetternd ist, dass sie dem Film dennoch extrem gut tut: „Wherever I Fall“ wird von drei Soldaten aus Cyranos Regiment gesungen, die in einer Höhle sitzen. Sie schreiben Abschiedsbriefe an ihre Angehörigen in der Heimat, bevor sie in eine Schlacht ziehen, aus der sie höchstwahrscheinlich nicht zurückkehren werden. Einer dieser Männer wird dabei vom irischen Singer-Songwriter Glen Hansard verkörpert, der das Publikum schon im Oscar-prämierten „Once“ mit seiner sehnsüchtigen Stimme zu Tränen rührte.

    Christian (Kelvin Harrison Jr.) ist ein echt netter Kerl - nur mit der romantischen Prosa ist es bei ihm wirklich nicht weit her.


    Wenn Musicals für die Leinwand adaptiert werden, merkt man ihnen ihre Bühnenherkunft meist deutlich an. Selbst der zweifach Oscar-prämierte „Dreamgirls“ oder der Superhit „Mamma Mia!“ wirken gelegentlich statisch und wie eine Aneinanderreihung von in sich abgeschlossenen Vignetten. Das ist bei „Cyrano“ definitiv nicht der Fall. Trotz teilweise krasser Wechsel der Szenerien etwa von engen, dunklen Gassen zu einer weitläufigen, sonnendurchfluteten Festungsanlage ergibt alles immer ein rundes Ganzes.

    Sogar die wenigen Tanzszenen – etwa wenn das Fecht-Training des Regiments zu einem Mantel-und-Degen-Ballett mutiert – wirken organisch. In vielen Musicals wie dem ansonsten sehr gelungenen „Chicago“ sind diese oft so (über-)choreografiert, dass sie eher wie Fremdkörper oder hineingeschnittene MTV-Videoclips wirken. Hier indes befinden sich die handelnden Personen bereits zu Beginn dieser Sequenzen in Bewegung und die Tanzeinlagen entstehen deshalb nicht einfach aus dem Nichts, sondern fast schon natürlich. Hilfreich ist dabei auch die dynamische, sich mitbewegende, dabei aber niemals hektische oder gar aufdringliche Kameraarbeit von Seamus McGarvey („Abbitte“).

    Fazit: Joe Wright macht mit seinem ersten Kino-Musical eine ganze Menge richtig! Selbst wer sonst eigentlich wenig mit Musicals anfangen kann, sollte hier ruhig einen Blick riskieren.



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