Amazon will mit KI das größte verlorene Meisterwerk der Filmgeschichte retten – und damit kein Geld verdienen
Björn Becher
Björn Becher
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Seit mehr als 20 Jahren schreibt Björn Becher über Filme und Serien. Hier bei FILMSTARTS.de kümmert er sich um "Star Wars" - aber auch um alles, was gerade im Kino auf der großen Leinwand läuft.

Nach seinem Meisterwerk „Citizen Kane“ wollte Orson Welles ein noch ambitionierteres Projekt machen. Das Ergebnis ist heute legendär – auch wenn ein beträchtlicher Teil fehlt. Das soll sich jetzt ändern – mit der Hilfe von KI.

Warner Bros.

Diese Meldung könnte das Filmemachen in seinen Grundfesten erschüttern. Amazon will KI nutzen, um ein Filmmeisterwerk wiederherzustellen und damit zu „retten“. Das Unternehmen gibt sich dabei als Verfechter der Kunst und will sogar kein Geld damit verdienen. Doch am Ende ist das nur die halbe Wahrheit, dient der Fall doch eindeutig als hochkarätiges „Proof Of Concept“, was mit KI möglich ist.

Es wird zu fundamentalen ethischen und künstlerischen Fragen führen. Die Überlegung, ob eine Maschine durch das bloße Lernen aus Archivmaterial, die kreative Vision eines Genies wiederherstellen kann, ist nur der Anfang – insbesondere weil die Verantwortlichen hinter dem Projekt schon weit über diese „Rettung“ hinausgehende, für viele sicher erschreckende Pläne haben. Dazu müssen wir ein wenig ausholen...

Das verlorene Meisterwerk "Der Glanz des Hauses Amberson" erklärt

Orson Welles’ zweiter Film nach „Citizen Kane“ war die ambitionierte Adaption eines Romans von Pulitzer-Preisträger Booth Tarkington. „Der Glanz des Hauses Amberson“ alias „The Magnificent Ambersons“ erzählt vom Niedergang einer reichen Industriellenfamilie im Zuge des technischen Fortschritts – insbesondere der Automobilisierung – in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Welles hatte eine epische Vision, die komplex war. Nach einer schlechten Testvorführung bekam das Studio RKO Pictures kalte Füße. Ohne die Zustimmung und Beteiligung des gerade im Ausland weilenden Welles kürzte man den Film um satte 43 Minuten und drehte ein neues, positiveres Ende. Der Regisseur fühlte sich verraten, doch es sollte noch schlimmer kommen. Weil Lagerplatz benötigt wurde, kam es später zur Zerstörung aller Filmrollen mit dem entfernten Material. Die 43 Minuten galten als für immer verloren.

Auch in der 1942 veröffentlichten, 88 Minuten kurzen Fassung gilt „Der Glanz des Hauses Amberson“ als Meisterwerk. Doch durch Berichte von Menschen, welche die Langfassung gesehen haben, sowie aufgrund der Informationen aus Drehbuchentwürfen, Notizen und Memos setzte sich die Meinung durch, dass Welles Originalversion noch einmal besser gewesen wäre – vielleicht sogar besser als „Citzen Kane“, vielleicht der beste Film aller Zeiten.

So soll KI das "verlorene Meisterwerk" rekonstruieren

Davon sollen sich künftig wieder Menschen selbst überzeugen können. Die von Amazon unterstützte Firma Showrunner will Welles‛ Original-Version wiederherstellen – mit einer Synthese von KI und traditionellen filmischen Ansätzen. Die zerstörten 43 Minuten sollen dafür quasi neu erschaffen werden. Vorhandene Archivmaterialien wie Set-Fotos, Drehbücher und erhaltene Szenen werden genutzt, um die genaue Inszenierung und die Atmosphäre der verlorenen Sequenzen zu erfassen. Der Filmemacher Brian Rose soll fünf Jahre bereits daran gearbeitet haben. Er habe den genauen Inhalt von insgesamt 30.000 verlorenen Frames des Films recherchiert.

Für die Wiederherstellung plant die Firma sogar, einige Sequenzen mit Schauspieler*innen neu nachzudrehen und anschließend mit KI-Tools, Gesichter und Bewegungen so auszutauschen und zu verändern, dass man sie für die Originaldarsteller*innen hält. Die ursprünglichen Sets werden zudem in 3D-Modellen nachgebaut, um die genauen Kamerabewegungen zu replizieren, wie sie im Original-Drehbuch und in historischen Berichten, z. B. über eine legendäre, vier Minuten lange, ununterbrochene Kamerafahrt, beschrieben wurden.

Das Netflix der KI als Ziel: Das steckt hinter dem "nicht-kommerziellen Ansatz"

Mit der Veröffentlichung dieser neuen KI-Hybrid-Version des Welles-Klassikers wird man kein Geld verdienen. Das entstandene Werk wird also weder verkauft noch kostenpflichtig vertrieben. Das liegt aber nicht daran, dass man einfach generös ist. In erster Linie haben Amazon und Showrunner gar nicht die Rechte, um dies zu tun. Laut dem Hollywood Reporter liegen die nötigen Rechte an „Der Glanz des Hauses Amberson“ bei Warner und Amazon habe gar nicht erst versucht, sie zu erwerben.

Schließlich dürfte es Amazon und Showrunner gar nicht darum gehen, mit so einem einzelnen Projekt Geld zu verdienen. Die eigentliche Wertschöpfung folgt erst danach. Es wäre ein hochkarätiges „Proof Of Concept“, was möglich ist, was man machen kann. Eine erfolgreiche Umsetzung würde neue Märkte für Amazon erschließen. Amazon könnte damit auch die Produktion neuer Filme verändern. Schon jetzt gibt es in Hollywood schließlich schon zahlreiche Projekte, um Teile – von visuellen Effekten hin zur Vertonung – durch KI machen zu lassen, was Zeit und menschliche Arbeitskraft und so am Ende vor allem Geld spart.

Doch es geht weiter darüber hinaus, wie Filmemacher und CEO-Showrunner Edward Saatchi erklärt: Er träumt davon, aus seiner Firma ein „Netflix für KI“ zu machen. Was meint er damit? Die Technik soll dahingehend weiterentwickelt werden, dass das Publikum auf der Couch beim Schauen eines Films selbst, sich seine eigene Fan-Vision entwickeln kann. Du warst bei „Twilight“ schon immer „Team Jacob“ und willst, dass Kristen Stewarts Bella mit Taylor Lautners Werwolf statt mit Robert Pattinsons Vampir zusammenkommt? Die KI könnte dieses Problem für dich lösen...

Die ethische Debatte und die Frage: Von wem ist dieser Film?

„Diese Meldung könnte das Filmemachen in seinen Grundfesten erschüttern“, heißt es zu Beginn des Artikels – und es geht noch weiter. Hier alle ethischen Debatten rund um Amazons Vorhaben zu erläutern, würde den Rahmen sprengen. Aber zumindest ein paar Punkte zum Nachdenken wollen wir mit auf den Weg geben.

Schon wenn wir nur auf den „Rettungsversuch“ bei „Der Glanz des Hauses Amberson“ blicken, müssen wir doch fragen, ob das Ergebnis dann wirklich der Film ist, von dem Orson Welles wollte, dass wir ihn sehen. Die bereits kurz erwähnte, vier Minuten lange, ununterbrochene Kamerafahrt gilt als visionärer Moment. Die KI kann das ganz sicher technisch nachbilden und uns auch eine eindrucksvolle Kamerafahrt derselben Länge bieten. Erfasst sie aber die eigentliche Intuition, Ästhetik und künstlerische Absicht dahinter?

Ist ein solcher KI-Film am Ende nicht einfach nur eine Frankenstein-artige Nachbildung des originalen Films? Ist es nicht einfach nur etwas, das zwar äußerlich Welles ähnelt, aber im Geist und in der Seele eben nicht sein Original ist? Und wer ist Autor und Urheber dieses neuen Films? Immer noch Orson Welles? Oder nun Showrunner bzw. Amazon?

Noch komplexer werden diese Fragen, wenn sich Saatchis Traum vom eigenen KI-Netflix erfüllt und es in die Hände aller übergeben wird, sich eigene Frankensteine aus den Kunstwerken zu erschaffen. Und noch eine weit darüber hinausgehende Frage ist, wie man damit umgeht, wenn so Versionen der Stoffe entstehen, welche die eigentlichen Macher*innen rundheraus ablehnen und sich geweigert hätten, jemals zu machen?

Eine andere KI-Nutzung, die in Hollywood diskutiert, wird: tote Stars zurückzubringen. Mehr dazu gibt es im folgenden Artikel:

"Diese Stimme war so ikonisch": Robin Williams soll mit KI zurückgebracht werden – findet sein Co-Star

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