Viel wird darüber geklagt, dass das hiesige Kinopublikum den deutschen Film nicht wertzuschätzen weiß, sondern viel lieber gen Hollywood schielt. Oftmals wird dies als jüngere Entwicklung beschrieben. Dabei gibt es dieses Phänomen schon länger. Kaum ein Beispiel dafür ist so betrüblich wie der Vergleich zwischen dem 5-Sterne-Meisterwerk einer deutschen Regielegende und seinem passablen, aber längst nicht so zauberhaften Remake:
Wim Wenders' berauschendes, sinnliches und traumhaftes Meisterwerk „Der Himmel über Berlin“ lockte 1987 etwas mehr als 911.000 Menschen in die deutschen Kinos. 1998 erreichte das US-Remake „Stadt der Engel“ mit Nicolas Cage dagegen über 2,5 Millionen Filmfans. Wenigstens lässt sich Wenders' wunderschöner Klassiker nun in bestechender Qualität nachholen, denn „Der Himmel über Berlin“ ist diese Woche erstmals als 4K-Edition im Heimkino erschienen!
Bei der 4K-Premiere des deutschen Klassikers handelt es sich um eine 3-Disc-Edition mit dem Film auf 4K-Disc und Blu-ray sowie mit einer Bonus-Disc voller Extras. Zum Bonusmaterial gehören Audiokommentare (darunter einer mit dem viel zu früh verstorbenen Kulturexperten und Publizisten Roger Willemsen), ein arte-Beitrag über Wenders' Blick auf Berlin sowie geschnittene Szenen.
"Der Himmel über Berlin": Der schön-schmale Grat zwischen Kummer und Freude
Der Engel Damiel (Bruno Ganz) streift gemeinsam mit seinem Freund Cassiel (Otto Sander) durch das geteilte Berlin und lauscht wissbegierig den Gesprächen und Überlegungen der Menschen, die ihn nicht sehen können. Damiels Neugier auf die Gedanken und die Gefühlswelt der Erdenleute wird zunehmend größer – und erreicht ungeahnte Höhen, als er sich in die Akrobatin Marion (Solveig Dommartin) verliebt.
Also beschließt er, seine Unsterblichkeit gegen eine irdische Existenz einzutauschen, um endlich am eigenen Leib Leidenschaft und Sehnsucht, aber auch Kummer und Schmerz zu erleben. In seiner neuen, intensiveren Existenz bekommt er obendrein Ratschläge von einem Filmstar („Columbo“-Darsteller Peter Falk) ...
Eine irgendwo zwischen Beobachtung und Klischee zu verortende Faustregel besagt, dass tragische Filme schlechter ankommen als positivere Geschichten. Neben den offensichtlichen Blockbuster-Ausnahmen, die mit negativen Enden Reibach gemacht haben, beweist auch der Vergleich zwischen der Rezeption von „Stadt der Engel“ und „Der Himmel über Berlin“, dass sich zuweilen die niederschmetternde Geschichte besser verkauft.
Denn „Moonlight Mile“-Regisseur Brad Silberling arbeitet in seinem nach Los Angeles verlegten Remake mit tragischen Zuspitzungen, um die Geschichte zu dramatisieren und in eine gewöhnlichere Struktur zu zwängen. Wenders' Original ist dagegen trotz der bildgewaltigen Präsenz von Schattenseiten viel warmherziger, positiver und schöner. Doch da Wenders' Erzählung zudem weniger konventionell strukturiert ist, wird sie voreilig als weniger massentauglich abgestempelt.
Dabei ist „Der Himmel über Berlin“ ein ebenso schleichend-nachdenklicher wie zugänglicher Stoff – weshalb er sich sowohl im FILMSTARTS-Ranking der besten deutschen Filme aller Zeiten befindet als auch in der FILMSTARTS-Auswahl der besten Fantasy-Filme der Kinogeschichte:
Die besten Fantasyfilme aller ZeitenAllen, die sich auf Wenders schön-ruhiges Tempo einlassen, wird ein die Stärken des Mediums Film nutzendes Stück Poesie geschenkt, das das Leben in all seinen Schönheiten und Schattenseiten wertschätzt. Es ist nicht die Art sperriges Gedicht, mit der das Lehrpersonal liebend gern Schulklassen malträtiert. Sondern die Art Gedicht, das für sich spricht, und dadurch berührt, wie intuitiv es Bilder für Gefühle und Gedanken findet, die bislang ungeordnet im eigenen Hinterkopf herumschwirrten.
Wenders und seine Mitautoren Peter Handke und Richard Reitinger gehen ruhig und nachdenklich vor, ohne schleppend und verkopft zu werden: Sie laden uns dazu ein, mit den Engeln durch ein geteiltes Berlin zu streifen. Wir schnappen inspirierende Gespräche, alltägliche Begegnungen und Ausschnitte aus potentiell größeren Geschichten auf, als wäre dies ein sich auf Berlin begrenzendes, genussvoll schlenderndes Roadmovie.
Die Vielfalt an Stimmungen, die das menschliche Treiben dort ausmacht, wird durch die Musikuntermalung von „Der Himmel über Berlin“ deutlich, erklingt doch neben dem poetischen, zuweilen beschwingten Score von Jürgen Knieper auch der rauchige Rock eines Nick Cave! Illustriert wird die Engelsreise, bei der uns ein sanft-sehnsuchtsvoller, charakterstarker Bruno Ganz an die Hand nimmt, von berauschenden Aufnahmen des Kameramanns Henri Alekan:
„Der Himmel über Berlin“ zeigt, wie bewegend monochrome Bilder sein können, wie lebhaft der banale, bunte Alltag erst einmal erscheint, wenn man ihn einem bedrückenden Grau gegenüberstellt, und wie dünn die Trennlinie zwischen Tristesse und Traumwelt mitunter ist. Ob die Feststellung „Welche deutsche Stadt könnte dafür ein besserer Schauplatz sein als Berlin?“ Seitenhieb oder Verneigung ist, dürfen die Engel unter sich ausmachen.
Und noch mehr Wenders-Filmzauber findet ihr in unserem folgenden Heimkino-Tipp:
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Dies ist eine aktualisierte Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.